Ich bin bewusst hier her gekommen. Ich sehe einen Sicherheitsmann auf und ab gehen. Sehe die Zäune, die mich erst denken lassen, der Ort sei geschlossen, doch das ist er nicht, er ist geschützt durch Zaun und Mann. Er muss geschützt sein, sonst wäre er wohl nicht mehr da.
Zur Straße hin eine Zaunöffnung. Dort ein paar junge Menschen mit einem guten Blick, wer angesprochen werden möchte, wer nicht, so scheint mir. Ich werde sie beobachten, wie sie mich vielleicht. Am Ort das, was durch die Presse ging: Ein nachgebauter Tunnel ganz am Rand. Er steht weniger im Zentrum, als man den Berichten nach denken mag. Im Zentrum, so empfinde ich es, stehen die Menschen, die Stühle, die sie seit dem 7. Oktober symbolisieren: Porträts einer entführten Person auf jedem einzelnen. Auf einigen inzwischen mit der Ergänzung „ermordet“. Shani Louk ist eine von ihnen ganz vorn. Nur wenige Plätze nach links wird die Reihe der Monoblocks durch zwei Kinderstühle unterbrochen, auf ihnen die Porträts der Kleinsten.
Wir sind still. Ich fotografiere still mit meiner alten Kamera. Irgendwas tun. Irgendwie beschäftigen. Und doch kommen hier an diesem Ort die Tränen, die ich seit Monaten zurückhalte. Stille Tränen.
Ich sehe die verbrannten Bücher der Bibliothek des Kibbuz Be’eri. Verbrannte Bücher. Bebelplatz. Universität. Und ich weiß, welcher Lärm in den Universitäten der westlichen Welt herrscht. Doch dieser Ort ist still. Er will nur erinnern an die Menschen, die die Welt vergessen hat, an die, die hoffentlich noch leben – und an die, die ermordet wurden, an die Dörfer, die es vielleicht nicht mehr geben wird.
Ruhig und zurückhaltend begrüßen die jungen Menschen Interessierte. Sie erklären ihnen ruhig, worum es geht: Um die Menschen, um Gewissheit für die Familien, darum, dass sie zurückkehren können, dass man sie frei gibt. Die Zeit läuft, das verdeutlicht eine riesige Sanduhr, die am Eingang steht. Der Tunnel weiter am Rand. Ich kann nicht hinein gehen. Ich habe keine Kraft mehr, keine Kraft mehr vom täglichen so tun, als ob.
Ich sehe die ruhigen Gespräche, das Willkommen und kann nur denken: Das ist Protest. Ich weiß gar nicht, ob sie es selbst als Protest verstehen. Ich kann nicht fragen, zu sehr beschäftigt mit meinen Gefühlen. Doch das ist Protest, nicht das laute Brüllen, die Zerstörung und die Gewalt. Wie kann man mit Gewalt und Zerstörung gegen Gewalt und Zerstörung protestieren? Ich verstehe es nicht. Das hier, dieser kleine umzäunte und bewachte Ort, er berührt mich zutiefst und schafft es, all das Verborgene, das Versteckte, nicht erlaubte zu fühlen und Tränen zuzulassen.
Foto: Bring them home now, Bebelplatz Berlin 18. Mai 2024, Juna Grossmann (montiert aus vier Fotos 24×24 mm)
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