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Raum der Stille

Es ist nicht schön dieser Tag. Doch es gibt Orte, an denen das Wetter nichts ändert, an denen Menschen dennoch zuhauf erscheinen, sich ablichten, rufen, trudeln, viele sind. Ein Ort wie dieser ist das Brandenburger Tor. Vielleicht auch das Wahrzeichen Berlins, Deutschlands_ Für mich noch immer ein Ort des Wunders. Als Kind als ich Wochen in der Charité leben musste, als die Besucher mich in das begrenzte Umfeld führten, um mich und sich auf andere Gedanken zu bringen. Das Tor so weit weg. Abgesperrt mit Betonkübeln, bepflanzt. Niemand darf dort hin.Ä sagte man mir, als ich das schöne Tor näher sehen wollte. Aber dort waren doch Menschen, Menschen mit Gewehren. Menschen in Uniformen. „Los, wir gehen weiter, wir sollten hier nicht so lang bleiben.“ Mit sieben Jahren verstand ich bereits, was das heißt. Das Tor, das schöne, das Unerreichbare. Meiner Großmutters einziger Wunsch war nach dem Mauerfall, einmal hier hindurchgehen. Als sie dann endlich nach Berlin kam, war das Tor verhüllt von Planen und Gerüsten. Es war eben doch nicht schön genug für die neue Welt.

Heute ertappe ich mich dabei, wie ich mit ihm rede, mit dem Tor. Was es wohl denken würde? Was es alles erlebte. Ist es je so viel fotografiert worden wie heute, war je soviel Trubel um es herum? Und will es nicht manchmal auch einfach nur seine Ruhe haben? Mal nicht so prachtvoll sein und scheinen. Rechts im Tor ist diese Stille. Bin ich einmal dort, suche ich sie auf. Ein dort sein ist nur noch selten, zu laut wird mit meine Stadt jeden Tag, verliert die Nachdenklichkeit, die sie einmal hatte und ihre schöne Melancholie. Die Stille aber, die man hier inmitten allem findet, sie tut gut. Ein Ort der Stille an dem Ort, der einst selbst laut war vor Hass und so still vor Angst, der so voller Symbolik ist und auch ein Stopp im Lärm der Stadt, der Menschen. Kein Gebetsraum, nichts Konfessionelles. Einfach nur Stille im Tor inmitten einer der Hauptstädte Europas. Hier kann man beten ja, meditieren oder eben einfach nur dem Nichts lauschen, dem Mantelrascheln, dem Schuhknarren der anderen im Raum, den leisen Schluckgeräusch der Tür, wenn sie schließt.

Orte wie diesen sollte es nicht nur hier geben, am Tor oder in Flughäfen, wo sie vielleicht auch wie kein anderer Ort ein Ort der Interreligiosität sind. Wo ich gemeinsam mit Muslimen, Christen und Buddhisten auf den Reisen nicht nur Ruhe fand, sondern auch Raum für ein Gebet, ein Innehalten. Miteinander, nebeneinander, im gegenseitigen Verstehen. Ein Ort der Stille in Museen, ein Ort der Stille in Einkaufspalästen, Bahnhöfen, ein Ort der Stille in Firmen, in Verwaltungen. Einfach ein Ort zum Stillstand, nur Ruhe für die, die sie brauchen. Ja, das wäre schön.

2 Kommentare

  1. Weil es so wenige Orte der Stille gibt, versuche ich manchmal, die Stille in mir zu finden. Orte der Stille als interreligiöse Orte – das hieße dann, nicht nur interreligöser Dialog, sondern vielleicht interreligiöses, gemeinsames Schweigen (was ich nicht unwichtig finde)

    • Ich fand diese Orte im gemeinsamen verstehenden Schweigen immer besser als Podiengespräche und irgendwie sich erklären müssen. Wenn man einfach nur einander versteht, statt zu beweisen oder was weiß ich, ist man weiter, denke ich.

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