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Die N., Geschlechterspiele und Kaffeetornado

„Verdammt. Jetzt kommen die Arschlöcher schon in meine Träume!“ sagt N. und rührt aufgebracht in ihrem Kaffee. „Kannst Du Dir das vorstellen? Da sitzen mir im Traum diese zwei selbstgefälligen Fettärsche gegenüber und wollen mir allen ernstes klarmachen, dass ich keine Ahnung habe, weil ich eine Frau bin.“ Gleich wird der Tornado im Kaffee den Becherrand erreichen. 

N. ist wütend. „Was ist los in dieser Welt jetzt, die für Frauen Pink und Blümchen vorsieht und eine Karriere am Herd und höchstens Teilzeitbeschäftigung in irgendeinem „Frauenberuf“? Ist ja ok, wenn das einzelne gut finden und sich wohl fühlen. Sollen se, aber das kann doch nicht Lebensinhalt sein.“ Sie redet sich in Rage. Wie gut ich sie verstehen kann. Meine Gedanken sind beim letzten unvermeidlichen Hotlineanruf. Es gehört schon zum Ritual, zu beweisen, dass ich tatsächlich in der Lage bin, einen Stecker richtig in die vorgesehene Buchse zu stecken. Ruft der P. an, wird das auf ominöse Weise nicht nachgefragt. Was also, so denke ich zwischen N.’s wütendem Gebrummel ist los?

Ich erinnere mich an mein Kindheitsfernsehen. Zwar gab es da keine Mädchen in rosa Tüll – aber die Frauen waren alle anständige Hausfrauen. So beängstigend anders als die Frauen meiner Kindheit, die die Nächste durchdiskutierten, philosophierten und bei denen Männer der Art Fernsehgatte schlicht keinen Platz hatten. Die Fernsehmänner und -frauen waren seltsam und befremdlich – so finde ich noch immer. „Neulich haben sie im Büro gesagt, ich sollte mich dem Chef mehr auf den Schoß setzten!“ tönt es über den Kaffeebechersturm. „Kannst Du Dir das vorstellen?“  Nein, kann ich nicht. Auch ich habe den Satz schon öfter gehört. Vermeintliche Vorbilder gab es genug. Vielleicht bin ich auch ein wenig neidisch, dass sie schon in der Schule ihre Noten mit blinzeln und schmusen höhertrieben, in der Uni nie ein Wort im Seminar von sich gaben, wenn sie überhaupt da waren, aber dann mit Tränen in den Augen irgendwelchen anrührenden Geschichten erzählten und sich der Dozent doch erweichen lies. Während unsereins nur den Raum betreten musste und schon war klar: das wird schwierig werden. „Es gibt nun mal welche, die das können und welche wie uns. Da kannste nichts machen.“ murmle ich vor mich hin. Ich weiß nicht, ob N. Es überhaupt mitbekommt. Irgendwo fiel ein Glas herunter und irgendwo zickte jemand vorsorglich herum, falls ein Spritzer doch an den teuren Mantel kam.

Ich erinnere mich an Onkel Hans wie er mir das mit dem Beton beibrachte, wie er mit mir auf die Bäume kletterte und sie mit mir beschnitt, um dann im Herbst wieder mit mir hochzusteigen, um die Ernte einzuholen. Kneifen galt nicht. Was man einmal gelernt hat, vergisst man nicht. Nie gab es in meiner Kindheit auch nur den Hauch eines Gefühls, dass ich irgendwas nicht können könnte, weil ich ein Mädchen bin. Im Gegenteil, ist man nur zu zweit zuhause, muss man eben zu zweit alles hinbekommen. Einen einfachen Anruf bei Handwerkern gab es im Land meiner Kindheit nicht. Bis die kamen…und dann die Preise… „Hast Du denn was dazu gesagt?“ unterbreche ich meine Gedanken. „Was ich immer sage: Das ist unter meiner Würde.“ Würde. Ja. Irgendwann werde ich so eine Schoßsitzerin doch mal befragen dazu…

Neulich hörte ich eine junge Frau eine Verabredung in drei Tagen absagen, weil sie einen Platten habe. Sie müsse erst in die Werkstatt. Ich schaue auf den Plattfuß, überlege kurz ihr anzubieten, dass eben zu erledigen. Sie steigt plappernd aus, ohne dass ich ihr sagen kann, dass es auch Fahrradreparaturkurse gibt. Es ist ja nie zu spät. So wundere mich beim Rattern der S-Bahn wieder einmal über unselbstständige Menschen. Nur die N., N. Ist anders. Sie hat auch einen ordentlichen Trennschleifer. Das ist viel wert. Spart wieder ein paar blöde Sprüche beim Werkzeugverleih.

„Man geht doch nur zum College, um einen Mann zu finden.“ sagte S. irgendwann zu mir. Ich verstand das nicht. Sie gab sich Mühe, mich in die Gedankenwelt meiner zukünftigen Heimat einzuführen. Sie selbst war anders – hatte  mit Ende 40 geheiratet und war nicht wohlgelitten unter den Damen ihrer Schicht. Ich war froh, wenn S. irgendwo auch eingeladen war. Smalltalk ist schon so ein Graus, noch mehr, sind die einzigen Themen Shoppen, Haare und Diäten. Mit S. Konnte man sich auch über anderes unterhalten, Reisen, Bücher, Geschichte. Wollte ich dort wirklich leben? Die ewige Sonne beantwortete es zunächst mit Ja.

N. redete weiter. Der Tornadokaffee hatte sich beruhigt. Sie erzählte vom ihrem letzten Liebhaber. Irgendwann hatte sie wie so viele Frauen aufgegeben, einen Mann zu finden, der kein Problem mit denkenden Frauen hat. Es gibt sie dennoch, rar gesät und heiß begehrt. Leider tragen sie kein Schild um den Hals: Ich will mit einer Frau auch reden können! Oder so etwas in der Art. „Die T. Ist auch wieder alleine. Der Typ hat sich nach 17 Jahren getrennt als sie die Professur bekam.Was haben die Kerle nur für Probleme?“ „Vielleicht ja die neue Generation…?“ „Da haben wir nicht mehr davon und siehst Du nicht, dass das Spießertum wieder Oberhand gewinnt?“. Der Tornado frischt wieder auf. Wenn sie weiter so macht, sprengt sie den Becher. Der Löffel klirrt.

„Kommst Du mal Essen machen!“ ruft in meiner Erinnerung die Mutter eines Ex. Ich war gerade in der Werkstatt mit einem alten Schrank zugange. Die Nut müsste doch irgendwie….sie rief wieder. Die Männer saßen auf der Terrasse und tranken Bier. Ich rief durch den Garten, dass ich nicht kann (nicht wollte), aber die Männer… Beim frostigen Essen war mir klar, für diese Familie war das ein Fehler. Mich würde es nicht lange mehr geben – zum Glück, wie ich heute finde. Ich nenne es ein Experiment. Dort ging es bei den Frauengesprächen im Übrigen primär um Fingernägel. UM FINGERNÄGEL!

Morgen ein Termin. Ich muss begründen, warum wir wieder einen neuen Server brauchen. Inzwischen habe ich gelernt: Mann mitnehmen. Mann reden lassen. Dann geht das schneller. Zum Glück ist der IT Mann normal und spielt das Spiel mit. Es gibt nicht viele davon. Diese Spiele rauben soviel Zeit und irgendwie, irgendwie ist mir das alles zuviel.

„Wolltest Du jemals Prinzessin sein?“ fragt N.. Ich überlege. „Nein, nie, ich war immer Pirat, Räuber, Indianer. Als Prinzessin musste man doch immer auf das Kleid aufpassen und musste geziert rumsitzen. Und der ganze Glitzerkram.“ Viel hat sich nicht geändert.

„Wenigstens ist es heute nicht mehr ungewöhnlich, wenn Mütter arbeiten.“ Sage ich. N. widerspricht. „Doch ist es. Und selbst, wenn sie nicht mehr sagen, dass man nicht arbeiten darf, so machen sie einem ein stetiges schlechtes Gewissen – und viele lassen es sich machen.“ N. Ist ein vollzeitarbeitendes Muttertier. „Als ob es nicht völlig normal sein sollte. Vätern wird doch auch kein schlechtes Gewissen gemacht, wenn sie nach der Vermehrung weiter Vollzeit arbeiten.“ N. ist direkt. Wie immer. Sie hat recht. Nur ein Kind in unserer Klasse hatte eine Mutter die zuhause war. Ich wollte damals wissen, wie das ist, wenn immer jemand da ist. Wenn man nie ohne bescheid zu geben raus kann, Burgen bauen. Es war eine fremde Welt. Das Kind wurde gehänselt für die Mutter zuhause. Ich wurde gehänselt für die Mutter allein. Kinder außerhalb der Norm.

„Wieso ist eigentlich die Generation, die doch von kleinauf so gleichberechtigt aufgewachsen ist, so zurückgefallen in das 50er Jahre Familienmodell?“ frage ich mich selbst laut. „Flucht aus der Leistungsgesellschaft. Es ist einfacher zuhause zu bleiben, und sich diesem Spiel mit ständigem Beweisenmüssen, dass man auch ohne Y-Chromosom was im Kopf und in den Armen haben kann, zu entziehen….“ „ Aber geht man da am Ende nicht ein vor Langeweile?“ „Die haben doch Shoppingturen, Lunchtreffen mit gleichgesinnten Freundinnen und Kinder, die überall herumkutschiert werden müssen.“ Ich kenne die Geschichten von den Elternabenden N’s Tochter… Die Pfefferminsblätter sind jetzt endgültig ausgedrückt. „Ich muss morgen früh raus. Diese Bauleute denken ja immer, dass man nur um sieben Beratungen abhalten kann. Noch so ein Mysterium.“ In Gedanken lege ich mir wieder Strategien zurecht, wie man das elende Spiel abkürzen kann, damit wir über die wichtigen Dinge reden kann. Es ist müßig. Langweilig. Ich mag keine Spiele. Kein Wunder, dass Frauen, die das ihr Leben lang machen mussten und es endlich auf irgendwelche Positionen geschafft haben, es nicht mehr ablegen können. Gockelgehabe mit zwei X. Wir bezahlen. Die kleine Selbsthilfegruppe ist für vorbei. Es wird noch viele geben.

Ich gehe zum Rad. Ein paar Räder weiter ein Rad mit Plattem und ein verzweifelter Frauenblick. „Kann ich Dir helfen?“, „Ich hab einen Platten und hab doch morgen Abend einen Termin, das schaffe ich alles nicht.“. Ich helfe ihr am Ende. Die Sonne scheint. Sie strahlt und wundert sich, woher ich das kann. Ist es wirklich so viel leichter,  von anderen abhängig zu sein?

2 Comments

  1. In der Schule dachte ich, das würde sich verflüchtigen, wenn die „hilflosen Mädchen“ erwachsen würden. Im Bachelor hatte ich noch Hoffnung, dass es Einzelfälle wären und jetzt bin ich im Master-Studium und es gibt sie immer noch. Gefühlt sind es sogar mehr geworden. Ich kann es mir nicht erklären, ich stelle es mir schrecklich anstrengend vor immer von anderen abhängig zu sein, aber das scheint ja nicht so zu sein, sonst würden nicht so viele so leben.
    Ich weiß nur, für Frauen, die nicht gerne als hilflos angesehen werden, ist es furchtbar anstrengend mit diesen hilflosen Wesen mit dem perfektem Augenaufschlag um einen herum…
    LG Lexa

    • „Ich weiß nur, für Frauen, die nicht gerne als hilflos angesehen werden, ist es furchtbar anstrengend mit diesen hilflosen Wesen mit dem perfektem Augenaufschlag um einen herum…“ Oh, wie recht Du hast und wie gut auf den Punkt gebracht. Danke.

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