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…wird der Frau das Recht übertragen, über die Unterbrechung einer Schwangerschaft in eigener Verantwortung zu entscheiden.

Das Recht am eigenen Körper, an den Vorgängen und die Kenntnis darüber. So wuchs ich auf. Es gab kein verschämtes Flüstern. Es gab offenes Sprechen über Vorgänge im weiblichen und männlichen Körper. Ich wusste, dass das nicht überall so war. Ich kannte keine Scham. Warum auch? Ich wusste, was vorgeht, was mir bevorstehen wird, war nicht begeistert und froh, dass das alles noch auf sich warten lies. Ich wusste, dass nur ich für mich verantwortlich war. Ich wusste, dass es meine Entscheidung ist, wann ich mit einem anderen Menschen schlafen wollte. Ich wusste, dass ich auf meinen Körper hören kann und sollte – nicht auf irgendwelches dummes Gefasel von Spielen mit den Gefühlen und Bedürfnissen anderer. „Mädchen sollen sich zurückhalten..“ Mumpitz.

Ich wuchs unter klugen selbstbestimmten Frauen auf. Bei uns Kindern wurden keine Unterschiede gemacht, ob wir Mädchen oder Jungs waren. Begeistert entdeckten wir Kinder gemeinsam, dass man die Vorhaut am kindlichen Penis vor und zurück schieben konnte. Wozu das gut sein sollte, erschloss sich uns nicht. Es war lustig. Wir wussten, dass Menschen anders aussahen…und anders funktionierten. Es war keine Frage der Scham.

Alles änderte sich nicht in der Pubertät, in der man doch einigermaßen überfordert ist mit den Vorgängen am Körper. Wir waren vorbereitet. Wussten, dass uns nicht alles gefallen wird. Wer hatte schon Haare, wo vorher keine waren? Dieser Ausfluss, was sollte das jetzt plötzlich? Werde ich auch Schmerzen haben, wenn ich meine Periode bekomme? Am Rücken oder am Bauch?

Es änderte sich durch ein Ereignis, das nichts mit Körperlichkeiten zu tun hatte und diese dennoch nachhaltig veränderten: der Mauerfall.

„Zur Bestimmung der Anzahl, des Zeitpunktes und der zeitlichen Aufeinanderfolge von Geburten wird der Frau zusätzlich zu den bestehenden Möglichkeiten der Empfängnisverhütung das Recht übertragen, über die Unterbrechung einer Schwangerschaft in eigener Verantwortung zu entscheiden.“

So §1. Absatz 1 des Gesetzes zum Schwangerschaftsabbruch im Land in dem ich geboren wurde. Plötzlich wurde unterstellt, dass dadurch die Frauen im Osten diese Möglichkeit als Verhütungsmethode nutzen würden. Sie taten es nicht. Aber was hatten Frauen jetzt schon noch zu sagen? Der Absatz wurde gestrichen – zum Wohle der Frauen? Es war nicht der einzige Absatz, der durch den Einigungsvertrag gestrichen wurde. Noch heute erinnere ich mich an die Diskussionen…standen sich hier doch zwei noch grundsätzlichere Ideen über Frauenrechte gegenüber.

Gestrichen wurde auch:

§2. Absatz 2: Die Abgabe ärztlich verordneter schwangerschaftsverhütender Mittel an sozialversicherte Frauen erfolgt unentgeltlich.

Apropos Verhütung. Meinen ersten Gynäkologenbesuch brachte ich hinter mich, da ich derart massive Schmerzen während meiner Periode hatte, dass dank des Wissens um gewisse familiäre Vorbelastungen, etwas Sorge bestand. Ich wurde nicht einmal untersucht. Mir wurde, trotz Widerspruch die Pille verschrieben. Ich gab der Sache eine Chance. Nach zwei Monaten lies ich es. Die Ärztin tadelte. Verschrieb neue Pillen. Ich wechselte die Praxis. Meine Schmerzen blieben.
In der nächsten wurde es nicht besser. Ich bat um Beratung für alternative Behandlungen. Ich bekam sie nicht. Ich verarztete mich fortan selbst. Irgendwann wurde das Thema Verhütung für mich relevant. Ich wollte mich beraten lassen. Wusste ich schon, dass Hormone mich und meinen Körper so sehr veränderten, dass ich es nicht wollte. Ich kannte die Nebenwirkungen von den Frauen in meiner Umgebung. Der Trost, dass man ja die Medikamente weiterentwickelt, half nicht. Ich bat um Beratung zur hormonfreier Verhütung: Enthaltung war die Antwort.

Ich begann mich selbst zu informieren. Das Internet steckte in seinen Kinderschuhen. Ich fragte nach Dingen, die ich aus Erzählungen der älteren kannte. Diaphragmen, Portiokappe etc.: Die müssen Sie sich verschreiben lassen. Das wird im Ausland bestellt. Bitte was? Ich musste mich jedes Mal rechtfertigen, warum ich keine Hormone wolle. Dass ich vor allem keine Libido mehr hätte mit dem Zeug, spielte natürlich keine Rolle. Was aber sollte ich verhüten, wenn ich keine Lust mehr auf Sex hätte? Und nein, ich hatte und habe keinen Sex, wenn ich keine Lust habe. Frauen haben eben keine Entscheidung über die eigene Libido zu fällen.

Mit dieser langen Vorrede will ich deutlich machen, wie wenig in Deutschland den Frauen zugestanden wird, selbst über sich entscheiden zu dürfen. Wie sehr sie noch immer doch eigentlich überholte Rollenmuster der 50er Jahre zu erfüllen haben. Immer schön brav sein, nicht widersprechen, bloß keinen Sex um des Sexes willen, wenn schwanger, dann austragen, bitte auch noch den Erzeuger heiraten…gleichzeitig werden allein Erziehende diskriminiert. Sie werden nicht unterstützt. Im Gegenteil, ihnen wird vorgeworfen, dass sie sich für ihre Kinder entschieden. Man schützt die Kinder eben nur so lang, so lange sie im Mutterleib sind. Danach sind sie egal. Danach ist es auch egal, wie sie behandelt werden. Wenn Eltern nicht zurechtkommen, müssen die Kinder darunter leiden. Aber nein, bloß keine Abtreibung.

Werfen wir nochmal einen Blick auf das derzeitige Gesetzt zum Schwangerschaftsabbruch:

§218, Abs. 1: Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Handlungen, deren Wirkung vor Abschluß der Einnistung des befruchteten Eies in der Gebärmutter eintritt, gelten nicht als Schwangerschaftsabbruch im Sinne dieses Gesetzes.

Nochmal zum Vergleich Abs. 1 des DDR Gesetzes:

„Zur Bestimmung der Anzahl, des Zeitpunktes und der zeitlichen Aufeinanderfolge von Geburten wird der Frau zusätzlich zu den bestehenden Möglichkeiten der Empfängnisverhütung das Recht übertragen, über die Unterbrechung einer Schwangerschaft in eigener Verantwortung zu entscheiden.“

Merken Sie etwas? Richtig. Die Frau spielt nicht die erste Rolle. Sie muss bevormundet werden, man muss für sie (natürlich nur zu ihrem Besten) entscheiden.

Ich wünsche mir, mich im Vorfeld über die Angebote einer Praxis hätte informieren zu können. Ich möchte wissen, ob ich mit den Ärzten reden kann, oder mir erniedrigende Sprüche anhören muss wie „Kinder kommen wie sie kommen. Das passt nie.“

Schauen wir uns doch mal den Ablauf einer Abtreibung an, ein Weg der Erniedrigung, als hätten Frauen nicht so genug mit sich zu ringen:

  1. Gynagokologie: Offizielle Feststellung der Schwangerschaft.
  2. PERSÖNLICHE Entscheidung, dass diese Schwangerschaft (egal aus welchen Gründen) nicht für das eigene Leben durchführbar ist.
  3. Wieder Gynäkologie: Mitteilung, dass man einen Abbruch wünscht. Wenn man Glück hat – und das weiß man vorher eben genau nicht – ist es dort möglich. Überweisung zur Beratung.
  4. Selbstständige Suche nach einer Beratungsstelle. Erhebliche Einschränkung hier, lebt man z.B. Auf dem Land und wird u.U. Gekannt oder hat nicht so viel Auswahl an Anbietern. Anruf dort zwecks eines Termins. Wieder ein fremder Mensch mehr, der in das persönliche Dilemma einbezogen wird.
  5. Besuch eben jener Beratungsstelle. Nahelegung anderer Verhütungsmethoden, weil natürlich nur das eigene Versagen zur Schwangerschaft geführt hat. Wieder ein Mensch mehr, dem man sich erklären muss.
  6. Gynäkologie: Termin zu einem Abbruch.
  7. Beantragung des Abbruches bei der Krankenkasse. Kostenübernahme nur aus wichtigen Gründen, wie zu wenig Einkommen. Wieder ein Mensch mehr, dem man sich erklären muss.
  8. Abbruchtermin. Wieder ein anderer Ort, wieder andere Menschen, die Bescheid wissen. Vollnarkose. Eingriff. Ein Körper in Aufruhr. Arbeitsausfall. Allein gelassen werden. Jegliche Sorge „des Staates“ endet.

Bei all dem sind die Zweifel, das Zermartern, die psychischen Probleme, die Frauen im Zuge einer solchen Entscheidung durchmachen, einer Zeit, in der sie Unterstützung brauchen, keinen Zwang zur Rechtfertigung, nicht einbezogen. Einbezogen sind ebenso nicht die Nachwirkungen, die ein Abbruch mit sich führt. Es ist nicht mit einberechnet, in einer Gesellschaft zu leben, in dem Abbrüche und vor allem das Sprechen darüber ein Tabu sind. In der Ärztinnen, die das Gespräch anbieten, verklagt werden.

Wir leben heute in einem Land, in dem der weibliche Körper und der weibliche Wille erst bestätigt werden muss – von außen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es noch immer ein Skandal ist, wenn sich eine Frau zu einem Abbruch bekennt und es womöglich nicht durch Selbstgeißelung ein Leben lang bereut. Wir leben in einem Land, in dem man nicht sagen kann: ja, ich auch. Es sind Tabus, die wir noch immer brechen müssen. Heute, 2017.

Das Gesetz zum Schwangerschaftsabbruch der DDR wurde übrigens 1972 geschrieben. Neben allem, was die DDR an Gewalt  an Menschen verursacht hat, in der sie ihren Bürgern absprach, über ihr Leben zu verfügen, wurde zumindest in diesem Gesetz festgehalten, dass Frauen selbst entscheiden müssen. Das Gesetz wird mit diesen Worten eingeleitet:

„Die Gleichberechtigung der Frau in Ausbildung und Beruf; Ehe und Familie erfordert, daß die Frau über die Schwangerschaft und deren Austragung selbst entscheiden kann. Die Verwirklichung dieses Rechts ist untrennbar mit der wachsenden Verantwortung des sozialistischen Staates und aller seiner, Bürger für die ständige Verbesserung des, Gesundheitsschutzes der Frau, für die Förderung der Familie und der Liebe zum Kind verbunden.“

Und jetzt, 2017 in Freiheit, habe ich als Frau per Gesetz nicht das Recht, über mich, meinen Körper und mein Leben zu entscheiden. Gleichzeitig werden keine Bedingungen geschaffen, die es leicht machen, sich für ein Kind zu entscheiden, Bedingungen, in denen Kinder zu bekommen und zu haben kein Armutsgrund sind, Bedingungen, die es Frauen und Männern ermöglichen, ausreichend zu arbeiten, um sich und ihren Kinder ein gutes Leben mit guten Zukunftschancen zu sichern. Das Modell Deutschland ist und bleibt seit den 50er Jahren: Die Frau hat sich dem Manne unterzuordnen, zurückzutreten in Beruf, besonders, wenn Kinder da sind.

Zum Glück, ist das nicht immer so. Zum Glück. Doch selbstverständlich ist es nicht. Selbstverständlich ist, dass eine Ärztin angezeigt wird, weil sie in ihrem Angebot Schwangerschaftsabbrüche auflistet. Selbstverständlich ist, dass Schwangerschaftsabbrüche überhaupt strafbar an sich sind und nur unter bestimmten Bedingungen nicht strafbar sind. Selbstverständlich ist auch, dass es andererseits völlig normal zu sein scheint, Eltern ungeborener Kinder, die eine Behinderung haben könnten, einen Abbruch nahe zu legen. Selbstverständlich scheint auch, Frauen, die per Definition behindert sind, Abbrüche nahezulegen, wenn sie nicht in der Lage scheinen, ihr Kind selbst zu versorgen. Selbstverständlich ist auch, dass weniger invasive Möglichkeiten wie die „Abtreibungspille“ nicht Standard ist. Selbstverständlich ist auch, dass man in diesem Land, wenn man weiß, dass etwas schief ging, das Kondom runterrutschte, Interruptus vielleicht doch nicht glatt ging, was auch immer nicht einfach zur Apotheke gehen kann, wie in anderen Ländern, sondern einen Arzt aufsuchen muss, der einem die „Pille danach“ verschreibt. Hormonbomben, die nach Ansicht einiger, natürlich sonst wie Bonbons von Frauen diesen Landes gegessen würden – nur weil sie zu faul oder besser zu dumm sind, anders zu verhüten.

Ach lassen sie mich doch. Mich wider diese dumme Bigotterie an. Diese Bevormundung erwachsener Frauen, die genau das Gegenteil brauchen: Unterstützung und Zuwendung.

Ich bin wütend und hilflos. Ich will in so einer Gesellschaft nicht leben. Ich habe es nicht nötig in solch einer Gesellschaft zu leben, die offensichtlich nur einen Steinwurf davon entfernt ist, den Weg dahin zu ebnen, dass Frauen illegal und ohne Schutz, sich nicht mehr zu helfen wissend für viel Geld in irgendwelchen Hinterzimmern eine Lösung suchen und damit ihre Gesundheit riskieren.

Da dies bekanntlich ein irgendwie jüdischer Blog ist, sei noch eines gesagt: Abtreibung ist im Judentum erlaubt. Auch hier gibt es Diskussionen, natürlich. Bei der Entscheidung geht es übrigens allein um die Frau. Nicht um den Willen der Gesellschaft oder der Familie. Ist eine Frau physisch oder psychisch (!) durch eine Schwangerschaft gefährdet, wurde sie vergewaltigt oder ist davon auszugehen, dass das Kind behindert sein wird. Die Entscheidung liegt bei der Frau. Die Frau zählt. In der Orthodoxie wird das anders gehen, was auch sonst? Einen etwas ausführlicheren Text zu dieser Frage findet man übrigens hier.

Eine interessante Umfrage von 2012 bestätigt weiterhin, dass eine überwältigende Mehrheit der (amerikanischen) Juden proChoice sind.

Ob nun Religion oder nicht. Eine Frau hat selbst das Recht, über sich zu entscheiden. Es wird Zeit und ist mehr als überfällig, dass diese Erkenntnis auch in deutschen Gesetzen Einzug hält. Der vorgeschriebene erniedrigende Weg, die Steine im Weg, eine Beratung der EIGENEN Wahl zu erhalten, die weitere Straffälligkeit von Abbrüchen nicht gegen, sondern im Willen der Frauen, sind Dinge, die der Vergangenheit angehören sollten.

Gesundheitsschutz der Frau. Förderung der Familie. Liebe zum Kind.

 

photo credit: mtmsphoto DSC_3150 via photopin (license)

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