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Andere Arten von Familie

Endlich ist es soweit, eine ganz und gar normale Sache ist durch – jede darf heiraten, wen sie will. Im Vorfeld wurde von Dingen gefaselt, die nicht nur mich mein Leben begleiten. Dinge wie „Ehe als Grundfestung der Gesellschaft“, „Basis“ gar der Funktion des Staates und vieles Absurde mehr. Dinge die verletzten können, die Menschen herabsetzen. Sie sind fern jeglicher Realität, einem Idealbild der 50er Jahre Heimatfilmidylle nacheifernd. Ich habe mein Leben lang, selbst heute noch Äußerungen dieser Art ertragen müssen. Denn ich bin ein, wie man das so merkwürdig zu klassifizieren meinen muss, uneheliches Kind einer alleinerziehenden Mutter.

Meine Mutter war einmal Ehefrau. Noch während des Studiums heiratete sie mit vielen Träumen. Sie hat sich nicht betrügen lassen und ihr Leben selbst in die Hand genommen. Als ich kam, war sie schon lange nicht mehr verheiratet. Ich war nicht geplant und sehr gewollt. Sie hat mich allein groß gezogen, groß ziehen müssen. Wer meint, dass das in der DDR ganz normal gewesen sei, der irrt – und dennoch schien es normaler zu sein, als im anderen Teil Deutschlands, in dem ich mich noch immer rechtfertigen muss, dass ich eben nicht ehelich bin, dass ich kein Problem damit habe. Das aber haben offensichtlich andere, in deren Schema es nicht passt. Ich muss erklären, dass der geschiedene Mann eben nicht ist nicht mein Vater ist und ernte verwirrte Blicke im harmlosen Fall. Offensichtlich scheint es in vielen Köpfen des Landes noch immer so zu sein, dass Frauen nur IN der Ehe ein Sexualleben haben dürfen. Dieses, und ganz besonders Vermehrung natürlich ausgeschlossen. Ein Blick in den Kalender bestätigt, wir haben tatsächlich schon eine 20 vorn in der Jahreszahl…man sollte sicher gehen.

Dass aber viele Frauen und Männer ihre Kinder allein großziehen müssen, dass sie sich das äußerst selten wirklich bewusst aussuchen, dass kein einfaches Leben ist, in dem sie allein gelassen werden, in dem sie Bärenkräfte aufbringen müssen, diskriminiert werden und zum Großteil mit ihren Kindern von Armut betroffen sind, wird gern ausgeblendet. Kinderfreundliche Arbeitsplätze sind selten, es werden nicht mehr. Eltern sind gezwungen in Teilzeit zu arbeiten und haben so noch weniger Einkommen. Dass der Kindergarten meiner Kindheit andere Öffnungszeiten hatte und wir so auch gut betreut war, wenn die Eltern mehr arbeiten mussten, darf man nicht erwähnen.

Als ich Kind war, erlebte ich oft genug die Streits der Eltern der anderen, oft genug „flohen“ andere Kinder zu mir, weil sie es zuhause nicht aushielten, oft genug hörte ich von den familiären Problemen, die ich nicht kannte. Ich erlebte auch funktionierende klassische Familien, ich wuchs auf mit Kindern, die nur Frauen als Eltern hatten und männlichen Paaren mit Kinderwunsch. Ich hatte eine schöne Kindheit.

Ich weiß nicht, wie es ist, einen Vater zu haben. Ich werde noch immer gefragt, ob ich das nicht vermisse. Nein. Ich kenne es nicht. Dass wir zuhause eine Familie seien, wurde und wird mir noch immer abgesprochen – egal in welchem Staat. Zur Familie gehöre der Vater oder eben zwei Elternteile.

Was ich aber noch immer vermisse, ist das Verständnis und die Unterstützung derer, die eben ein anderes Leben leben (müssen), die andere Familienstrukturen als eben das 50er Jahre Heimatfilmbild darstellen. Es kann nicht sein, dass Eltern, die das nicht eben nicht leben und vor allem ihre Kinder darunter leiden müssen. Dass sie, wie auch ich bis heute, dumme Kommentare bekommen, dass sie als Bastarde bezeichnet werden, dass man den Eltern unterstellt, sie hätten sich mutwillig dafür entschieden (vielleicht auch noch, um jemanden zu ärgern) und man – gerade in Hinblick auf die dramatischen Zahlen der innerehelichen Gewaltdelikte – nicht endlich davon abkommt, die Ehe als das zu sehen, was sie ist: Ein Bekenntnis zweier Menschen zueinander. Sie wollen es miteinander versuchen. Sie wollen „offiziell sein“, ein Papier haben. Ob es auf immer hält, ist ein Wunsch, selten die Realität. Die Eheschließung ist ein Symbol, manchmal der Liebe gewidmet, der Steuerersparnis oder einfach dem Kinderwunsch geschuldet – denn künstliche Befruchtung bekommen natürlich nur verheiratete Paare genehmigt.

Wir leben in einer absurden Welt. In einer Welt, die danach schreit, so offen, so fortschrittlich zu sein und doch nur eines ist: rückwärtsgewandt. Die heutige, doch eigentlich selbstverständliche, Öffnung der Ehe für alle ist nur ein erster Schritt. Im Nächsten schauen wir bitte die Realitäten an und unterstützen jene, die Ja zum Leben sagten, die Ja zu ihren Kindern sagten sie allein groß ziehen und oft genug sich selbst dafür aufgeben müssen. Diese Leistung kann nicht hoch genug eingeschätzt und wertgeschätzt werden und wird doch viel zu wenig geachtet und unterstützt. Das kann nicht sein.

Und wir Kinder, die nur einen Elternteil haben, geraten tatsächlich zu normalen Mitgliedern der Gesellschaft. Wir lernen, arbeiten, gründen Familien und sind einfach nur ganz normal. Unsere Eltern aber brauchen mehr Hinsehen, mehr Aufmerksamkeit und vor allem mehr Unterstützung. Sie sind nicht selten trotz Arbeit von Altersarmut betroffen.

Und letztlich: Bringt den Kindern, egal in welcher Art von Familie, bei, dass sie gewalttätige Beziehungen verlassen müssen und dürfen. Dass sie allein leben können, dass es ihnen mitunter besser geht als in psychischer oder physischer Unterdrückung. Bringt ihnen bei, dass das Ziel des Lebens keine Ehe ist, sondern ihr persönliches Glück, zu dem auch eine glückliche Beziehung gehören kann. Ob sie diese dann amtlich besiegeln lassen, ist auch allein ihre Entscheidung. Bringt ihnen bei, dass Familien vielfältig sind und aus zwei bis unendlich vielen Personen bestehen können. Macht sie zu selbstbewussten glücklichen Menschen. Bringt ihnen bei, dass sie lieben und leben sollen, wie es ihnen gefällt. Dass sie gut sind, wie sie sind.

Meine Mutter sagte einmal über das Alleinerziehendensein: „Es war hart. Ich würde es immer wieder tun. Ich würde es aber nie jemandem empfehlen.“ Die Zeiten sind nicht besser geworden. Denken Sie darüber nach.

2 Comments

  1. Ich finde es erstaunlich, dass man eine künstliche Befruchtung tatsächlich nur dann bekommen kann, wenn man denn verheiratet ist.
    Also einerseits macht es durchaus Sinn, die Kinderplanung nicht zu überstürzen und sich den Partner gut auszuwählen, aber dazu gibt es doch andere Mittel und Wege, dies zu gewährleisten.

    • Man bekommt die Befruchtung schon, muss sie aber selbst bezahlen. Da kommt einiges zusammen. Ist man verheiratet, werden zumindest einige Behandlungen von den Kassen übernommen.

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