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Wenn das Herz geht. Das Sterben einer Berliner Kneipe

Ich öffne die Tür. Ein letztes Mal vielleicht. Drinnen ist es dunkel, warm. B. und S. sitzen schon am Tisch, N. wird noch kommen, W. vielleicht auch. Es ist Donnerstag. Sven winkt hinter der Bar. Ein Lächeln, das jedem das Gefühl gibt, willkommen zu sein. Ich ziehe mich aus, von hinten kommt jemand „Na, da bist Du ja. Was möchtest Du denn heute?“

Ich bestelle. Wie immer. Alles ist wie immer an unserem Donnerstag. Doch irgendwie ist es das ganz und gar nicht. Es ist nicht „unser Donnerstag“, es ist ein anderer als sonst. Nicht der Tag, über den wir seit Jahren schon uns verlässlich trafen. Irgendwer war immer da. Irgendwer zum Reden. Irgendwer zum Zuhören. Hier war unser Wohnzimmer. Unser Zuhause. Hier fand in den letzten Jahren unser Leben statt. Hier freuten wir uns über Erfolge. Hier weinten wir über Trennungen. Hier diskutierten wir unsere Arbeitsumstände. Feierten Kinder, die kamen, trauerten um Eltern, die gingen. Hier waren wir sicher.

Es war kein schöner Tag. Ein Donnerstag. Ich musste zu meiner Wohnungsgesellschaft: Mietergespräch. Man habe sich beschwert über mich. Das heißt, eine Person hat sich über mich beschwert, oder noch besser, über die Wahl meiner Freundschaften. Ich erfuhr, man habe alle Nachbarn zu mir befragt, niemand hätte etwas zu sagen gehabt, im Gegenteil. Dennoch wurde ich zur Gesellschaft zitiert. Der Vorwurf: ich hatte „ausländischen Besuch“. Das sei untersagt. Ganz besonders, wenn ich dann zur Arbeit ginge. Man fand es nicht absurd, dass ich diesen meinen Besuch nicht mit mir früh halb sieben aus dem Haus ließe. Großzügig bekam ich noch eine Chance. Entsetzt. Fassungslos. Wütend. Es war ein Donnerstag. In zwei Stunden würden wir uns wieder treffen, der Donnerstagstisch. Ich wollte nicht mehr nach Hause. Nicht, nachdem ich wusste, was ich dort als Nachbarin hatte. Ich ging schon zum Cafe, das doch eigentlich eine Kneipe ist. Es war noch Nachmittag. Ich öffnete die Tür, ein ungläubiger Blick von Christian: „Du bist aber früh heute! Du siehst nicht gut aus. Setzt Dich erstmal. Ich komm gleich.“

Ich setze mich an einen kleinen Tisch. Lutz kommt. „Du siehst wirklich nicht gut aus. Was können wir Dir Gutes tun?“
Wenn Lutz das sagt, dann meint er es wirklich. Er will einem etwas Gutes tun. Will, dass es seinen Gästen gut geht. Ich bekam einen Wodka, einen doppelten. Es war der erste, den ich je trank. Er half. Er und das Reden mit Christian und Lutz. Als am Abend meine Freunde kamen, hatte ich mich einigermaßen beruhigt. Der Schock ist weg. Ich war am besten Ort gewesen, an dem man sein kann, in solchen Momenten, wenn man sich nicht mal mehr in der eigenen Wohnung sicher fühlt: Woanders zuhause.

Die Dinge dort allerdings änderten sich schon seit geraumer Zeit. Sven ist nicht nur der Barkeeper, der immer den Überblick behielt. Der immer eine so tiefe Ruhe im größten Trubel ausstrahlte. Er ist auch der beste Bäcker. Donnerstags backte er Kuchen. Immer andere. Immer frisch. Immer ganz besonders. Die Donnerstagskuchen waren unsere Highlights. Man musste von ihnen wissen. Nach ihnen fragen. Irgendwann gab es keine Kuchen mehr. Der Besitzer des Cafés hatte geheiratet. Die Gattin hatte verkündet, ab jetzt backe sie. Sie tat es zwei Mal. Sie tat es nicht gut. Danach gab es keinen selbstgemachten Kuchen mehr. Auch nicht von Sven. Verbot war Verbot. Argumente mit dem Chef halfen nicht. Auch nicht, dass der andere, der Industriekuchen, nicht verkauft wurde. Nur ein Mal gab es noch Kuchen von Sven. Extra für uns. Es war das erste Zeichen einer Änderung. Das Café expandierte nach nebenan. Dort wohlfühlen war nicht möglich. Christian und Lutz und Sven gab es dort nicht. Es war einfach ein Ort wie all die anderen Läden. Charakterlos. Keine Seele. Kein Herz.

Im vergangenen Jahr nun schon die ersten Gerüchte. Es wird noch mehr Veränderungen geben. Die Karte wird anders. Andere Küche. Andere Rezepte. Das Bier würde kleiner werden. Die Preise höher. Eine Konditorin wurde eingestellt. Ihr Kuchen war gut. Und teuer. Sollte es ein Kaffeehaus sein? Die geliebten Suppen wurden wässriger, geschmackloser. Die Mitarbeiter unglücklicher. Die Stammgäste litten mit. Irgendwann im Januar kam die E-Mail: Christian und Lutz werden gehen. Sie wollten nicht mehr dort arbeiten. Ohne Christian und Lutz ist der Ort nicht dieser Ort. Wir und viele andere werden ihr Wohnzimmer verlieren in einer Stadt, in dem diese Orte so wertvoll wie Gold sind. In der diese Orte gehütet werden, wie die wertvollsten Geschenke, einfach aus einem Grund: sie sterben. Sie weichen den schnelllebigen immer gleichen Pubs und Clubs und was auch immer. Plätze ohne Seele. Austauschbar und klinisch rein.

Es ist der 25. Januar 2018. Am Abend. Eine seltsame Stimmung liegt in der Luft. Die Umarmungen sind länger. Christian und Lutz versuchen einen normalen Abend. In zwei Tagen ist ihr letzter Tag. In fünf Tagen wird es der letzte von Sven sein. Nicht wirklich eine Überraschung. Wir werden so oder so nicht wiederkommen an diesem Ort, der all die Jahre unsere Zuflucht war. Nicht hierher, wo noch mehr Profit durch weniger Seele herausgeholt werden soll an einem Ort, der immer voll belegt war.

Ich kann nicht lang bleiben. Mein nächster Morgen beginnt früh. Ich will nicht gehen. Wir haben ein Geschenk für die Jungs. Wir wissen nicht, wohin wir in Zukunft gehen werden an unseren Donnerstagen. Es tut weh. Es tut weh, wenn man das Zuhause verliert. Heimatlos irgendwie. Die Hoffnung, dass sich die beiden selbstständig machen würden, haben wir aufgegeben. Wer gibt das Geld für zwei Männer Anfang 50, die neu anfangen wollen? Anfangen müssen. Noch hoffen wir, dass sie zusammen irgendwo einen Job bekommen. Vielleicht auch mit Sven. Das wäre ein Traum. Ein Ort, an dem man wieder sicher ist. Den Ort, wo die Freunde sind. Immer ein Ohr für die Dinge des Lebens.

Ein alter Ort stirbt. Ein Überbleibsel dieser Zeit, als Berlin mehr als Kommerz war. Ein Ort, an dem jeder gleich war. Ein Ort mit Herz. `

Ich werde ihn vermissen. Diesen unseren Ort, der für Außenstehende noch immer der selbe ist und bleiben. Mit einem Schild im Fenster: Suchen erfahrenes Personal ab sofort.

 


photo credit: Giuseppe Milo (www.pixael.com) Irish pub – Dublin, Ireland – Black and white photography via photopin (license)

Ein Kommentar

  1. Wie schade. So einen Ort suche ich schon seit langem und kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, ihn zu verlieren.

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