Zum Inhalt springen

Desillusioniert

Er fällt mir schwer dieser Tage, mein Job. Sehr schwer. Ich habe das große Glück, einen Beruf zu haben, von dem ich das Gefühl habe, dass ich “etwas zurückgeben” kann. Mein Weg dahin war nicht gezielt, es war ein Zufallsweg, wie so oft in meinem Leben. Ich mache keine Witze, wenn ich sage, ich träume davon, einmal in einem Museum ohne Nazis arbeiten zu dürfen, alte oder neue.

Ich mache meinen Job meist gern, doch fällt er mir immer schwerer, derzeit noch mehr. Warum ist das so? Zu meiner Arbeit gehört, dass ich täglich die Nachrichten scanne, zu dem, was an Erinnerungsarbeit in Deutschland passiert. Ich finde dabei großartige Projekte oft kleiner Initiativen oder Einzelpersonen, die mit Engagement ihr bestes versuchen und oft gegen Widerstand die NS-Geschichten ihrer Familien und Orte erforschen und offenlegen.
Immer mehr aber lese ich Nachrichten dazu, dass Straßen, die nach Nationalsozialisten benannt wurden, sehr bewusst nicht umbenannt wurden. Das Erstaunen, über bekannte deutsche Unternehmen, die in ihren Firmenhistorien für 1933-1945 – so diese Jahre überhaupt existieren – höchstens über Bombardierungen oder “dunkle und schwere Zeiten” Auskunft geben, amüsiert mich fast nur noch. Einer kurzen, von außen oktroyierten Phase der Aufarbeitung von Geschichte, folgte Schweigen, selbst in den Familienerzählungen. Stichwort Bahlsen. Gerade werden die Rufe etwas lauter, selten aber wird wirklich offengelegt, essentielle Archive bleiben für Historikerinnen und Historiker geschlossen. Firmenhistoriker, die zu deutlich mit ihren Ergebnissen sind, werden entlassen.

Deutlich mehr geworden ist das “wir haben aber schließlich auch gelitten”. Wirklich? Lassen Sie deutlich sein: WIR haben überhaupt nichts. WIR waren nicht geboren. WIR wiederholen Familienerzählungen, in denen es angeblich keine Schuld gibt. WIR halten Distanz – Wissensdistanz. Bedanken Sie sich bei Ihren Ahnen, deren Suppe Sie anscheinend noch heute auslöffeln dürfen und sorgen Sie mit dafür das dieses Palawer von „Wehret den Anfängen“ und „Nie wieder“ wenigstens ein Quäntchen glaubhaft würden. Keine Ahnung, ob das überhaupt noch möglich ist. Hören Sie mir auf mit diesem “Ich kann das Thema nicht mehr hören, das hatten wir so viel in der Schule”. Die Realität ist eine andere, da ist ziemlich wenig von dem Wissen da, das es brauchte, um das Entstehen von Dingen wie Nationalsozialismus im Ansatz verstehen zu können. Es ist noch weniger Wissen oder nennen wir es viel besser Interesse vorhanden, geht es darum, etwas daraus zu lernen. Fröhlich kaufen auch wir Hauptsache “Geiz ist Geil” Produkte von denen wir nicht nur vermuten, sondern wissen, dass sie in Zwangsarbeit entstanden. „Ist eben so, was soll ich denn tun?“ Ernsthaft? Es geht schließlich nicht um uns, wir sind ja nicht betroffen. Das (Medien)-Interesse an der gar nicht so lang zurückliegenden oft lebensgefährdenden Zwangsarbeit politischer Häftlinge in der DDR ist marginal. All das findet weit weg statt, in Jahren oder Kilometern. Aus den Augen aus dem Sinn. Ich bin es leid. So unendlich leid. Selbst Firmen, die sehr vom Nationalsozialismus profitierten und das, ein ausnahmsweise liegt mir auf der Zunge, vorbildlich und öffentlich in ihrer Historie thematisieren, sagen, dass es ihnen zu viel sei, die Bildbeweise in den sozialen Medien zu sehen. Es gab keinen Shitstorm. Es geht um vereinzelte Trollkommentare, die schon zu viel seien. Es macht mich wütend und traurig und müde, so unendlich müde!


Jeden (Arbeits-)Tag habe ich mit den Menschen zu tun, die durch Deutschland versklavt, missbraucht und teils auch ermordet wurden. Ich sehe ihre Gesichter, wenn es Fotos gibt, ich lese ihre Daten und weiß doch, dass es nur wenige interessiert, dass es sie gab, dass sie lebten und Träume, Wünsche, Hoffnungen hatten, dass sie Freunde, Familien hatten, denen sie fehlten und bis heute fehlen. Dass ihre Geschichten manchmal abgerissen sind und niemand nirgends weiß, was aus ihnen wurde. Dieser Tage kann ich mich kaum abgrenzen. Vielleicht konnte ich es nie. Das ist nicht gesund, ich weiß. Doch meist überwog das Gefühl, wenigstens etwas tun zu können gegen dieses allgemeine Vergessen, meinen Anteil zu tun, dass das nie wieder passieren kann. In den Jahren aber geschah immer mehr, dass die Gewissheit eines „nie wieders“ zerstörte. Stück für Stück und das Interesse war gering. Es betraf uns ja nicht. Antifaschisten werden als Feinde unserer Gesellschaft dargestellt, in einem Land, in dem wir in letzter Konsequenz nur Antifaschisten sein dürften. Unsere Ahnen mordeten sich durch Europa im Namen des Größenwahns, des Rassismus, der Überheblichkeit, der Raffgier und des Neids. Unsere Ahnen wurden ermordet aus den selben Gründen.

Ich weiß, dass dieses, mein Gefühl der Desillusion wieder gehen wird. Dass wieder ein Tag kommen wird, an dem ich helfen konnte, die Puzzleteile zusammenzufügen, Antworten zu finden. Indem ich einfach wieder einen Teil leisten durfte. Denn dafür liebe ich meinen Job.

Heute ist nicht so ein Tag und ich fürchte, das Leugnen und Vergessen wird (weite) mehr werden. Denn WIR haben nichts gelernt oder verstanden. Anders kann ich es nicht erklären.


Foto: May 8, Juna Grossmann, Sowjetsches Ehrenmal Treptow

Ein Kommentar

  1. Bettina Spohr Bettina Spohr

    was macht Sie so müde bei der Erinnerungsarbeit ? Wir haben jahrelang Seminare in Neuengamme gemacht und das Ergebnis ist auch ein Buch geworden „Nationalsozialistische Täterschaft in Gesellschaft und Familie“

    ZU dem Thema Ermüdung und Verarbeitung der Familiengeschichte schreibt Johannes Spohr auf preposition.de

    Wir lernten uns flüchtig kennen in Gardelegen bei Ihrer Lesung „Die Schonzeit ist vorbei“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert