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Einfach die Füße in die Spree und auf die Biber warten…

…so sagte man mir bei der Anmeldung in der JH Lübben. Ab halb acht sollten sie kommen, die Nachbarn, die Biber. 

Ich nur zwei Stunden vorher in den Zug Richtung Spreewald gestiegen. Das Rad schon am morgen gepackt, bereit für ein Wochenende auf dem Rad, entlang der Spree. 

Hier saß ich nun also auf meinem Steg an der Zeltwiese. Kinder schriehen und tobten vor dem Haupthaus, Erwachsene versuchten vergeblich ihrer Herr zu werden. Hier am Rand war ich allein. Neben mir ein Buch, dass ich aus dem riesigen alten Schrank im „Betreuerraum“ geholt hatte, mitsamt einem Bier. Vertrauenskasse. Die Spree floss langsam, wie sie es immer tut. Hier vielleicht noch mehr als in Berlin. Sie war glatt wie ein Spiegelsee. Ich hatte sie, bis ich hier ankam schon ein paar Kilometer begleitet, um runter zu kommen von der Woche, dem Lärm der Stadt und ihrer Menschen. Sie ist flach, wie überall. Seegras, Büschel von Algen. Keine Fische zu sehen. Dafür gleitet gelegentlich ein Kahn vorbei. Mal mit, mal ohne Motor. Immer bequem gemacht für seine Nutzer. Freitag Abend, lass uns ein Bier auf dem Kahn trinken. Stille Stunden. Das erste Mal wieder Stille. Kein warten auf Anrufe, die man sich nicht wünscht. Es soll ein Wochenende des Neustarts werden, des zur Ruhe kommens. Kurz die Spree entlang, mit ihren Umwegen nach Hause fahren. 
Die Nacht ist kurz. Man entdeckte leicht trunken doch noch die Einsame Zeltwiese für Taschenlampenspaziergänge. Am Morgen standen die Gruppen schlange, ein Kanu, ein Kanadier, was auch immer zum Paddeln zu ergattern. Streng eingewiesen vom Chef. Ich fahre weiter. Sage dem Biber in Gedanken Ade und wünsche Gut Holz oder was man eben so wünscht. 
Hier in Lübben braucht es keine Karte, der Weg ist gut ausgeschildert. Einfach dem Radwegzeichen folgen, zur Not auch der radelnden Gurke. Die Spree windet sich hinaus, man begleitet sie auf Schotterwegen, allein, Stille, Vögel rufen. Oft ein Reh mitten auf dem Weg, ein riesiger Hase hoppelt quer. Das ist es, was ich suchte. Keine Radwegautobahnen. Einfach nur Natur, entlang einem Fluss, der hier noch nicht eingezwängt sein muss. Entlang einer Fischteichlandschaft, Schwäne machen einen von ihnen weiß….der nächste Ort auf Spreewaldtouristen eingestellt, Radwegschilder fehlen. Wegessuche, Straßenfahrt, Sandwege, schieben. Endlich wieder raus. Autokollonnen. Ein Kahnunternehmen besser als das andere, eines mehr Unterhaltung als das nächste – und doch schippern sie alle im selben Fluss. 
Wieder Straßenfahrt. Mir kommen Massen von Rennradgruppen entgegen. Meist dickliche ältere Herren mit unübersehbar teurer Ausrüstung, eingezwängt in wilde Farben imaginärer oder realer Teams. Wer weiß das schon. Selten sehe ich eine Frau. Mit Gepäck sieht man niemanden, nirgends. Ich schlage mich einen anderen Weg entlang, wieder fehlt die Beschilderung. Über Spreeauen einen Wanderweg lang geschoben. Schön ist es hier. Wildgänse und Weite. Ich versprach, nicht zu schnell zu fahren, meinen Tritt zu finden. Da ist er. Wäre nur das Knacken nicht. Ich versuche wegzuhören. Fahre weiter.
Gelegentliche Trinkpausen. Telefonate. Wieviele Kilometer? Oh, so weit schon? Ja, seltsam. Aber es ist so wunderschön….mit jedem Kilometer auf dem Tacho komme ich wieder mehr zu mir. Wieder eine Pause. Früher Nachmittag. Ich habe nur noch 20 km vor mir….irgendwann mitten auf einem Feld die Entscheidung: ich fahre heute nach Hause, so weit ich kann. Vielleicht ist das der Tag, an dem ich meine Grenze finden muss. Die Tourengrenze. 
Lautes melodisches Hupen. Dahinter noch mehr Hupen. Vor mir stoppt ein polierter roter LKW ohne Anhänger. Ein Hochzeitspaar steigt aus, nimmt Platz in der Schaufel eines geschmückten Baggers. Die Gesichter voller Glück, Optimismus. Sie begegenen mir noch eimal auf ihrer Schaufel. 
Noch immer keine anderen Reiseradler. Eine versprengte Altherrenrennradgruppe überholt mich. Dumme Kommentare. Ich überlege, es ihnen kurz zu zeigen. Sie merken das Glück der Einsamkeit hier an der Spree nicht, das Glück der Stille. Geht es doch nur um Wettkampf, Zeit, Ausrüstung, Geld. Wir sind in anderen Welten. 
Irgendwann verlässt mich die Spree, oder ich sie. Fürstenwalde. Die einzige Stadt, die, so weiß ich schon aus vorherigen Touren, auf ihren Ortseingangsschildern auch auf Hebräisch grüßt. Hier in der Nähe war einst ein Hachschara-Lager. Heute sehe ich viele Menschen, die nach nahem Osten aussehen. Ich fahre an einer bunt bemalten Wand vorbei. Flaggen Afghanistans, Iraks, Syriens, glückliche Gesichter von Kinderhand gemalt. Fahre weiter. Muss wieder auf die Straße. Hier das erste Hupen von Autofahrern. Aus Prinzip vermutlich. Es ist Platz und wenig Verkehr. Trotzdem fühle ich mich wohler, als der Weg endlich wieder getrennt wird. Da ist sie wieder die Spree, sie glitzert. Die Sonne steht schon tiefer. Meine Kräfte werden langsam weniger. Irgendwann dann doch ein Bahnhof, in den Zug. Voll Glück. Eine halbe Stunde später in Berlin an der Spree. Sie ist auch hier schön und ruhig und freundlich, doch sie ist krank. Das macht die Stadt. Es ist ein Trauerspiel. 
Es war gut sie zu begleiten ein Stück ihres Weges. Etwas von ihrer Ruhe mitzunehmen. Vielleicht irgendwann auch länger, von der Quelle an. Es ist definitiv einer der schönsten Fernradwege dieser Region, die ich fuhr. Und ja: Einfach die Füße in die Spree und auf die Biber warten. Das hilft.

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