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Ausstellungsbetrachtung: Behausungen von Karen Weinert

Zart sehen sie aus, die Fotografien im Ausstellungsraum Bautzner 69 in Dresden. Helle Rahmen, weiße Hintergründe und die Hauptrollen dieser Ausstellung – bzw. nur ein Bruchteil dessen, was von Karen Weinert über die Jahre in den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden fotografiert wurde: Nester. Vogelnester. Behausungen.

Manchmal ist es Glück, wenn Wissenschaft und Kunst zusammentreffen – und sich verstehen können. So wie es bei Karen Weinert, der Künstlerin und Martin Päckert, dem Wissenschaftler gelang. Weinert entdeckte die vermutlich einmalige Sammlung von etwa 1.000 Vogelnestern der Stiftung während einer Führung für sich. Eine Ausstellung der Objekte gibt es schon lange nicht mehr. Bis 1945 waren sie im Zwinger zu sehen.

Weinert und Päckert kamen zusammen. Win-Win würde man es wohl nennen. 1.000 Nester zu digitalisieren, die vielleicht dann nur von einigen wenigen Wissenschaftler:innen zum Studium gesichtet würden, ist idealistisch, ehrenhaft aber vor allem teuer. Fördergelder müssen eingeworben werden und konkurrieren bekanntermaßen mit vielen anderen Projekten. Die Begeisterung für diese Behausungen aber an Laien zu übertragen, ist die Schwierigkeit, die Karen Weinert meisterte. Die ihr eigene Faszination für diese Heime ist den sorgfältig, sachlichen, ausgeleuchteten hellen Bildern Weinerts anzusehen. Sie ziehen an, ziehen in den Raum, in dem derzeit gut 80 Bilder ausgestellt sind. Nichts erscheint hier wie ein Digitalisierungsprojekt, man sieht die Liebe und Begeisterung, die in jedem einzelnen Bild stecken. Nicht nur Weinerts Begeisterung, sondern auch die derer, die diese Sammlung einst zusammentrugen. Weinert bemerkt hierzu, dass das sehr wahrscheinlich heute nicht mehr so möglich wäre. Teils als Schauobjekte präpariert, wurden die Nester in vermeintlich passender Lebensumgebung präpariert. Man erkennt sie an den kleinen Sockeln mit Beschilderungen. Teils haben sie aber nur einen kleinen Zettel befestigt, der Auskunft über Vogelart und Herkunft gibt. Manch ein Nest zeigt gleich seinen Erbauer, viele nicht. Die Arbeiten sind nicht beschriftet. Ein schön gestalteter Flyer gibt Auskunft über die Namen der Erbauer.

Nun ist Karen Weinert keine Dokumentarfotografin, sondern Künstlerin, wie sie selbst betont und wollte ihre eigene Handschrift hinzufügen. Die Fotografien der Sammlungsnester genügten ihr nicht. Im Raum der Bautzner Straße möchte man rufen: zum Glück. Sind die meisten Abbilder etwa 1:1 bis 1:2 in der Größe, so stechen große dunkle quadratische Bilder heraus. Hier hat Weinert Nester aus Nistkästen auf einen Scanner gelegt und so großformatig abgebildet. Sie zeigen den Gegensatz zu der freien Formen der Sammlung und dem, quasi vom Menschen vorgegeben Raum, der sich nicht nur in der quadratischen Form, als auch im Nistmaterial zeigt: Kunststofffasern, Hundehaare, Moose, Federn, aber auch erfolglose Aufzuchtversuche sind hier zu sehen. Erstaunlich wenig Zivilisationsmüll – der aber natürlich auch durch das Loch im Nistkasten gebracht werden müsste. Ohne diese Arbeiten wären die faszinierenden Objekte der Sammlung in der Tat nur Dokumentation – hier werden sie zur Kunst, zur Bildhauerei und ziehen sicher nicht nur mich in den Bann.

Hervorzuheben ist hier auch ein Katalog zur Ausstellung, der alle Abbildungen zeigt – inklusive der nicht minder faszinierenden Vogelnamen. Den Katalog gibt es in zwei Ausführungen. Klar, dass ein Exemplar mit nach Hause musste, gekauft versteht sich.

Von Herzen möchte ich diese Ausstellung empfehlen. Zumindest von Berlin aus ist Dresden nicht weit, gleich in der Straße findet man auch einen Parkplatz und die Künstlerin selbst ist so nett und öffnet den Raum auch außerhalb der Öffnungszeiten am Wochenende. Man sollte es sich nicht entgehen lassen. Vielleicht finden sich aber auch Ausstellungshäuser, die diese Ausstellung außerhalb Dresdens zeigen können? Spontan fiele mir dazu noch eine Kombination mit Matthias Garff ein? Naturkundemuseen, Galerien, so viele Möglichkeiten. Ich würde sie mir noch einmal und wieder ansehen.

Die Ausstellung in Dresden ist noch bis 9. April zu sehen, die Finissage verspricht ein Spektakel zu werden – am besten direkt anfragen. Viel Vergnügen schon jetzt.


Disclaimer: Ich habe keinerlei Vergünstigungen erhalten, noch wurde ich gebeten, etwas über diese Ausstellung zu schreiben. Es ist schlicht meine Begeisterung – und vielleicht auch etwas der Begeisterung, von Karen Weinert, die inzwischen alle 1.000 Nester fotografierte. Was für eine Leistung!

Disclaimer 2: Auch ich verfolge die Nachrichten, sie gehen mir mehr als nah. Ich ignoriere sie nicht. Doch manchmal sind meine persönlichen Gedanken genau das: persönlich.

Foto: Blick in die Ausstellung in Dresden gemacht von Ralf Steeg.

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