Zum Inhalt springen

Die Macht der Worte

Das Judentum hat bekanntlich viele Gebote. 613 Ge- und Verbote regeln das Leben, hält man sich daran. Über Jahrtausende werden diese Regeln diskutiert und ausgelegt. Manches braucht man vielleicht heute nicht mehr, manches aber ist immer relevant und wohl eines der schwierigsten, wenn nicht sogar das am schwierigsten einzuhaltende Gesetz: Laschon haRa oder die böse Rede. Auf Talmud.de schrieb Mirjam Lübke etwas dazu, auf das ich inhaltlich gern immer wieder verweise. Nun mag man denken, das sei leicht, sagt man eben nichts Böses. Aber wo fängt es an, das Böse?

Die Regelungen sind hier sehr klar. Sprache ist die wohl gefährlichste Waffe des Menschen. Mit Sprache können wir verletzen und letztlich auch zerstören. In einer Welt, in der es immer wichtiger scheint, laut statt fundiert zu sein. In einer Welt, in der sich die Superlative stapeln, in der Gesellschaften davon leben, Gerüchte als Waffe einzusetzen, gezielt und zerstörerisch. In einer Welt, in der auch im Kleinen Sprache immer härter wird, kann der eine oder andere nicht mehr sehen, dass Superlative das Eigentliche nicht ändern und auch das Reden verhindern können. Wer möchte kommunizieren, wenn Worte vorher das Tiefste trafen. Wenn Aussagen, gesagt in Wut und ohne Kontrolle, die Kommunikation verhindert?

Ein kleiner Gedanke. Ich selbst habe Verbesserungsbedarf in Sachen Lashon HaRa. Ich versuche mein bestes. Dennoch ertappe ich mich zu oft in den Genüssen der Gerüchteküche – mit schlechtem Gewissen zugegeben und hoffentlich immer weniger. Spielt man das Spiel nicht mit, so muss man oft genug Konsequenzen tragen. So auch ich.

Was ich allerdings tue und darüber muss ich nicht nachdenken: Ich wähle meine Worte genau. Ich denke darüber nach, was ich wie sage – und ja, ich versuche die Dinge so zu sagen, dass ich nicht verletze, dass ich die Tür offen halte. Es ist so tief in mir eingepflanzt, dass ich das ungehinderte Beschimpfen, Verschmähen etc. vermeide. Es ist wohl auch ein Stück meine Natur. Natürlich habe auch ich Wut. Bin oft genug verzweifelt. Resigniert. Verängstigt. Frustriert. Zynisch. Doch äußert sich meine Wut mit anderen Worten. Worte, die vielleicht oder ganz bestimmt, wie ich gestern sah, nicht harsch genug sind für den einen oder anderen Leser. So ist es nun mal. Ich werde es nicht ändern. Ich werde mich nicht mitziehen lassen, in den Taumel der Beschimpfungen, Verunglimpfungen, Respektlosigkeiten. Vielleicht ist meine Natur der Grund, vielleicht mein Judentum, vielleicht ist es auch Menschlichkeit, vielleicht auch einfach nur gute Erziehung. Ich denke aber und glaube fest daran, dass wir, wenn wir die Dinge ändern wollen, nicht mit ihnen mitschwimmen dürfen. Dass nur ein respektvoller Umgang, das wirkliche Zuhören und Reden und nicht das gegenseitige Beschimpfen zielführend sein kann. Gestern ging ich mit meiner Bezeichnung „Vollhonks“ bis an meine Grenzen, eigentlich schon darüber hinaus. Und ehrlich, ich schäme mich dafür. Es war mein Ausdruck von Wut, von Verzweiflung und letztlich Sprachlosigkeit. Ich wurde belehrt, dass diese meine Worte zu harmlos seien. Nun, für mich waren sie das nicht. Im Gegenteil. Mich haben diese Bemerkungen irritiert und ich habe zynisch reagiert. Dennoch, ich bleibe dabei. Ich schwimme nicht mit.

photo credit: Chilanga Cement 2017_209 via photopin (license)

Ein Kommentar

  1. Ich glaube, in Sachen “ Lashon HaRa“ (das Wort habe ich vor ein paar Jahren von einer israelischen Internetfreundin gelernt) hat jeder von uns Verbesserungsbedarf. Wie leicht rutscht einem eine Dummheit heraus, die mit ein bisschen Nachdenken zu vermeiden gewesen wäre! Ich selbst versuche, auf meine Worte zu achten, aber die Worte anderer nicht immer gleich auf die Goldwaage zu legen. Es gelingt mir aber nicht immer, und ich sehe da noch einen langen Weg, den ich zu gehen habe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: