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Buchbetrachtung: Das Tagebuch der Anne Frank als Graphic Diary

Das Tagebuch der Anne Frank ist wohl eines der unantastbaren Heiligtümer der Quellen der Shoa. Nicht anders reagierte ich, als ich die Anfrage bekam, einen Blick in eine Neuauflage zu werfen – als graphic novel. Ich war kritisch. Sehr kritisch. Geht es überhaupt? Das Original lebt von Annes Sprache, ihrem Witz und Sarkasmus, ihren Beobachtungen, ihren Worten. Das alles in Bildern darzustellen schien mit geradezu unmöglich.

Der Anne Frank Fond fragte für diese Idee nicht irgendwen an. Mit Ari Folman und David Polosky, beide bekannt durch „Waltz mit Bashir“ sind nicht irgendwelche gerade populären Zeichner/Erzähler gefunden worden. Die Bildsprache erinnert mitunter an den Film, doch nicht so sehr, als das ich es irritierend empfand. Ein paar Mal kam mir der Gedanke, dass das Buch wohl ein Film werden wird. Ich denke, irgendwann wird es darauf hinauslaufen.

Ist es gelungen, Annes Wesen (so wie wir es vielleicht verstehen) darzustellen? Sehr gut sogar, wie ich finde. Der Humor taucht an Stellen auf, mit denen man nicht rechnet und zwingt den Leser so, die dunkle Situation selbst zu durchbrechen. Die Zwiespältigkeit zwischen Angst und normalem Sein wird so gut vor Augen geführt. Annes Sarkasmus, Zweifeln, Überheblichkeit und Verliebtsein wird nicht nur in Bildern, auch in durchgehenden Textpassagen wiedergegeben. Gerade zum Ende des Buches werden komplette Tagebucheinträge abgedruckt – Momente in denen ihre Worte mehr sagen als Bilder es je könnten.

Ein Comic als Ersatz für das Original? Mit Sicherheit nicht. Aber sehr wohl zum Heranführen. Ich bin mir sicher, dass das dieses Buch als erster Schritt zur Beschäftigung mit dem Thema dienen kann. Gerade auch, da es heute immer mehr Eltern gibt, die ihre Kinder vom Shoa und Krieg lange fern halten wollen, oder Angst vor den schrecklichen Bildern haben, ihre Kinder aber oft viel zu sehr unterschätzen. Und vor allem aber für Kinder, die ganze Bücher mit Text zunächst abschrecken. Das Buch gibt beileibe nicht alles wieder, es wurde notgedrungen eine Auswahl getroffen, Themen, wie die Schwierigkeiten in der Familie und den anderen Mitbewohnern pointiert wiedergegeben, das Umfeld, die Vorgeschichte wird geschildert. Ich würde es genau wie das Buch über Otto Weidt für den Anfang getrost empfehlen.

Woran ich Zweifel habe ist, ob manche Bilder wirklich verstanden werden. Ich habe das eine oder andere im nichtjüdischen Umfeld getestet. Aber vielleicht bin ich da auch zu empfindsam. Man merkt, dass dieses Buch aus (irgendwie) jüdischer Feder stammt und vielleicht auch nur aus eben solcher Feder stammen kann. Dass auch das „Kopgeld“ erwähnt wird, freute mich, wenn ich es so sagen darf. In den Niederlanden bekam man 7,50 Gulden pro verratenen Jüdinnen und Juden. Eine Nebeneinkunft, die weniger selten genutzt wurde als manchem heute lieb wäre.

Weil Chajm die Kommerzialisierung ansprach. Den Gedanken hatte auch ich. Andererseits fließt ein Großteil der Einnahmen aller Tagebuchpublikationen an UNICEF. Von daher bin ich in diesem Punkt milde gestimmt – ganz besonders, da es  sich gelungene Variante geht.

Fazit: Das Buch ist als Einführung sehr gut geeignet, führt im Laufe der Seiten auch in die authentischen Schriften ein und kann so – hoffentlich – zur Lektüre des Originals führen.

 

 

Persönliche Schlussbemerkung: Ich gehörte nicht zu den Kindern, die nach der ersten Lektüre selbst begannen, Tagebuch zu schreiben, die das Buch und das Mädchen romantisierten und idealisierten. Ich muss zugeben, dass mir die Person Anne jetzt nach so vielen Jahren deutlich sympathischer ist als sie es mir als Kind war. Sie erschien mir trotz allem zu hochmütig. 
Es war ein anderes viel kleineres, unscheinbares Buch über den 2. Weltkrieg, das mich als Kind prägte. Ich bekam es, als ich etwa sieben Jahre alt war. Kein anderes Buch, auch später als ich erwachsen war nicht, konnte mehr ausdrücken, wenn es um das Grauen von Krieg und Vernichtung ging. Es ist schade, dass es so wenig Aufmerksamkeit bekam: Tanja.

 

Ein Kommentar

  1. Rebecca Rebecca

    Vielen Dank für den Tipp mit „Tanja“, ich habe es mir direkt bestellt.

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