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…dass Du nicht mehr kämpfen musst.

Im Bus riecht es warm nach Kakao, mit Sahnehaube. Dank Erkältung und hässlichnassem Baustellenweg, bewege ich mich letzthin auf vielen Rädern fort, die mich von Nachbarschaft zu Nachbarschaft tragen. Das Glück der Winterfahrten: die vielen kleinen Welten durch Abendfenster. Das kleine Zimmerchen, bis oben zugehangen mit kleinen Bildern in großen Rahmen, die bald erblühenden Amaryllen auf Fensterbrettern, an Sommer erinnernd und ihr Erblühen von ihren Besitzern sehnsüchtig erwartet.
Kunstvoll gelegte Gardinenfalten, eines Palastes wert in Wiederaufbauhaus. Hinten juchst und gackert ein Kind und macht den Tag, der im Büro so herrlich still war, komplett. Meine Gedanken sortieren sich, kurzzeitige Ruhe bis jemand kommt, der sein Parfüm schon lang besitzt und noch immer versucht, es zu erriechen. auf dem Asphalt reflektiert die Regenstadt, die heute Nachmittag kurz bei geschlossenen Augen ein Sommergewitter erlebte. ein Trugschluss nur. Das kalte licht der Monitore holte mich zurück. Draußen war es grau und nass, wie Wochen schon.Ein paar Gedankenblitze durchschossen am Nachmittag meine Denkblockaden, ich fühle, mein Ich wieder hinaufklettern, sich hinausgraben aus all dem, was ich doch nicht in meinem leben haben will und was dann dennoch Leben heißen soll. Kurze Hoffnung, mich zu behalten, wissend aber, dass all das dem nächsten Kampf, dessen Datum ich schon weiß, fein säuberlich notiert und bestätigt, unterliegen wird und ich mich dann doch hoffentlich wieder beobachten darf, wie ich heraus klettere aus dem, was muss zu dem was sollte…

Auf der Geburtstagskarte stand: „…dass Du nicht mehr kämpfen musst.“ Wie wäre das, so ein Leben? Ein Leben mit Polster? Sicherheiten, wenn auch irgendwann im Testament festgelegt? Wie viele Kämpfe, Zweifel, Rechtfertigungen blieben erspart und wie viele Betrachtungen von oben herab? Eine seltsame Welt, mit ihren festgelegten Schubladen. Ich betrachte sie teils fasziniert und bleibe an den winzigen Lupen aus Wassertropfen an der Scheibe hängen. „…dass Du nicht mehr kämpfen musst.“ Wie sehr hätte ich es ihr gewünscht, noch immer. Sie hat mich gewappnet für das Leben. Ich kenne kein anderes.

Ich will weg aus der Stadt. Wärme. Einfach mal ein paar Monate, wie andere es nach der Schule machten, im Studium. Ein anderes Land, es entdecken, kennenlernen, vielleicht auch mich, etwas mehr. Der Lebenskampf soll Pause haben. Ein wenig nur „und dass das Glück Dich endlich kampflos in seine Arme nimmt“. Das hat es, mich berührt, sanft und freundlich…

Ich bin müde. Ich bin wortlos. Sie verstecken sich, wenn ich sie am dringendsten brauche. Wollen nicht raus, nicht raus in den Kampf. Sie sprudelten im Sommer auf der Insel. Wollten raus, quollen über, malten Bild um Bild in mein Buch, Seite für Seite. Ich wollte doch soviel schreiben. Soviel sagen bei allem, was geschah. Das Exposé liegt auch noch wartend…das Kind verschluckt sich gackern, selbst die Mutter kann sich nicht mehr halten. Ich bin wieder da, im Bus. Die Bäume im Park sind so dunkel, schwarz vor dem Himmel. Ob sie auch auf den Frühling warten oder ob es ihnen egal ist? Wartet jemand nicht auf den Frühling in dieser grauen Stadt? Keine Fenster mehr, nur schwarze Bäume…Pause im Stadtgewirr.

Der Regen wird Graupel, klopft leise auf das Metall. Gleich öffnen sich die Türen schnaufend, spucken mich aus und ich werfe mich dem Sturm entgegen, die stille Straße entlang. Eisige Nadeln im Gesicht….nach Hause, zur Ruhe.

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