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Sparen. Geschichte einer deutschen Tugend (?)

Gelegentlich gibt es Überraschungen. Überraschungen in Museen, in Ausstellungen und in uns selbst. So erwartete ich unter dem Titel „Sparen. Geschichte einer deutschen Tugend“ nicht viel, als ich ins DHM ging. Mit der Ausstellung zur Geschichte des Geldes im Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz war ich allerdings schon einmal mit der spannenden Geschichte des Geldes, warum also nicht auch des Sparens  überrascht worden. Dann also:

Wir hatten das große Vergnügen vom inzwischen heiseren Kurator Robert Muschalla selbst geführt zu werden. Eine kurze Zusammenfassung des scheinbar drögen Themas:

Sparsamkeit versteht sich in Deutschland von selbst. Private und öffentliche Haushalte ebenso wie die Unternehmen sparen in Deutschland in großem Umfang. Die Mehrheit der Menschen im Land stellt das Sparen der privaten Haushalte auch in Zeiten historisch niedriger Zinsen nicht in Frage, ebenso wenig die Spardoktrin der deutschen Finanz- und Außenpolitik. 

Allerdings, und so wurde mir erst vor Ort bewusst, ist der Blickwinkel auf das Thema nicht der Deutsche, sondern vielmehr

[…] betrachtet und diskutiert [die Ausstellung] das tradierte Sparverhalten der Deutschen vor dem Hintergrund internationaler Kritik

So ist es vermutlich auch nur für uns überraschend, dass die Ausstellung international bereits zu ihrer Eröffnung große Resonanz fand – das erklärt auch den heiseren Kurator. In Deutschland allerdings…nun ja. Vielleicht ist das Thema eben so selbstverständlich oder eben auch so dröge besetzt, wie nicht nur ich den Eindruck hatte.

Die Ausstellung bietet eine Reise durch die Zeit, der Entstehung der ersten Sparverbände, der Sparkassen, Raiffeisenbanken, die Entstehung des Sparens und der schon immer nationalistischen Konnotation des Sparens.

Robert Muschalla hat, und dafür sei ihm hoffentlich nicht nur mein Dank gewiss, einen Nebenstrang der Geschichte aufgemacht oder besser, lenkt immer wieder den Blick dorthin: Antisemitismus. Er beginnt mit den ersten sparbezogenen Pogromen in Italien im 15. Jahrhundert.

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Dieser scheint sich, wie ein roter Faden durch die Geschichte zu ziehen. Heute sind diese alten Ressentiments wieder aus den Schubladen geholt, werden unverhohlen von sich gegeben und als Tatsachen betrachtet.

Dieser immer wiederkehrende Aspekt und die Verbindung des Sparens als nationale Eigenart geht scheinbar ununterbrochen einher mit dem Hass auf Juden im damaligen Reich. Auch Mythen, wie diese, dass Hitler an die Macht kam, weil es Deutschland so schlecht ging versucht Muschalla zu entzaubern.

Die Reise geht weiter zu Begriffen wie „Brechung der Zinsknechtschaft“, Sparen für den KdF-Wagen oder die KdF-Reise. Letztere sind um die wohl makabersten Objekte der Ausstellung gegliedert, einer Sparkarte für Ostarbeiter*innen, die so zu mehr Leistung motiviert werden sollten und einer Sparkarte des Ghettos Theresienstadt, die für die Delegation des Roten Kreuzes dort erfunden wurde, um eine heile Welt darzustellen. Heile Welt im nationalsozialistischem Sinne heißt eben auch Sparen.

Ostarbeiter-Sparkarte der C. G. Schönherr Papier- und Holzstoff-Fabrik Floßmühle bei Borstendorf, 1943/1944
© Historisches Archiv der Erzgebirgssparkasse Schwarzenberg, Foto: Thomas Bruns

 

Sparkarte der Bank der Jüdischen Selbstverwaltung im Ghetto Theresienstadt Theresienstadt, März 1945
© Deutsches Historisches Museum

Wir gehen weiter in die Zeit des Wirtschaftswunders. Werbung zum Sparen in allen Farbpaletten, Werbung, die bald in einem Teil Deutschlands eingestellt wurde, denn was sollte man mit dem gesparten Geld tun. Die gute Hausfrau, die auch vor dem Krieg die Kasse zusammenhielt, das Klischee wird weiter bedient.


Die letzte Krise mit der Reaktion der Berliner Sparkasse in Form eines „Goldenen Sparbuchs“ beenden die Reise, die durch interaktive Elemente und reichlich Informationen im Epilog abgeschlossen wird. Vor allem zwei Erkenntnisse: Deutschland ist nicht Sparweltmeister und 40% aller Deutschen können überhaupt nicht sparen, da sie nicht über die Mittel verfügen. Dennoch vermittelt die Gesellschaft den Eindruck, dass Vermögensbildung an Leistung gekoppelt sei.

Ich werde mit Sicherheit noch einmal in Ruhe die Ausstellung besuchen und mir auch die Werbefilme ansehen, für die leider keine Zeit blieb. Diese Ausstellung ist eine positive Überraschung, die kritisch hinterfragt und zur Diskussion anregen will. Genau das, was m.E. die Aufgabe von Museen ist. Danke für die spannende Führung und diese Ausstellung!

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Sparen. Geschichte einer deutschen Tugend. ist bis zum 26. August 2018 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen. Empfehlenswert unbedingt eine Kuratorenführungen, z.B: am 11. April und am 20. Juni um jeweils 18 Uhr. Öffentliche Führungen gibt es auch für Blinde und Sehbehinderte, in deutscher Gebärdensprache und einfacher Sprache. Die Ausstellung selbst ist in weiten Teilen barrierefrei! 

 

9 Kommentare

  1. Manuela Manuela

    Auch meine Familie und ich gehörten zu den „fleißigen“ Sparern.
    Schon seit meiner Kindheit wurde das ganze Jahr zum Weltspartag hin, den 30. Oktober gespart. Wir hatten bei mehreren Banken und der Sparkasse Sparbücher.
    Ich habe bis zu meinem 44. Lebensjahr gespart.
    Seit Einführung der Eurowährung ist das „Sparen“ zum Stillstand gekommen.
    Die angesparten Beträge wurden durch ständiges abheben weniger bis hin zur Kündigung einiger Sparbücher.
    Und heute? Wer kann noch sparen nachdem der Lebensunterhalt so teuer geworden ist?
    Ich nicht mehr!
    Ich stehe als Alleinstehende nach erster längerer Krankheit in meinem Leben vor dem Existenzminimum, hatte im Krankengeldbezug 700 Euro im Monat, soll jetzt in die Arbeitslosigkeit mit 641 Euro im Monat. Also weniger als mancher der nach Deutschland gekommen ist und das nach 45 Jahren Arbeit.
    Da kann man leider nicht mehr sparen.
    Der Spruch “ Armes Deutschland“ bewahrheitet sich immer mehr.
    Bin froh das ich schon so alt bin und nicht mehr lange leben muss.

    • Wenn Sie nur 641 Euro Arbeitslosengeld I erhalten, sollten Sie prüfen lassen, ob Ihnen nicht auch noch ergänzend Arbeitslosengeld II zusteht.

      • Manuela Manuela

        Vielen Dank für Ihren Tip.
        Möchte ich aber nicht beantragen, man fällt nach einer gewissen Zeit doch sowieso in ALG II.
        Ich habe ein Haus das ich seit fast 20 Jahren alleine stemmen musste.
        Bin schon am aussortieren einzelner Gegenstände und Hausrat.
        Vielleicht muss ich da ja dann auch raus .

    • Johannes Johannes

      Als wisse man nicht vom ersten Job an was man später mal an Rente bekommt, selbst Schuld würde ich sagen. Dumme Nazi Sprüche, von wegen „weniger als mancher der nach Deutschland gekommen ist…“

      • Manuela Manuela

        Hab´ lange überlegt ob ich Ihnen hier antworte.
        Aber ich kann diese Aussage von Ihnen mir gegenüber (von wegen Nazi Sprüche)
        nicht so stehen lassen.
        Sorry, aber ich bin KEINE die etwas gegen Ausländer hat.
        Habe seit meiner Jugend viele ausländische Freude in meinem Umfeld sowohl im Familienkreis als auch ich Freudeskreis!!
        Klar weis man was man später an Rente bekommen könnte, aber wenn man zu den Geringverdienern (knapp 1/4 der deutschen Bevölkerung bezieht einen Stundenlohn von weniger 9,54 €) gehört kommt später nicht viel rüber.
        Und das Geld reichte auch nie um noch eine Zusatzrente etc. abzuschließen.
        Ich habe nach 3 Krebsoperationen und längerer Krankheit,
        um überhaupt wieder arbeiten gehen zu dürfen und um den deutschen Staat nicht auf der Tasche zu liegen mit 6 € Stundenlohn im Einzelhandel angefangen.
        Wieviel bleibt da im Monat übrig wenn die Fixkosten weg sind!!??
        Mehr möchte ich hier nicht dazu sagen.

  2. Dietmar Dietmar

    Ich selber bin mittlerweile von dem Wort „Sparen“ so genervt…
    Seit ca. 30 Arbeitsjahren muss gespart werden, das fing gefühlt mit dem 1. Tag der Ausbildung zum Gesellen los: „Wir müssen sparen !“
    Für wen oder was gespart werden musste wurde eigentlich nie erwähnt…?

    Dabei ist es wohl eher ein Missbrauch des Wort „Sparen“….
    Weil jede Mark bzw. Euro den ich nicht verbraucht/verwendet habe
    ( fälschlicherweise sparen genannt ) hatte jemand anderes zur Verfügung.
    Im Prinzip ist das was mir seit 30 Arbeitsjahren als „Sparen“ verkauft wird nichts anderes als die Umverteilung von unten nach oben.
    Als Sparen würde ich bezeichnen wenn ich als Privatperson einen gewissen Betrag sammle für eine größere Anschaffung, Urlaub etc. wie im Artikel erwähnt.

    Nun werde ich gleich in die Firma ( Bereich Bildung) fahren und ich bin sicher das mir heute einer meiner Vorgesetzten erzählen wird „Wir müssen sparen !“
    Na sicher doch, wir könnten auch den Betrieb einstellen dann ersparen wir uns den Rest auch noch…

  3. Iko Iko

    Danke für den interessanten Beitrag.
    Die zentrale Dimension des Sparens ist die ökonomische, die hier wohl hinter der historischen zurücktritt. Dazu zwei konträre Stichpunkte:
    1. Sparen und Schulden sind die beiden Seiten einer Medaille. Wenn niemand Kredite aufnimmt, kann auch niemand sparen. Ohne öffentliche Verschuldung gibt es keine Staatsanleihen.
    2. Zinseszins führt zu exponenziellem Geld-Wachstum, das die Realwirtschaft auf Dauer nicht bedienen kann. Durch Inflation („Geldentwertung“) muss das immer wieder korrigiert werden.
    Diese einfachen Zusammenhänge werden in der Politik häufig vergessen.

  4. Die Ausstellung klingt sehr interessant. Da ich Sie leider nicht selbst besuchen kann, freut es mich umso mehr, bei Ihnen darüber zu lesen.

    • Es freut mich sehr, dass ihnen meine kleine Ausstellungsbeschreibung zusagt. Danke! Übrigens, wenn es nach mir ginge, sollten Ausstellungen auch immer digital verfügbar sein – eben, wenn man sie nicht selbst besuchen kann. Nur solange Museen nach physischen Besuchern gewertet werden, ist es noch ein weiter Weg.

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