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Die hohen Feiertage, eine Wahl und etwas Demut

In dieser Woche findet das jüdische Neujahr statt. In dieser Woche findet die Bundestagswahl statt. Genauer an Zom Gedalja. Der Tag, der den Untergang des Reiches Jehuda besiegelte.

Noch nie habe ich nah an den Feiertagen so sehr über Politik nachgedacht. Doch ist es ein Gedanke, der mich herumtreibt. Während der Tage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur kann man all jene um Verzeihung bitten, denen man im letzten Jahr geschadet, verletzt, belogen hat. Es ist die letzte Frist, das zu tun. Es gibt niemanden, der es für einen tun kann. Niemand, der stellvertretend verzeihen kann. Niemanden, der den oft schweren Gang abnimmt. Wir müssen uns mit uns selbst konfrontieren, wir müssen uns mit dem auseinandersetzen, was wir getan haben. Wir sind nicht perfekt. Wir machen Fehler, müssen sie erkennen und zu ihnen stehen, uns bekennen, lernen aus ihnen und sie in der Zukunft vermeiden.

Genau das ist es, was ich in all der Wahlkämpferei und allgemein immer mehr vermisse: Fehler eingestehen.

Was ist daran schwierig, zu sagen: Als wir damals Teil der Regierung waren, dieses und jenes erdachten, taten wir es in guter Absicht und sehen heute, dass es ein Fehler war. Es tut uns leid. Wir wollen es besser machen? Was ist daran so schwierig, zu sagen: Unsere Vorgänger haben Ungerechtigkeit und Leid zum Gesetz gemacht, wir distanzieren uns von ihnen?

Eher hört man:
Die anderen waren es. Wir sind nicht zuständig.
Das waren die vom Land, vom Kreis, wir gehören zum Bund, wir haben nichts zu schaffen mit jenen.
Das was damals war ist vorbei, wir können es nicht ändern und sagen nichts mehr.

Ich bin es leid. Vielleicht ist es das Jüdische in mir. Das Wissen, dass man durch Verleugnung nichts besser machen kann. Keine bessere Welt schaffen kann. Dass das zu verfolgen oft schmerzhaft und demütigend sein kann. Besoffene Selbstverliebtheit im Wahlkampf jedenfalls hilft nicht, ernst- und wahrgenommen zu werden.

Gleichzeitig hört man zu oft, dass „die Politiker“  weg von den Realitäten seien. Sie nicht sehen. Nicht zuhören. Ich kann verstehen, wie dieses Bild zustande kommt. Nur kann ich nicht verstehen, was einen Menschen daher bewegt, Hass und Ausgrenzung zu  wählen. Wie das bockige Kind, das genau das macht, was es nicht tun soll, nur um es „allen zu zeigen“.

Vielleicht geht es nicht nur um Geschichtsblindheit, um Faktenignoranz. Vielleicht geht es auch um Menschenblindheit. Um die Fähigkeit zu sagen: Wir haben Fehler gemacht. Es tut uns leid. Vielleicht ist es das, worauf der eine oder die andere wartet. Ich habe gewartet. Ich habe es nicht gehört. Statt dessen tänzelt man in selbstverliebtem Wahlkampftaumel umher und wundert sich, warum jene, die auf Fehler zeigen, in ihren bohren, solchen Zulauf finden und dabei ihren Hass wie eine ansteckende Krankheit verbreiten.

Es braucht keine ausgefeilte Wahlprogramme, die niemand liest. Es geht nicht um buntblinde Wahlkampfkampagnen. Es geht manchmal nur darum, ehrlich zu sein – auch, wenn es weh tut, auch, wenn man sich niedriger setzen muss, wo man doch so gern ganz oben wäre.

Man nennt das Demut. Ein selten gewordenes Gut.

photo credit: davisson123 Humility via photopin (license)

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