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Die Tage vor Sonntag – ein paar ungeordnete Gedanken

Es ist Freitag. Der zweite Tag Rosch haSchana. Heute Nachmittag werde ich in den Zug steigen und aussteigen – bis Sonntag Abend und ich habe Angst, zurück zu kommen. Angst vor dem Ergebnis, dass wir alle schon kennen. Wenn ich am Sonntag zurück bin, wird Hass im Bundestag sitzen. Aber ist das das Schlimmste? Ist es wirklich nur der Sonntag, vor dem ich mich so fürchte? Es ist lediglich ein weiterer Punkt in der Liste der Dinge, die mich den Glauben an mein Land u seine Menschen mehr und mehr verlieren lassen.

Ich erlebte in den letzten Wochen und Monaten, wie sich der alltägliche Rassismus, der bisher durch die gesellschaftliche Verabredung, dass Rassismus nicht tolerierbar ist, behindert wurde. Diese Verabredung, die einen bremste, bestimmte Dinge zu sagen – oder gar zu denken, sie scheint aufgehoben – und wieder hört man: „Das wird man doch mal sagen dürfen…“ Wir leben in einem Land, in dem man vieles sagen darf. Noch. Wir leben aber auch (noch) in einem Land, in dem festgeschrieben ist, dass alle Menschen gleich sind.

Ich erlebte in den letzten Wochen und Monaten, wie intelligente Menschen Nachrichten von bekannten rechten „Nachrichtenmedien“ vertrauten.

Ich erlebte in den letzten Wochen und Monaten, wie Menschen von wenigen auf alle schlossen und dabei die anderen aus den Augen verloren. Ihnen die Hilfe verweigerten. Sie büßen ließen für die Taten anderer.

Ich erlebte in den letzten Wochen und Monaten, wie Menschen mit viel Besitz, Menschen, die sich nicht um das Morgen sorgen müssen, um die nächste Klassenfahrt fürs Kind, um die Telefonrechnung und die Qualität des Essens am Ende des Monats, Menschen mit hohen Gehältern, sicheren Jobs, Häusern, Wohnungen, mehr als gefüllten Konten, wie diese Menschen in Panik ausbrechen, man könne ihnen etwas nehmen. Gegeben jenen, die sich hingegen sorgen müssen, haben sie schon lang nicht mehr. Sie „spenden Zeit“ und erwarten Ergebenheit und den Tanz nach ihren Regeln.

Ich erlebte in den letzten Wochen und Monaten Menschen, die nicht reflektieren. Die gab es schon immer. Vermutlich hat es sich nicht geändert. Nur sind ihre Ansichten und Gedanken heute gefährlicher für unsere Demokratie denn je.

Ich erlebte in den letzten Wochen und Monaten Menschen, die sich über andere erheben. Erhoben mit ihrem Anspruch besser zu sein, weil sie das Privileg von mehr Bildung haben konnten, mehr Geld verdienen, mehr erbten, mehr alles haben.

Ich erlebte in den letzten Wochen und Monaten Menschen, die Juden vorschieben, um ihren Hass auf Muslime, auf Flüchtlinge, auf alle, was ihnen fremd ist, zu rechtfertigen. Doch wir Juden leben, wir haben eine eigene Stimme, wir können für uns sprechen. Hass ist nichts, was sich mit dem Judentum verbinden lässt. Wir wissen, wie es ist, ausgeschlossen zu sein. Wir wissen, wie es ist, verfolgt zu werden. Wir wissen, wie es ist gehasst zu werden. Wenn es keine andere „Begründung“ für den Hass gibt, nehmt nicht uns oder eine andere Minderheit für Eure Entschuldigungen. Hinterfragt Euren Hass und fragt Euch, wohin Hass führt. Ich wehre mich dagegen, von Euch missbraucht zu werden.

Ich erlebte in den letzten Wochen und Monaten Menschen, die in ihrer Funktion als Polizeipräsidenten nicht in der Lage waren zu differenzieren. Ich erlebte Politiker, die diese deckten. Die von radikalen Gruppen sprechen, die es nicht gibt. Die sich ihr einfaches Bild machen.

Ich erlebte in den letzten Wochen und Monaten Menschen, die auf andere losgingen, sie verfolgten und diskreditierten, weil sie Lebensmodelle leben, die für sie nicht in Frage kommen. Weil sie es wagten, ohne Mann zu leben, weil sie ihre Kinder allein aufziehen, weil sie keine Kinder möchten, weil sie nicht heiraten möchten, weil sie heiraten möchten….

Ich erlebte in den letzten Wochen und Monaten Menschen, die all das Schlechte herauskehrten und das Gute in ihnen vergaßen, es so tief vergruben, dass sie nur noch mit Gewalt sprechen können.

Ich erlebte in den letzten Wochen und Monaten mich, wie ich mir wünschte, in einer anderen Zeit zu leben, in einer Zeit, in der der Ruf nach Frieden und Freiheit lauter ist, als der nach mehr Repressionen, mehr Kontrolle, mehr Misstrauen. All das macht mir Angst. Deshalb vielleicht fahre ich weg und deshalb vielleicht kehre ich nur ungern zurück.

Ein Kommentar

  1. Ignaz Ignaz

    Gute und nachvollziehbare Worte!

    Aber Du musst die Deutschen verstehen, die haben gerade das Gefühl, dass ihnen ihr Land weggenommen wird durch die ungebremste Einwanderung. Es geht um ihre Identität. Kultur und Zukunft im Allgemeinen. Anliegen, um die es sich doch in Israel seit Jarhzehnten dreht! Sie sehen, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen vermeintlich alles dürfen, während für sie Denk- und Sprechverbote gelten. Und dann kommen immer noch die ganzen Intellektuellen und „Prominenten“ mit ihrem oberlehrerhaften Gehabe, einer Mentalität, die man in Deutschland doch noch nie mochte.

    Jedenfalls gehen solche gesellschaftlichen Konstellationen erfahrungsgemäß nie gut aus. Es brodelt dann irgendwann unter der Oberfläche und das beschriebene Konstrukt bricht zusammen. So wurde letztendlich auch Trump gewählt!

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