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Über das Absprechen von Erlebtem

Da berichtet jemand vom täglichen Antisemitismus, der ihm widerfährt. Jemand anderes sagt, das könne nicht sein. Er habe anderes von anderen gehört.
Da berichtet eine Frau von einer Belästigung durch einen Mann. Man sagt ihr, sie solle sich freuen, es sei ein Kompliment und überhaupt hat sie es selbst verschuldet.
Da berichtet eine Muslima über die Schmähungen, die sie am erlebt, weil sie ihr Kopftuch trägt. Man sagt ihr, sie sei selbst Schuld.
Da berichtet jemand, er fände keine Arbeit weil er keinen deutschen Namen hat. Da sagt Müller/Meier/Schulze, sowas gäbe es nicht, er habe das noch nie gehört.
Da berichten Autisten über ihr Erleben der Welt. Da sagen andere, das kann so nicht sein. Ich habe etwas anderes gelesen.
Da berichten Rollstuhlfahrer von der fehlenden Barrierefreiheit. Da sagen andere, ja, aber da und dort kommt ihr doch rein. Man kann doch schließlich nicht alles befahrbar machen.

Diese kleinen und vielen Geschichten sind es, die mehr werden.

Irgendwann sagte man dem Kind: „Schließ nicht von Dir auf andere. Das Bild ist größer. Versuche es zu sehen. Vielleicht wirst Du es verstehen.“ Es ist das, was ich vermisse. Es wird täglich von sich auf andere geschlossen. Es wird Menschen ihr Erleben, ihr Fühlen abgesprochen, von dem wir doch keine Ahnung haben können, sind wir diese Menschen nicht. Gleichzeitig hören wir nicht zu. Hören nicht wirklich zu. Wir wissen alles besser. Wir sagen ihnen, was sie wirklich erlebten, was sie wirklich fühlten, zu fühlen haben. Wir sagen Menschen, was sie mit dem meinten, was sie geschrieben haben. Wir lassen keinen Widerspruch zu. Und schließen stets von uns auf andere.

Sind wir nicht mehr in der Lage, Unterschiede zuzulassen? Sind wir nicht mehr in der Lage zuzuhören? Sind wir nicht mehr in der Lage, Dinge, die wir (zum Glück) nicht erlebten, dennoch zu glauben? Sind wir nicht mehr in der Lage zu akzeptieren, dass andere in Situationen anders fühlen? Sind wir nicht mehr in der Lage, Mitgefühl zu versuchen und selbst, wenn wir die Situation nicht verstehen können, einfach nur still zu sein? Da zu sein, statt geradezu reflexartig alles und jedem zu widersprechen? Manchmal nämlich muss man nichts sagen. Muss man keine Antwort haben. Manchmal kann man einfach nur sagen: ich bin da. Erzähl es mir. Ich urteile nicht. Ich will Dir helfen. Sag mir wie.

Manchmal wäre es so einfach. Doch das, genau das, scheint nicht mehr möglich zu sein.

 

6 Comments

  1. jim jim

    Es wird Menschen ihr Erleben, ihr Fühlen abgesprochen, von dem wir doch keine Ahnung haben können, sind wir diese Menschen nicht. Gleichzeitig hören wir nicht zu. Hören nicht wirklich zu. Wir wissen alles besser. Wir sagen ihnen, was sie wirklich erlebten, was sie wirklich fühlten, zu fühlen haben.

    Fremdbestimmtheit vs. Autonomie. Gefühllosigkeit vs. Empathie. Status, sozialer Druck, Konformität als Sinn des Lebens?

    Ein Beispiel: 95% der Föten mit Down-Syndrom werden abgetrieben!

    Eine Gesellschaft, die solches befördert, ja geradezu erzwingt, ist mehr als erbärmlich.

    Zusammenhalt, Gemeinschaft? Vergiss es!

    Muss man keine Antwort haben. Manchmal kann man einfach nur sagen: ich bin da. Erzähl es mir. Ich urteile nicht. Ich will Dir helfen. Sag mir wie.

    Manchmal wäre es so einfach. Doch das, genau das, scheint nicht mehr möglich zu sein.

    Deine Artikel sind wunderbar – „Die Schnecken und das Meer“, „Soldat S. eine andere Geschichte“, …

    • Danke. Mehr kann ich nicht sagen, danke einfach nur.

  2. jim jim

    Schau mal –

    Deine „Sehnsucht“, vom 9. Okt. 15: Beobachte ich sie, höre sie, weiß
    ich, dass die Welt nicht besser wird, nicht besser werden kann, solange
    solch ein Verhalten gefördert wird, solange es normal ist, nicht hinterfragt wird. Es muss etwas passieren, sehr viel passieren….

    – ich schenk Dir was:

    Emanuel Levinas, „Zwischen uns“, Versuche über das Denken an den Anderen, S 181:

    5. Das Antlitz und der Tod des Anderen

    Sich wegen seiner Daseinsberechtigung ver-antworten müssen, nicht unter Berufung auf die Abstraktion irgendeines anonymen Gesetzes, auf irgendeine juristische Einheit, sondern aus Furcht um den Anderen. Sind mein »In-der-Welt-Sein« oder mein »Platz an der Sonne«, mein Zuhause nicht schon Usurpationen eines Platzes, der anderen gehört, die von mir unterdrückt oder ins Elend gestürzt, in eine »Dritte Welt« geschickt werden: ein Zurückstoßen, Ausschließen, Ausstoßen, Der-Kleider-berauben, Töten. »Mein Platz an der Sonne«, sagte Pascal, »der Beginn und das Sinnbild der Usurpation der ganzen Erde.. Furcht wegen all dem, was mein Dasein, ungeachtet seiner intentionalen und bewußten Unschuld, an Gewalt und Mord verüben könnte. Furcht, die hinter mein »Selbstbewußtsein« zurückgeht, und das ungeachtet der Wendungen, die das reine Beharren im Sein zurück zum guten Gewissen vollzieht. Die Furcht, im Da meines Daseins einem anderen den Platz zu rauben, unfähig, einen Ort zu haben, zutiefst utopisch. Furcht, die mir aus dem Antlitz des Anderen entgegenkommt.

    […]

    … dieses in seinem Ausdruck – in seiner Sterblichkeit – liegende Gegenüber des Antlitzes lädt mich vor, fragt nach mir, fordert meine Anwesenheit: als sei der unabsehbare Tod, mit dem das Antlitz des Anderen konfrontiert ist – reine Andersheit, gewissermaßen von aller Ganzheit getrennt – meine Sache. Als „betrachte“ er mich und „gehe er mich an“ (me regarde), noch ohne Wissen des Anderen, den er bereits betrifft, vor seiner Konfrontation mit mir, bevor er der Tod ist, der mich selber anblickt. Der Tod des Anderen stellt mich infrage und bezieht mich ein, als würde ich an diesem für den Anderen, den ihm Ausgesetzten, unabsehbaren Tod durch meine eventuelle Gleichgültigkeit zum Komplizen; und als hätte ich, bevor ich ihm noch selber geweiht bin, mich für diesen Tod des Anderen zu verantworten und den Nächsten nicht in seiner tödlichen Einsamkeit alleine zu lassen. Gerade in dieser Ermahnung an meine Verantwortung durch das Antlitz, das mich vorlädt, nach mir fragt, meine Anwesenheit fordert, gerade in dieser Infragestellung ist der Andere mir Nächster.

    Nicht Du mir, ich Dir – hab zu danken!

    Alles Liebe und – machs gut, …

  3. Werden die Geschichten mehr oder waren sie schon immer da, aber im Verborgenen? Social Media geben mehr Menschen die Möglichkeit und die Mittel, ihre Erlebnisse zu schildern und zu reflektieren, bieten aber auch mehr Raum für unqualifizierte Kommentare.

    • Darüber dachte ich auch nach. Und vielleicht ist das auch ein Teil dessen, dass es mehr auffällt.
      Dennoch erlebe ich das auch außerhalb des Netzes, erlebe es mit Menschen, die sich nicht im Netz bewegen. Nie musste ich so oft sagen, dass andere Menschen vielleicht anders fühlen, nie so oft sagen, dass sie sich versuchen sollten, einzufühlen. Ich bin es so leid.

  4. Ich unterschreibe jedes deiner Worte. Genau wegen dieser Erfahrung, seit Jahren, teile ich mich kaum noch mit, nur noch sehr wenigen. Das Bagatellisieren der Menschen ist zutiefst verletzend.
    Liebe Grüße.

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