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Die Bücher einer Reise

Ich war weg. Ich musste weg. Es war kein gutes Jahr, keines, an das man sich erinnern möchte. Es war Zeit, eine Auszeit zu nehmen, von allem. Und es gelang. Es war der erste Urlaub seit Jahren, in dem ich das Telefon abschalten konnte, keine Mails las und überhaupt länger weg sein konnte. Es war ein kleines Wunder. Das Wunder sollte mit anderem gefüllt werden, für das kaum Zeit blieb: lesen. Und somit hier meine gelesenen Bücher des Urlaubs.

Böse Schafe erzählt die Geschichte von Soja, d.h. eigentlich auch wieder nicht. Das Buch ist ein langes Gespräch, ein Brief, ein Monolog an Harry. Sie fragt um all die Dinge, die sie nicht versteht, bis heute nicht und beschreibt ihre Gefühle in dieser Liebesgeschichte, die es doch ist. Soja war kurz bevor sie auf Harry traf aus der DDR nach West Berlin gekommen und versuchte sich hier im neuen Leben zurecht zu finden. Harry, gerade aus dem Knast entlassen, die verpflichtende Therapie abgebrochen und irgendwie da bei Soja und irgendwie auch wieder nicht. 
Es ist eine Geschichte in West Berlin Ende der 80er Jahre und auch eine Geschichte des Mauerfalls. Ein wunderbares Buch voller Härte und Zuwendung. Vielleicht heute im Rückblick noch besser lesbar. 
Kurz vor meiner Abreise ging es in den Medien her: ein neuer Roman von Christian Kracht. Es wurde gejubelt und gelobt. Ein Kritiker wurde verrissen, da er in einem Interview mit Kracht nicht über das Buch an sich sprach, sondern über den Autor. Nun ja. Grund genug, mir das Werk des Herren doch einmal anzusehen. So also „Imperium“, allseits bejubelt. Was soll ich sagen? Ich quälte mich durch den Roman. Nach einem Drittel wollte ich abbrechen zu gestelzt, zu gewollt erschien mir die Sprache Krachte, der sich wohl der Zeit des Romans (vor dem ersten Weltkrieg) anpassen wollte. Ich ließ ihn ein paar Tage liegen. Quälte mich weiter. Die Geschichte nicht uninteressant: Junger Idealist hat genug von Deutschland und geht mit Idealen und dem Glauben an die einzig wahre Frucht: die Kokosnuss in die Südsee, um sich dort ganz von ihr zu ernähren und auch Europa mit ihren Produkten zu überziehen. Alles scheitert wie anzunehmen, so findet er kaum Anhänger seines Glaubens, infiziert sich irgendwo mit Lepra, überlebt sie, verliert Verstand und Zähne und erlebt so nichts von dem, was inzwischen in der Welt vorgeht. Eine schöne Idee, nicht ohne Reiz. Doch wie gesagt, die Sprache gewollt und ohne Energie. 
 Endlich Feuchtwangers Josephus Trilogie am Stück lesen. Ob mir das gelingen würde? Es gelang. Feuchtwanger (von je einer meiner Lieblingsautoren) hat es geschafft, mein eher distanziertes Verhältnis zum Tempel in Jerusalem hinzurücken, die Liebe zu verstehen und auch mich, nach so vielen Jahren als eine der Generationen zu sehen, die ihn natürlich nicht mehr kannten, die ihn auch nicht mehr wieder errichten wollen, in ihm aber die Größe zu sehen, die Flavius Josephus sah, als er zerstört wurde und damit ein Teil der Menschheitsgeschichte.
Feuchtwanger lesen heißt in Geschichte einzutauchen, mitzuleben, dabei zu sein. Und manchmal, ganz manchmal kann man keine Worte finden außer: lesen. Egal was, solange es einfach nur von ihm ist. 
„Nichts als ein Garten“ von Anne Kanis wurde mir schon länger empfohlen. Doch eigentlich wollte ich doch nichts mehr lesen  an Wendegeschichten. Dann lag das Buch beim Buchhändler um die Ecke draußen vor dem Laden zu einem reduzierten Preis und ich nahm es als Zeichen mich doch heranzuwagen.
Anne Kanis schreibt keinen Wenderoman an sich. Geht es doch nur um ein Leben in Berlin mit anderen Voraussetzungen als andere. Die Protagonistin schlägt sich mit einem Job in einer Kantine durch, um ihr Leben als Sängerin finanzieren zu können. Die (Westberliner) Freundin sucht ihr Glück nicht in der Kunst sondern in entsprechend begüterten Männern und empfiehlt eben solches. Das macht man eben so, das soll so. Und es gelingt nicht, zumindest nicht der Hauptperson. Zu wenig kann man sich verbiegen, auch nicht, wenn die Möglichkeit besteht, wenn doch da der Mann ist, der alles bieten kann.
Ist es denn wirklich wichtig für das Glück? Wie anders sind wir noch heute? Ein Buch, das mich sehr berührte und erinnerte – an mich. Danke dafür. 
Robert Scheer hatte die Chance, mit seiner Großmutter Elisabeth (Pici) über ihre Erlebnisse zu sprechen und Pici sprach. Heraus kam die Geschichte einer Frau, die nie ihren Mut verlor. Ganz besonders interessant ist das Buch, da es die deutschlandzentristische Sicht verlässt. Pici lebt in Ungarn, einiges läuft hier anders als es in unseren Geschichtsbüchern steht. Um einen weiteren Blick über die Ereignisse abseits der Zahlen zu bekommen, ist es absolut empfehlenswert und ein Glück, dass diese Gespräche noch stattfinden konnten. 
Kurzgeschichten kann man es nicht nennen „Die Nachdenklichen Hühner“ von Luigi Malerba, Ministories vielleicht. Die 131 Geschichten der Hühner mit all ihren Eitelkeiten, Wertungen und Betrachtungen. Ideal für lange Autofahrten zum vorlesen, amüsieren, schmunzeln und auch nachdenken. In neueren Auflagen sind inzwischen mehr Hühner hinzugekommen. Und vielleicht fügen wir selbst noch das eine oder andere hinzu. 


Der Sommer, als der Regen ausblieb – Maggie O’Farrell

Der Plot in „Der Sommer, als der Regen ausblieb“ von Maggie O’Farrell ist nichts besonders. Eine Krise, in der eine Familie wieder zusammenfindet. Der Sommer, als der Regen ausblieb also der Sommer 1976 spielt eigentlich keine Rolle und ist irreführend, auch das Cover. Eines Tages verschwindet Robert aus seinem Londoner Haus. Die Kinder haben längst ihre eigenen Leben. Alles schien geordnet, alles ideal zuhause. Und so kommen sie zusammen aus ihren so unterschiedlichen Leben, die sie sich alle so anders vorstellten als sie passierten. Eine vorhersehbare aber schöne Geschichte, ideal für einen Urlaubstag mit Träumen von Sommer, irischen Inseln und dem Glauben an das Gute, das irgendwie doch gewinnt. Ein Wohlfühlroman, der auch gut ein Wohlfühlfilm sein könnte. 

Acht Minuten – Péter Farkas


„Acht Minuten“ von Péter Farkas. Ein Roman, der nicht los lässt, den man am Stück lesen muss. Der alles beinhaltet, was Liebe, was Alter, was Leben heißt. Der alte Mann begleitet seine alte Frau durch ihr altes Leben. Er pflegt sie, von draußen dement genannt, und doch immer noch da. Ohne Begriffe, einfach so, wie sie jetzt ist. Ganz ohne Wertung, ohne Diagnose. Einfach, wie es ist. Ganz so wie das eigene Sein, Verändern, nicht Vergehen. Der Körper als Beobachtung. Vielleicht sollten wir uns einfach ein Beispiel nehmen. Die Dinge nehmen, wie sie kommen. Sie passieren so oder so und wir müssen damit umgehen. Ein wunderbares Buch, voller Liebe.
 

Die Inspektor Jury Reihe – Martha Grimes

Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett – und was ist besser zum Entspannen als ein schöner gemütlicher Krimi in England? Wenn man nun aber schon alle Christies gelesen hat, was dann? Dann her mit Martha Grimes. Inspektor Jury löste auf meiner Reise acht Fälle, ich habe also noch einiges vor mir.


Geschichte vom alten Kind – Jenny Erpenbeck

 
Die Geschichte vom alten Kind ist eine immer wieder kehrende Geschichte, in vielen Variationen. Die Version Jenny Erpenbecks nimmt einen gefangen allein durch ihre Sprache. Auch, wenn man die Geschichte kennt, so hofft und bangt man wieder aufs Neue. Lebt und leidet mit dem alten Kind und seiner Umgebung. Ein wunderbares Beispiel, was Worte, Sprache kann. Ein kleines Buch mit großer Sprachgewalt.
 

 


Ich habe ein Problem mit so genannten Bestsellern. Ich halte Abstand, bis sich der Trubel gelöst hat. Eines Sonnenmorgens nun entschloss ich mich, doch einmal in Altes Land hineinzuschnuppern. Ein Tag voller Amüsement lag vor mir und auch einer, der Mitfühlen lässt. Dörte Hansens Beobachtungen in Hamburg, die sicher überall in Deutschland spielen könnten sind wunderbar auf den Punkt gebracht. Ihr Mitfühlen zu den Erlebnissen Veras, das nicht über die Dinge reden müssen und sich dennoch verstehen, wunderbar. Ich war angenehm überrascht und hatte einen schönen Tag mit dem Buch (hatte mir auf Grund der Rezensionen allerdings etwas anderes vorgestellt). 
 
Ganz klar (abgesehen von Feuchtwanger) mein Favorit. Eine großartige Entdeckung. Das Buch, das nicht ohne Grund eine andere Aufmachung hat als es gemeinhin üblich ist, man möchte schon von sorgfältiger Illustrierung sprechen ist einfach eine Freude. Nicht nur für den bibliophilen Menschen, sondern auch den sprachbegeisterten. Philip Krömer steht, so hoffe ich sehr, am Beginn einer schriftstellerischen Karriere. Im Gegensatz zu Kracht, erscheint seine Sprache nicht bemüht, nicht gekünstelt, nicht gewollt. Er zeigt, was möglich ist. Am Ende des Buches fragt man sich tatsächlich, ob es nicht doch wirklich so gewesen sein konnte. Einfach Danke für dieses Buch und die Empfehlung.

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