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Wenn man den Weg aus den Augen verliert

Es heißt so oft, das Leben sei eine Reise. Ich sehe immer weniger, die diese Reise genießen, ich sehe hasten, eilen, rennen. Das Ziel, das vermeintlich Glück verheißt vor den Augen. Der Blick nach links und rechts, oben und unten und hinten versperrt. 

Die Ziele des Lebens, die einst so lange Arbeit brauchten sind heute so leicht erreichbar. Man lernte, dass, hat man sie erreicht, das Glück vorhanden ist. Haus. Partnerschaft. Kinder. Karriere. Wir hasten dem nach. Versuchen sie zu sammeln wie Paninibildchen und wundern uns so oft, warum all das Verheißene nicht eintritt. Warum sich jetzt nicht diesen Goldreigen über uns ergießt, wie es doch immer in Spielen scheint, hat man das höchste Level erreicht.
Wir haben auf diesem Weg doch alles gegeben: uns ausgepowert, Risiken eingegangen, viel investiert, Geld, Zeit, Kontakte. Wir haben doch auf so viel verzichtet, das wir schon wieder vergessen haben. Auch die Freunde, die wir irgendwann zurückließen, weil sie nicht mehr ins Bild passten. Nicht mehr in die neuen erreichten Level/Leben. Wir sind da angekommen und wundern uns. Wir haben doch all die Bücher durchgearbeitet: 100 Orte, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt. Auf jedem Kontinent. In vielen Ländern. Wir sitzen hier und fragen uns trotz all der Dinge, der Listen, die wir abhaken konnten, warum wir nicht schwebend vor Glück durchs Leben gehen. 
Wir haben den Weg aus den Augen verloren. Wir wissen nicht mehr, wie es da war auf dem Weg, was links und rechts lag. Waren da nicht Abzweigungen, die wir nicht sahen? Es ging nur um uns, uns allein, das verheißene Glück. Die Eltern sagten doch, dass man sich nur um sich allein kümmern soll. Man allein sei wichtig, sonst niemand. Warum ist meine Frau gegangen, mein Mann? Warum kenne ich niemanden mehr. Die Kollegen. Wir haben nichts gemein. Wann habe ich verlernt zu reden über das, was in mir ist. Wann habe ich verlernt, mich zu sehen, wo es doch immer nur um mich ging? 
Vielleicht ist es das? Eine Generation wurde herangezogen, wie es unbeschwerter wohl kaum eine andere gab. Eine Generation des ICHS. Ist das das verheißene Glück? Ist das das Paradies, das es verhieß? Macht es Menschen glücklich, wenn sie alles Materielle erreichen? Die Frage zu beantworten obliegt nicht mir. Genügend Forschungsarbeiten gibt es inzwischen, die belegen, machen wir ohne Gegenleistung zu erwarten anderen Geschenke und sei es „nur“ Zeit, „nur“ ein Ohr zum Zuhören, „nur“ ein da sein, so sind wir glücklicher. 
Ich betrachte die Gesellschaft, in der der Ellbogen der wichtigste Körperteil zu sein scheint, das ICH, das wichtigste Wort. Es macht mir Angst und es macht mich unglücklich. Glück habe ich, da ich andere kenne, denen es ähnlich geht. Glück, dass ich Gleichgesinnte kenne. Doch was ist mit den Menschen, die nicht dieses Glück haben? Die nicht einmal die Chance haben, den vermeintlichen Glücksweg zu gehen, die nicht mal die Chance haben, den Weg aus den Augen zu verlieren. Die verzweifelt, unglücklich, wütend sind? Sie werden nicht gesehen. Erst, wenn sie laut und falsch brüllen. 
Wir sehen einander nicht mehr. Wir sehen uns nicht mehr. Wie sollen wir lehren, füreinander da zu sein, wenn wir es selbst nicht sehen? Wenn wir vor Karriereziel uns nicht zugeben, dass wir doch eigentlich diese Karriere gar nicht wollen? Wie sollen wir glücklich leben, wenn wir dieses Haus kauften, die Raten zahlen und doch eigentlich gar nicht so festgelegt sein wollen? Wie aufblühen im Leben, wenn wir in Beziehungen bleiben, die uns nicht gut tun, nur, um nicht allein zu bleiben? Wir stehen uns so oft selbst im Weg und schauen uns nicht um, ob es da eine andere Richtung gäbe, weil uns eingetrichtert wurde, nur so und nicht anders. Es muss ein Umdenken geben. Ein Umdenken für ein füreinander. Wir sind nicht Feinde, wir sind nicht Konkurrenten. Wir sind Menschen, die die gleiche Stadt, das gleiche Land, die gleiche Erde und die gleiche Zeit teilen. Machen wir uns das Leben doch nicht gegenseitig und uns selbst so schwer. Es hilft niemandem. Nie. 
Schauen Sie nach links und rechts, gehen sie auch mal ein Stück zurück und schauen sich noch mal um. 
Der Weg ist nicht das Ziel, der Weg ist unser Leben. Wir haben nur dieses. 

photo credit: Grass Trail via photopin (license)

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