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Antisemitismus in der Schule

Vor ein paar Wochen wurde ich gebeten, meine Gedanken zum Thema Antisemitismus in der Schule aufzuschreiben, damit es nicht in Schubladen verschwindet, hier nun unverändert:

 

Spätestens seit Sommer sollten alle mitbekommen haben: Wir haben ein Problem. Das Problem ist kein Neues. Auch die Reaktionen der Friedenauer Schule ist nichts Neues. Ich selbst erinnere mich an meine Schulzeit mit rechtsextremen, z.T. körperlichen Ausbrüchen und schulterzuckenden Lehrern. Schutz sieht anders aus. Was dieses Mal aber den Unterschied machte, die Eltern sind den Weg der Öffentlichkeit gegangen, da sie sich allein fühlten.
Hier haben wir zwei Ansätze. Wieso fühlt man sich als Betroffene von Diskriminierungen (und ich meine ausdrücklich nicht nur Antisemitismus) so allein? Wieso ist uns der Weg der Öffentlichkeit mit dem zu erwartenden allgemeinen Entsetzen, Zusichern aller Hilfen so oft der einzig gangbare?
Zum Anderen, wie werden Schulen unterstützt, wenn sie sich ehrlich dem Problem stellen. Die Plakette einer rassismus- und diskriminierungsfreien Schule mag sich gut und dekorativ ausmachen, nur bedeutet sie wenig, wenn eine Schule Angst hat, sich dem Problem zu stellen. Angst in dem Sinne, als dass der Ruf schließlich ruiniert scheint. Und wo finden Eltern Hilfe? Wo Kinder? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Schulwechsel oft der einzige Weg ist. Doch andererseits ist das Problem dann nur für den Moment gelöst. Die Schule bleibt zurück – und ist vielleicht froh, diesen „Störfaktor“ wieder los zu sein.

Auch ich habe kein Patentrezept. Allerdings weiß ich, wie unsagbar wichtig es ist, jemanden zu haben, der versteht. Wirklich versteht. Es ist wenig zielführend hochgebildete Menschen als Ansprechpartner zu benennen, die selbst nie wegen ihres Äußeren, ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung oder was auch immer diskriminiert wurden. Im Fall des Antisemitismus hat das Kompetenzzentrum Prävention und Empowerment der ZWST ausgesprochen schnell reagiert und Eltern eingeladen, in geschütztem Rahmen zu sprechen und sie haben eine Beratungsstelle Antisemitismus eingerichtet, in dem man als Betroffene mit Menschen sprechen kann, die wissen, wie es sich anfühlt. Denen man nichts erklären muss. Nichts rechtfertigen muss. Ich wünsche mir solche Orte nicht nur in Berlin, ich wünsche sie mir nicht nur für antisemitische Vorfälle. Diskriminierungen und Rassismus sind ein flächendeckendes Problem. Er fängt nicht in den Schulen an, er kann auch nicht allein von den Schulen aufgefangen werden. Problematisch ist oft, dass Schüler, die mit Worten um sich werfen, die sie als Schimpfwörter betrachten, nie Juden, Homosexuellen, Behinderten, POCs, Muslimen, Transmenschen etc. bewusst begegnet sind. Ich glaube daran, dass Begegnungen helfen können. Exemplarisch möchte ich das Projekt „Rent a Jew“ erwähnen. Das deutschlandweite Projekt vermittelt Jüdinnen und Juden an interessierte Gruppen, vornehmlich Schulen unter anderem unter dem Motto „Deinen ersten vergisst Du nie“. Die Schülerinnen und Schüler können alles fragen, was sie möchten. Die Freiwilligen geben Auskunft, erzählen aus ihren Leben, die offensichtlich doch so sehr anders sind als sie sich Menschen vorstellen: nämlich ganz normal.

Sie fragen nach Forderungen an die Politiker. Ich habe keine Forderungen an PolikerInnen (mehr). Ich habe Forderungen an Menschen. Lippenbekenntnisse hören wir zur Genüge, sobald etwas passiert. Wirklich passieren tut selten etwas. Dass z.B. Die Empfehlungen der ersten Expertenkommission Antisemitismus in keiner Art und Weise umgesetzt wurden und dass das auch für die zweite Runde eher fraglich ist, ist ein Skandal. Es interessiert nur niemanden. Wir Jüdinnen und Juden sind so wenige. Wir werden leicht und gern übersehen. Nur, wenn etwas Schlagzeilen macht, ist man auf der Straße, bewiesen durch Selfies, Reden und Tweets, wie sie doch schließlich hinter den Juden stehen. In der Realität ist wenig zu spüren. Es geht nicht darum, da zu sein, wenn die Kameras zuschauen, die Zeitungen mitschreiben. Es geht darum, Rassismus in jeder Form in jedem Moment unseres Lebens zu bekämpfen. Das hat nichts mit Politik zu tun, es hat etwas mit Menschlichkeit zu tun. Daran hapert es, so scheint es immer mehr.

Gern redet man sich im Moment mit muslimischen Antisemitismus raus, den es gibt, sicher, doch übersieht man damit seinen eigenen Rassismus, der schon allein in dieser Abgrenzung zu sehen ist. Für mich als Jüdin macht es absolut keinen Unterschied, ob der mich wegen meiner Religion hassende Mensch Muslim, Christ, Männlein, Weiblein oder Marsmensch ist. Für mich ist der Schmerz, der mir zugefügt wird, gleich, egal durch wen er zugefügt wird. Wir müssen uns unseren Vorurteilen, unserem eigenen inneren Diskriminierungen stellen. Denn wir alle tragen sie in uns. Manchmal ist es schmerzhaft, das zu erkennen und es nicht minder hart, daran zu arbeiten. Was allerdings noch nie geholfen hat und nie helfen wird sind die immer gleichen Reden. Lippenbekenntnisse ohne Inhalt. Und schweigen, das Schweigen des „Was geht es mich an?“. Wir müssen als Gesellschaft eins werden und dürfen uns nicht auseinander treiben lassen, auch, wenn das wie es scheint, immer mehr möchten.

 

photo credit: simpleinsomnia Children doing math problems on a black board via photopin (license)

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