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Buchbetrachtung „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ von Dmitrij Kapitelman

Es geschieht nicht sehr oft, dass ich die Autoren der Bücher kenne, die ich lese. Bei Dmitrij, oder besser Dima, ist es etwas anders. Wir begegneten uns auf einem Podium auf dem wir etwas zum Berliner jüdischen Leben erzählen sollten. Am Vormittag las ich eine Leseprobe des Buches „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters„,
ich wollte wenigstens im Ansatz wissen, über was er schrieb. Nach zehn
Seiten brach ich früher auf, stoppte auf dem Weg beim Buchhändler meines
Vertrauens und setzte meine Reise mit all seinen Zeilen auf Papier fort. 
Die Zeit nach dem Podium war zu kurz, die nächste Kneipe zu weit, die Stunde zu spät, wir wechselten ein paar flüchtige Worte, in denen er mir versprach, im Laufe des Buches würde er noch mehr in Fahr kommen. und ich versprach, zu schreiben, was ich denken würde. Nun denn:

Dein Buch, Dima,  ist inzwischen hoch und runter besprochen worden. Du brauchst keine weitere Besprechung. Dennoch möchte ich Dir gern etwas entgegnen. Ganz einfach nur, weil es so geblieben ist: ich erkannte mich wieder. Es war eine Reise nach Israel, die ich einst mit meiner Mutter antrat. Sie wünschte sie sich. Eine Reise, die doch, schaue ich zurück, den letzten Ausschlag gab, mich zu dem zu bekennen, was ich bin. Sie suchte etwas, ich fand, was ich nicht suchte. Ihre Verbindung zum Land ist bis heute stärker als die meine. Und irgendwie, irgendwie bleibt meine Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die sich mir dort nicht erfüllen kann, denn zu sehr hadert die Europäerin in mir, mit den Dingen, die dort vorgehen. Vielleicht ganz ähnlich wie Dein Hadern an Borjas Geburtstagstisch.
In meinem Leben verliebte ich mich in Menschen, ohne darauf zu achten, woher sie kamen. Kann man das tatsächlich kontrollieren? Ich glaube nicht daran. Die Vernunft gewinnt doch nie, wenn sich die Hormone überschlagen. Und vielleicht ist es ja ein kleiner Weg zur Lösung, so vieler Konflikte. Wer weiß. Die Frage, die Zone III zu öffnen ist so alltäglich, nicht nur in Ramallah. Ist es Deine Frage geblieben? Vielleicht ist das unser Lebensdilemma, will man doch eben nicht in Schubladen gesteckt werden, will man selbst nicht in Schubladen stecken und tut es doch irgendwie immer wieder, um dann fast verzweifelt eben jene zu durchwühlen und alles wieder herauszuziehen. Aufräumen ist nicht immer eine gute Idee.
Die Schubladen nicht zu belegen, scheint ewige Entscheidung – aber es ist eben eine Entscheidung, die getroffen werden kann. Wird es einfacher mit der Zeit? Ja, das wird es. Um so größer der Schreck, wenn die Schubladen laut nach Füllung rufen und ich sie fast gewaltsam zustoßen muss, um das zu bleiben, was ich sein will. 
Als Du von Deinen Erlebnisses mit den Leipziger Nazis erzähltest, war meine Nachwendeschulzeit wieder da. Ich wohnte nicht im Leipziger Plattenbau, auch nicht im Berliner. Meine Schule stand in einer gutbürgerlichen Nachbarschaft. Stadtrandwohlstand. Gerade war das neue Schulsystem auf diese Seite der Stadt gezogen. Ich fand mich wieder mit 29 anderen in einer Klasse. Von ihnen bekannten sich 26 sehr bald als offen rechts. Die „Diskussionen“ wurden offen im Unterricht geführt. Die Schlägereien offen auf dem Schulhof. Noch heute frage ich mich, ob es die Unerfahrenheit der Lehrer war, ihnen nicht zu widersprechen und einzuschreiten oder die stille Zustimmung. Drei Schüler aber widersprachen. Einer verließ die Schule nach einem halben Jahr, der zweite nach einem. Ich, die Dritte,  blieb – bis mich ein Umzug ans andere Ende der Stadt rettete. Was blieb, war die Erinnerung an die Angst jeden Tag auf dem Schulweg, das Bild des Schülers, der fast tot geprügelt wurde, weil er ein Palästinensertuch trug und das Aufatmen, wenn ich wieder zu hause war. Damals vielleicht habe ich mich für solche Lebenszeiten aufs Fahrrad verlegt. Kein Warten mehr auf Bus und Bahn, kein Risiko. Hauptsache schnell weg, der Gefahr entgehen, man weiß ja nie. 
Wie steht es mit Deinem deutschen Pass? Und gewähren sie Dir Deinen richtigen Namen? Ich habe das Glück des deutschen Passes von Geburt an. In den letzten Jahren, wird er von manchem immer mehr angezweifelt. Und dennoch gibt dieser Pass die unendliche Freiheit, fast überall hin reisen zu dürfen ohne lästige Anträge und ohne Markierung der Religion. Nun ja, wohl auch eine Namensfrage.
Ist die Halacha wirklich so wichtig, wie Sharon meint? Über die Halacha der Schwarzröcke können wir reden, ewig. Man spricht von Matrilinearität und macht gleichzeitig Gentests, auf wieviele Generationen man jüdisch ist. Es ist absurd. Aber wir arbeiten dran.

Ich danke Dir dafür, Dima, dass Du all das geteilt hast: Dein Suchen, Sehen, Zweifeln, Sehnen, Schmunzeln, Lieben und auch Deine Melancholie. Ich werde nicht die Einzige sein, die sich in deinen Worten wiederfand. Wenn der Trubel sich gelegt hat und etwas Ruhe einkehrt, lass uns das verpasste Bier zusammen trinken und erzähle mir mehr von Hasan, Dina, den Katzen Tel Avivs, Kalil und Pho und Deiner ordentlichen Rentenversicherung.

Der Frieden ist immer nur eine Generation entfernt.

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