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„Der sechste, unser Weihnachten.“ – Reden und Schweigen über Identität

Wieso kommt er heute? Der Mann mit der Unterschrift? Ich habe den Füller noch in der Hand, reiche nach dem Blatt Papier und frage: „Den wievielten haben wir überhaupt?“ „Der sechste, unser Weihnachten.“
Ich schaue auf. „Ach, Sie sind orthodox? Und wie feiern Sie?“ Er sei nicht religiös, aber Weihnachten geht man Abends in die Kirche, zwei Stunden dauert das wohl so, aber morgen, morgen wird auch richtig gefeiert, mit gutem Essen und Gästen. Seine Augen leuchten beim Gedanken daran. Ich will mehr wissen. Eigentlich. Halte mich zurück. Er geht davon aus – natürlich – dass ich Weihnachten feiere, so wie alle in diesem Land. Und wieder ist er da: der Zwiespalt.
Warum sage ich nichts? Warum lasse ich ihn bei der Annahme? „Ich feiere auch kein Weihnachten am 24. Dezember.“ Das könnte ich sagen.  Sage nichts. Ich wünsche ihm ein schönes Fest. Ich denke darüber nach. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich so zurückhielt. Nicht nur, wenn es um Weihnachten geht. Ich halte mich zurück, weil da zu oft dieses Zurückschrecken ist, zu oft die sichtbaren Gedanken der Menschen, wie sie jetzt mit mir umgehen müssten, reden dürften. Als wäre ich unberührbar, unantastbar, als wäre ich eine andere Welt. Mein Judentum, ja, es ist eine andere Welt für jene, die sie nicht kennen, aber ich? Ich bin ich. Niemand soll mich anders behandeln deshalb. Nicht schlechter, nicht besser, nicht anders. Ich werde zur ersten Konsultationsstelle für Israelreisepläne, dabei könnte ich über die Ostsee, die Alpen mehr erzählen. Und ja, tatsächlich, ich bin Berlinerin, nein nicht aus Russland, auch nicht aus Israel. Na sowas. Ich will nicht, dass man mir die Geschichte seiner Familie erzählt, sich fast zwanghaft rechtfertigend für etwas, was doch nicht Teil unserer Begegnung ist. Die Intimitäten von Familiengeschichten ausgebreitet auf dem Ladentisch, feil geboten, obwohl man nach einem Hier und Jetzt bat.
Diese Geschichten, so höre ich wieder sagen, sind Teil des Hier und Jetzt. Ja, das mag sein. Nur mein Privates, mein Tägliches möchte ich nicht damit gefüllt wissen. Wenn wir uns einst an Abenden mit zu wenig Schlaf und zu viel Wein die Merk- und Fragwürdigkeiten der Ahnen preisgeben, dann vielleicht, dann….doch nicht, wenn wir beginnen uns zu begegnen.
Deshalb wohl, so denke ich, habe ich wieder nichts gesagt. Deshalb sage ich auch sonst nichts….und deshalb wissen wohl auch so wenige über die anderen Leben, die gelebt werden, weil wir nicht frei sind im Erzählen. Weil wir abwägen die Reaktionsvarianten mit unserer Tagesverfassung, unserer Kraft, es auszuhalten, zu reagieren. So eiern wir stotternd durch Leben, es vermeidend, einen Teil unserer Identität preiszugeben.
„Auch ich feiere nicht Weihnachten am 24. Dezember, aber auch an keinem anderen Tag. Erzählen Sie mir noch mehr…“ Das hätte ich sagen wollen und zugehört den Geschichten von einer Welt, die ich nur aus der weiten Ferne kenne. Vielleicht irgendwann. Ich baue darauf.

photo credit: Hunky Punk Christmas wreath with red bow, Washington Mews, Greenwich Village, New York via photopin (license)

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