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Heimat?

„Was machen die Juden hier in Deutschland? Jetzt haben sie doch ihre Heimat. Warum gehen sie nicht dorthin?“

Heimat? Was ist Heimat? Immer mehr komme ich zu dem Schluss, dass Heimat dort sei, wo Fremde mich hinschicken. Warum darf mein Zuhause nicht meine Heimat sein? Vielleicht weiß man auch erst, was es ist: Heimat, wenn man einmal weg von ihr ist, fern und realisierend, wie sehr man doch selbst dieses Land ist, wie sehr es in einem ist. Einst lebte ich in einem anderen Land. Ich kehrte zurück voller Sehnsucht. Ich kehrte zurück, weil ich die Offenheit dort vermisste, weil ich mit der Bedeutung der gesellschaftlichen Stellung und all den (einschränkenden) Regeln, die zu befolgen waren, nicht zurechtkam. Ich kehrte zurück, weil ich mit dem alltäglichen Rassismus, der dort so normal wie unreflektiert war, nicht zurechtkam. Immer mehr fühlte ich, dass meine Heimat dieser alte Kontinent hier ist, in dem ich überwunden glaubte, was andere Alltag nannten. Ein Kontinent in dem ich Offenheit, Humanismus, Bildung über Dingen stehen sah, wie Titel, Geld, Hautfarbe, gesellschaftliche Stellung.

In den Jahren seit meiner Rückkehr wurde mir immer öfter meine Heimat abgesprochen. Doch bestimme ich nicht selbst, wo das ist? Bestimmt nicht jeder einzelne Mensch selbst, wo Heimat ist? Für die einen sind es die Menschen, die sie umgeben, für andere der Ort, in dem sie Zuflucht fanden, sie nicht mehr verfolgt werden, wieder andere finden ihre Heimat dort, wo die Ahnen schon lange lebten. Heimat kann so vieles sein. Es ist ein unbestimmter Ort. Für jeden etwas anderes, manchmal nur in Nuancen unterschieden, doch immer individuell. Ich wusste, was und wo Heimat für mich ist. Ich kehrte zurück in meine Stadt. Ich kehrte zurück in ein Land, in dem man mir noch immer sagt, meine Heimat sei Israel, um im nächsten Moment das Existenzrecht dieses Staates abzusprechen – und damit auch mir? Ich kehrte zurück und werde immer wurzelloser. Ist hier noch meine Heimat? Was ist Heimat noch mehr als Sprache? Als Geschichte? Als Landschaft? Reicht das, um Heimat zu sein? Ich zweifle. Ich werde wurzelloser in einer Welt, in der sich Menschen an überkommen geglaubtes festklammern. Ich stelle mir immer mehr die Heimatfrage, in einem Land, das nun den Faktor „Heimat“ mit einem einseitigen Mann, der sein Ziel darin sieht zu polarisieren, statt zu einen, als Kopf zu einem Teil eines Ministeriums macht. Ich lebe in einem Land, in dem man plant, Heimat vorzugeben. Ich lebe in einem Land, in dem es legitim ist, anderen Menschen vorzuschreiben, wo ihre Heimat sei.

10 Kommentare

  1. Ich dachte immer, das Zuhause ist dort, wo man uneingeschränkt willkommen ist, und dass Heimat dort ist, wo man fühlt, dass man ein Lebensgefühl mit anderen teilt. Nun, ich lag in beiden Fällen falsch. Ich habe fast 20 Jahre in Deutschland gelebt und nach meiner Rückkehr in mein Geburtsland hatte ich mit der Mentalität zu Hause und in der Heimat kaum mehr etwas gemein. Ein neues Zuhause habe ich mir selbst aufbauen können, aber eine neue Heimat nicht. Sei’s drum. Das Zuhause ist mir wichtiger als die Heimat und notfalls ist Europa meine Heimat. Das kann mir jedenfalls keinet nehmen.

    • Ich merkte im Ausland, dass Europa meine Heimat ist – egal wo. Auch, wenn es sich regional unterscheidet, es ist Europa, kein sich immer mehr abgrenzender Staat. Und vielleicht liegt es auch daran, dass ich Berlinerin bin, dass ich weniger feste Regeln brauche, weniger Abgrenzung, mehr Farben, mehr Varianten…ach nun ja.

    • Es ist ja nicht unbedingt so, dass man in der Heimat irgendwann wieder willkommen ist, auch wenn man sie gar nicht freiwillig verlassen hat. Ich versuche gerade etwas darüber zu schreiben, das Heimat eben oft auch Verlust bedeutet, aber der Text macht mir Schwierigkeiten.

      • Ich freue mich auf den Text – auch, wenn er Schwierigkeiten macht. Nimm Dir die Zeit.

  2. Olga Olga

    Ich finde die Idee eines Heimatministeriums schlichtweg zum Fürchten, und das ist, bevor ich auch nur angefangen habe, darüber nachzudenken, wer denn da alles ein- und ausgeschlossen wird. (Dementsprechend fürchte ich mich jetzt noch viel mehr.)

    • So ging es mir auch.

  3. Isler daniel Isler daniel

    Wow! Danke für diese worte, hab sie aufgenommen wie ein schwamm. Hoffe dass ich einestages in der lage sein werde mein reissender Fluss an Worten und Bildern zu bändigen um im Stillen zu ordnen und wiederbeleben was oft weggespült geglaubt.

  4. Ann Ann

    Ich befürchte, die ‚Heimat‘ ist hier nur plakativ vorgeschobene Wahlkampfrhetorik.
    (Landtagswahlen)
    Im Zusammenhang mit der angestrebten extremen Verschärfung des PAG ist eher von einer Heimatschutzbehörde auszugehen.
    Und das macht mir richtig viele Sorgen unterschiedlicher Ausprägung.

  5. Moin! Ich verstehe es sehr gut, und fühle es genauso, dass Europa viel stärker Heimatgefühle auslöst, als zB Amerika! Aber ich verstehe ich nicht, dass man sich die eigenen Heimatgefühle von Leuten ausreden, verleiden lässt, die offenbar einen völlig anderen, völlig überholten Heimatbegriff perpetuieren wollen, obwohl sie absolut und weit in der Minderheit sind. Lasst Euch nicht irre machen! Solche Spinner gab es immer, aber man muss sie jetzt doch nicht mehr fürchten.

  6. CJK CJK

    Heimat

    Ich werde das Leben nicht verpassen,
    werde keine noch so ferne Reise unterlassen,
    kehr heim, und will sogleich wieder fort,
    an den meine Sehnsucht erfüllenden Ort.

    Getrieben jag‘ ich der Welt hinterher,
    in die Ferne immer weiter,
    immer mehr, immer mehr.

    Und vor spiegelnden Linsen werden Welten Kulissen,
    ich suche erwartungsvoll verbissen,
    sehnsüchtig den Ort der Erfüllung, des Glücks,
    es rollt auf mich zu, es zieht sich zurück.

    Rastlosigkeit ist der Hunger auf Reisen
    gierig will ich die Welt verspeisen,
    mit einem Klick einem post, dass nichts vergeht,
    ich, der Statist vor Kulissen steht.

    *******************

    Und suche weiter in der Welt,
    die Reichweite vergrößernd,
    erwartungsvoll, der Blick verstellt,
    nach Heimat, die mich tröstet.

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