Ein neuer Pass

Ein neuer Pass

Passbilder machen. Diese uncharmanten, bei denen man wenig verbergen kann, frontal, als ob es irgendwem schmeicheln könnte. Ein neuer Ausweis ist fällig, den Termin mit Glück bekommen. Es ist immerhin Berlin, da kann man genauso gut Lotto spielen.

Doch nun das Foto. Die Kette dran lassen? Lieber nicht. Seit dem 7. Oktober trage ich keinen Stern mehr. Doch weiß ich, wie sehr man Bilder vergrößern kann und was weiß ich, ob nicht doch einmal jemand das Chaj an meiner Kette erkennt und nun ja … nicht drüber nachdenken.

Gedanken im Kopf. Bürgeramt. Der Name? Ja, biblisch. Eigentlich müsste ich inzwischen im Schlaf die Bibelstelle zitieren können, so oft wurde ich gefragt. Vielleicht kommt auch nichts dieses Mal. In drei Monaten ist wieder der Pass fällig. Soll ich ihn gleich mit erneuern?

Die Tante sagte, das Wichtigste ist der Pass, man weiß nie. Ich verstand das nicht, damals als Kind in der DDR, wo ein Pass wie ein Objekt aus einer fremden Welt war. Und sie hatte gut reden, sie war Rentnerin, Grenzen gab es scheinbar nicht mehr für sie. Dann fiel die Mauer. Sobald ich das Alter erreichte, hatte ich einen. Was für ein Geschenk der deutsche Pass, mit dem man heute fast überall hinkann. Aber wohin will ich schon in nächster Zeit? Soll ich das nicht unerhebliche Geld erst mal sparen? Ich überlege laut. Mein Freund sagt: „Du solltest immer einen Pass haben, jetzt noch mehr als die Jahre zuvor. Du weißt nicht, wie sich das hier entwickelt und so kannst Du schnell raus.“ Recht hat er – wie so oft – also auch ein neuer Pass.

Ich muss immer öfter an Flugzeugentführungen denken, wo bereits ein Montblancfüller mit seiner Kappe des stilisierten schneebedeckten Montblanc reichte, eine Frau als Jüdin zu auszumachen, obwohl sie es nicht wahr und damit ihr Todesurteil zu fällen. Da ist es doch egal, welche Namen wir haben und welche Art Schmuck wir tragen.

Dennoch, nichts ist unbedacht, nichts unschuldig, nicht der Besitz dieses wertvollen Papiers oder der Anhänger an meinem Hals. Alles ist überlegt, abgewogen gegen die Gefahr dieser Welt.


Ich schrieb diesen Text im November 2023. Inzwischen habe ich meinen neuen Pass. Im Bürgeramt wurde ich nicht nach dem Namen gefragt. Und dennoch das Gefühl der Erfahrungen bleibt. Ich trage noch immer meinen Davidstern nicht in der Öffentlichkeit.


Foto von Karl Allen Lugmayer von Pixabay


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