Erinnerungen ans Dorf

Kennen Sie das, wenn Sie Bilder sehen, alte Fotos, dass die Erinnerungen wieder kommen? In der Dokumentation „Dorfliebe“ von Pamela Meyer-Arndt geschah das mit mir. Dabei ging es um die Fotos von Ute und Werner Mahler, die sie in diesem Dorf über die Jahrzehnte machten.

Bilder erschienen wieder in mir, vom Dorf, in dem ich als Kind viel war. Zunächst nur Sommerbilder und ich versuchte, mich zu entsinnen, ob ich auch im Winter dort war. Es musste so sein, denn auf der langen Zugfahrt hielt bei einer Schneeflocke in R, wo die Lock gewechselt wurde, der Zug noch länger, manchmal Stunden. Aber wo sind meine Wintererinnerungen? Irgendwann kamen sie, die Winterbilder, als im Film der Sportplatz gezeigt wurde, den es auch in K. gab, da ganz am Rand war die „Todesbahn“, die wir nicht rodeln durften und es heimlich doch taten, sicher, die Erwachsenen wüssten es nicht. Sie wussten es doch, denke ich heute. Und der lange Berg, der doch eigentlich Weide war, oder es später erst wurde, im Winter voll mit rodelnden Kindern und manche mit Ski. Die einzigen Bilder vom Winter, die ich habe. Das Feuer im Herd brannte auch im Sommer. Es gab keine Kamera zum festhalten, ich war auch zu klein und Kameras teuer. Als ich meine erste, eine Beirette, bekam, war ich nur noch selten da und hätte das Dorf sicherlich nicht damit festgehalten. Schöne Erinnerungen an dort gibt es kaum und sicher ist das Misstrauen im Dorf allem „Fremden“ gegenüber noch größer. Ich war dort immer die Andere, die aus Berlin, wie durchs Dorf gerufen wurden. Viel schlimmer vermutlich noch, die Tochter von der, die das Dorf verließ, studierte und nach Berlin ging. Oder sollte ich besser sagen: floh? Man mutmaßte, dass wir in Saus und Braus leben konnten. Das es dort im Konsum mehr Dinge gab, als in unserer Kaufhalle am Abend, wenn wir einkaufen konnten, glaubte man nicht. Dass der Reichtum an Obst und Gemüse dort im Dorf mit den Gärten viel reicher war, noch weniger. An Obst abseits der allgegenwärtigen Äpfel kann ich mich nur dort erinnern. Pflaumen gab es manchmal auch in der Stadt, mit anstehen und Glück.

Vielleicht hätte ich die Himbeerhecke fotografiert, den Kirschbaum, den ich mit meinem Großonkel vom Dach der Laube aus ernten durfte. Oder den kleinen Kirschbaum, dessen Früchte so schrecklich sauer waren, obwohl er ein Kind des großen war. Auf der Hollywoodschaukel darunter sagte die Großmutter etwas von Veredlung und dass diese eben fehle, wie bei manchen Menschen. Vielleicht hätte ich auch Hände fotografieren können. Diese Hände voller Arbeit in der Fabrik unten am Bahnhof oder im Stahl, die Hände vom Feld. Hände, die es heute wohl nicht mehr gibt und die mir mehr erzählen als Gesichter.

Ich erinnere mich sehr an die trockenen sandigen Sommer dort, auch im Jahr als Wasser ein Mangel war und man nichts aus der Leitung trinken solle. Im Konsum unten im Dorf gab es Wasser in Flaschen, aber nur für Babys, oben gab es das nicht. Gibt es heute überhaupt noch einen Laden im Dorf? Ich erinnere mich an zwei und dem Friseur gegenüber, der mir die Zöpfe zu Locken drehte und einen geheimnisvollen Wohlgeruch als Abschied darauf versprühte. Diesen Geruch suche ich noch immer. Der Friseur gehörte zum Besuch im Dorf, wenn der Großmutter die obligatorische Dauerwelle gemacht wurde in ihr dickes dunkles Haar, das ich wohl doch nicht erbte, zum Dorf gehörte auch das nicht ganz so heimliche Schlachten nebenan, das mich als Stadtkind um das Schwein, das ich wegen seiner Freundlichkeit mochte, trauern ließ. Den Lauf der Dinge stellte ich nicht in Frage, wie auch die Felle der Hasen auf dem Hof, die verkauft wurden, um das Einkommen aufzubessern. Nur als der große Rote geschlachtet wurde, das habe ich nie verziehen.

Weiter unten war der Sportplatz und später das, von den Dörflern selbst errichtete Sportlerheim. Manchmal gab es dort auf dem Vorplatz eine Kirmes, mit Karussell und vermutlich viel Alkohol. All das interessierte mich wenig. Ich ging vorüber. Ich weiß noch, wo die Post war mit dem Briefkasten, die Schule oben auf dem Berg, in die ich zum Glück nicht ging, der Friedhof daneben mit einer einzig verbliebenen Gruft, von denen es einst viele gab, so sagt man. Der alte Weg mit seinen großen Bäumen, so friedlich, ist geblieben. Der Dorfteich, die Kirche, die auch von außen kalt erschien, der alte Bergschacht und die Wiesen oben, wo wir das Heu für die Hasen holte, mit großer Kiepe auf dem Rücken und wo ich die Gefahr einer Sense lernte.

Ein Plumpsklo am gruselig dunklen Treppenabgang, in und auf dem im Winter überall Eisblumen blühten und gegen die man hilflos eine Rotlichtlampe als Beleuchtung einsetzte, gibt es nicht mehr. Auch die gruselig missmutige Hauswirtin ist schon lange tot. Ihre Hühner durfte man nicht ansehen, womöglich stahl man sie mit Blicken.

In dem Haus mit den kalten Zimmern und alten großen Weichspülerflaschen aus dem Westen als Wärmflaschen hatte ich die ersten Albträume, an die ich mich erinnere. Der Kuchen aber, der auf halber Treppe auf vielen Blechen ruhte, war das Paradies. Den gab es nur bei Oma.
Das Haus wurde nach der Wende verkauft, die neuen Menschen füllten es wieder mit Leben und mit offenen Herzen. Das Dunkel wurde vertrieben von diesen wunderbaren Menschen.

Ganz selten nahmen wir einmal den Bus „in die Stadt“. Ein Auto gab es nicht. Der Zug hielt schon in der DDR nur noch selten im Ort. Und was sollten wir auch in der Stadt? An sie habe ich nur graue Erinnerungen und Gedanken von „sie könnte so schön sein“. Sie ist es sicher auch heute, äußerlich, poliert. Vielleicht ein Besuchspunkt in Touristenführern gar.

Ich war seit sicher 20 Jahren nicht mehr dort, nichts zieht mich. Es ist das Dorf, das ausschloss und von dem ich heute noch höre, dass es das noch immer, vermutlich noch mehr tut. Vielleicht lag es auch daran, dass auch „wir“ nicht von dort waren? Vielleicht auch deshalb, weil der Weggang in die Stadt als Verrat empfunden wurde?

Ganz kurz vorhin im Film dachte ich, ich sollte doch einmal meine Kamera und ein paar Filme einpacken, dorthin fahren und Fotos machen von den Bildern, an die ich mich entsinne und wie es heute ist und dann: Nein ich will nicht zurück. Ich behalte die wenigen guten schönen Bilder in mir. Und hier widerspreche ich Ute Mahler, die im Film überlegt, dass Heimat wohl dort ist, wo man seine frühe Kindheit verbrachte. Ich verbrachte sie in Berlin, in K., in L., in A.. Nichts von dem ist Heimat, am wenigsten K.. Es sind Erinnerungen, die mich an Orte binden und aus anderen vertreiben. Heimat ist keiner dieser Orte. Ich suche sie weiter.


Dorfliebe
2010, 90 Minuten
Pamela Meyer-Arndt
Gebrüder Beetz Filmproduktion

Foto: Gebrüder Beetz Filmproduktion, Ludwig Schirmer

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