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Verletzte Landschaften

Ich fahre durchs Land. Im Zug das erste Mal seit über einem Jahr. Die Landschaften ziehen vorüber. Mein Buch hält mich, selten nur werfe ich einen Blick hinaus. Wenn ich es doch tue, fühle ich einen leichten Schmerz in den sanften Hügeln, in weiten Feldern, in Weinbergen, tiefen Wäldern.

Die Sonne scheint, der Herbst kündigt seinen Sieg an und Menschen freuen sich auf diese Jahreszeit. Ich bin kein Mensch für diese Zeit. Ich schaue hinaus und anders als auf der vergangenen Reise, fühle ich diesen leisen Schmerz. Ein Schmerz, den ich seit Jahren schon fühle. Es fühlt sich wie Abschied an und ist doch keiner. Vielleicht auch nur das Gefühl des Verlustes der Unschuld dieser Landschaften? Es gibt diese Formen, in denen ich ein Gefühl von zuhause empfand. Geblieben ist dieses Gefühl von damals, damals als noch Unschuld war, Unwissen, Stille. Damals als die Landschaften und Orte noch keine Stimmen hatten, keine Stimmen von Hass, keine Stimmen des Ausschließens, damals, als sie noch nicht brüllten. Tief hat sich das eingeprägt in Landschaften in Städte. Das Misstrauen begleitet die Blicke. Was denken die Menschen dort im Dorf, in der Stadt? Misstrauen gemischt mit Angst, gemischt mit Kraftlosigkeit. War das Misstrauen bis vor wenigen Jahren nur Menschen gegenüber vorhanden, so ist sie jetzt ausgeweitet auf die Landschaften, die doch unschuldig sind, nichts ändern können und bleiben, wenn wir schon lange gegangen sind. Die Kraft, die sie gaben, sie ist gegangen, verlorengegangen in den Kämpfen der Menschen.

Ich vermisse sie, die Landschaften, in denen ich den Abstand, die Heilung fand, die ich suchte. Sie ist gegangen und es schmerzt zu tief, als dass ich weiß, wie ich damit umgehen sollte. Ich schaue aus dem Fenster und denke, ich würde gern Zeit hier verbringen und gleichzeitig will ich es nicht, denn da sind Menschen, Menschen, die Gefahr sein könnten. Ich bin beschädigt durch die Zeiten, beschädigt durch Bilder, beschädigt durch Begegnungen, Gespräche und Beobachtungen. Ich will heilen und weiß, dass ich es nie ganz werde.

Ich werde Wege finden, werde verdrängen, an meine Vernunft appellieren, abgrenzen und abdecken. Wir werden versuchen zu heilen, die Landschaften und ich. Doch das schöne Gefühl der sanften grünen Hügel, des Meeres, der Berge, das ist verloren.


Foto: Juna Grossmann „reads and leaks“, Hasselblad 500cm auf Kodak Portra 400

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3 Kommentare

  1. Margot Papenheim Margot Papenheim

    Danke für den traurigen und doch bezaubernd schönen Text. Ich wünsche Ihnen (und den Landschaften) sehr, dass es zum Heilen hilft, dass Sie ihn geschrieben haben.

  2. Danke für diesen poetischen, stimmungsvollen Text.
    Ich muss an meine Freundin denken, auf die ich sauer war, weil sie mich noch kein einziges Mal begleitet hat zu einem Besuch bei meiner Tochter in Brandenburg, weil sie aus Anatolien stammt und „im Osten Angst hat“. Ich kenne sie als furchtlose Frau und dachte, ein politisches Statement sei ihr wichtiger als den neuen Lebensort meiner Tochter kennen zu lernen. Als mir ihr Sohn erzählte, dass er, der als Vertreter viel in Ostdeutschland unterwegs ist, in bestimmte Gegenden nicht fährt, und dass er, wenn er im Sommer zum Badesee fährt, sich dort vorher die Aufkleber auf den parkenden Autos ansieht: da habe ich was kapiert.

  3. Andreas Andreas

    Es ist seltsam wie sehr ich mich ihrem Text wiederfinde, obwohl ich einen ganz anderen Hintergrund habe. Manchmal spiegeln Landschaften nur unsere eigenen Befindlichkeiten wieder, machmal aber atmen sie aber auch das Grauen vergangener Tage und legen einen Schleier über alles, auch über unser Denken. Und dann träume ich mich fort in eine Welt ohne Menschen, während sich die Wirklichkeit mehr und mehr zurückzieht, auch die der Bäume, Flüsse und Seen. Und ich merke dass eigentlich ich es bin der sich zurückzieht von allem, und ich weiß nicht mehr wer unwirklicher geworden ist, ich selbst oder die Welt da draußen. Sie haben eine schöne, poetische Sprache. Das ist selten geworden heutzutage. Danke dafür.

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