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Kein Gebet für alle

Unbeachtet wurde am Sonntag im israelischen Parlament eine erst im Januar 2016 geschlossene Vereinbarung zur Errichtung eines egalitären Gebetsbereich an der Klagemauer gekippt. Gekippt, weil Netanjahu die (wenigen) Stimmen der Ultraorthodoxie brauchte.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten müssen Frauen und Männer brav getrennt den Zugang zur Kotel finden und dort auch getrennt beten. G’ttesdienste im liberalen Sinne sind, sagen wir, unerwünscht. Man kann von den „Women of the Wall“ halten was man will, sie ließen sich nicht unterkriegen, in einem Land, in dem die Orthodoxie zumindest in Fragen der religiösen Macht die Oberhand hat und feierten regelmäßig ihre G’ttesdienste zu Rosh Kodesh. Dafür wurden sie angezeigt, verhaftet, bespuckt und mehr.

Frauen mögen bitte still und nicht zu laut (man könne ja mit seiner zauberhaften Stimme die Männer vom Gebet ablenken), wenn denn überhaupt, an der Mauer beten. Zynisch betrachtet: Möchte ich das? Möchte ich abgeschoben in einer Ecke von Herren Gnaden stehen müssen? An einem Ort für ALLE Juden?

Gleichzeitig und dramatischerweise noch weniger beachtet, scheint ein weiteres Gesetz in Vorbereitung. Eines, was seit Jahren bekämpft wird und was die Mehrheit der Diasporajuden vor den Kopf stößt, ihnen im Notfall die Sicherheit rauben.

Die Konversionen zum Judentum und ihre Anerkennung, soll in die Hände des Oberrabbinats gelegt werden. Das heißt, es werden nur Juden, die orthodox übertraten und ihre Nachkommen anerkannt. Gleichzeitig könnte das auch bedeuten, dass eben jenes Oberrabbinat die Macht über die Entscheidung zum Rückkehrergesetz hätte. Dem Gesetz, das jedem Juden die Garantie gibt, in Israel leben zu können, mit allen Rechten und Pflichten und der entsprechenden Staatsbürgerschaft. Dass hierunter auch liberale Juden fallen, die nun auch verstärkt in Israel ihre Art von Glauben leben, missfällt der Orthodoxie gehörig. Dass auch heute schon viele pro forma orthodox übertreten, um schon jetzt vorhandene Probleme zu umgehen, dann aber alles andere als fromm leben, wird ausgeblendet. Man nimmt lieber die Heuchler, als den Menschen die Wahl zu geben, was für sie der richtige Weg ist.
Welche Auswirkungen die Machtstärkung der Orthodoxie in Israel auf die in Europa, resp. Deutschland haben wird, wird sich zeigen. Das liberale Judentum muss im Land seiner Entstehung oft genug um seine Existenz kämpfen. Ein wirkliches Selbstbewusstsein ist selten zu finden, denn auch hier müssen Menschen um ihre Anerkennung kämpfen.

Die Frage, wer „zurückkehren“ darf, wer die Staatsangehörigkeit bekommt, ist eine lange diskutierte. Obwohl es im Gesetz klar festgelegt war.  Mehrfach bereits gab es Anläufe, in Fragen des progressiven Judentums, in Verweigerung zu gehen. Mehrfach konnte es verhindert werden. Wird es auch dieses Mal gelingen? Man darf zweifeln.

Konkret gesagt: im Falle von Auswanderungswellen, wie z.B. in Frankreich, würde man nur auswandern können, wenn man tunlichst nicht liberal ist. Hat man jemanden in seiner Linie, der liberal übertrat wird man wohl abgelehnt werden. Haben die Eltern liberal geheiratet, würde die Ehe nicht anerkannt werden, Kinder als Mamser (so etwas wie Bastarde) angesehen und diese dann auf Generationen nicht als gleichberechtigte Juden angesehen werden.

Es bleibt zu hoffen, dass es wieder gelingen wird, in der Knesset ein Zeichen für alle Jüdinnen und Juden zu setzen. Was am Sonntag aber geschah, nur für den persönlichen Machterhalt hat dramatische Auswirkungen und macht zumindest mein Gefühl in Hinblick auf das sogenannte Heiligste nicht besser.

 

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