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Der Traum von Zion

Ich bin keine Zionistin, war es nie. Und doch, gleichzeitig bin ich Zionistin. Den Traum von Zion, habe auch ich. Nur was ist Zion, und wo?

Ich habe mich oft gefragt, wie es wäre, würde ich 80, 90 Jahre früher leben. Wäre ich Zionistin gewesen? Hätte ich mein Leben aufgegeben, um dieses Traum wahr zu machen. Diesen Traum vom Land für die Juden? Ja, inzwischen wäre ich sicher, ich wäre dabei gewesen. Ich wäre eine von jenen geworden, die auf eine Hachschara gegangen wären, die irgendwann nach Palästina gelangt, in Zelten gehaust hätte, die Hände voller Blasen von der Arbeit, Arbeit für den Traum eines besseren Lebens, eines besseren Landes, einer besseren Gesellschaft. Wäre ich religiöser gewesen als heute? Nein, ich denke nicht. Nur wenige derjenigen Zionisten, die ich noch kennenlernen durfte, die ohne Druck gehen konnten, einfach nur mit ihrem Traum in Gepäck, waren es. Es war der Traum eines besseren Landes, in dem alle gleich seien, Kommunismus vielleicht. So, wie wir ihn heute noch in den Kibuzzim finden. Ja, es war auch ein jüdischer Traum – irgendwie. Und doch denke ich, dass dieser Traum in vielen von uns steckt. Einfach eben ein Traum von einer besseren Welt für alle – oder zumindest jene, die ihn versuchen wollten. Wäre es mir wichtig gewesen, dass es um ein Land für die Juden ging? Ja, ich denke schon in dieser Zeit. Betrachtet man den Antisemitismus Europas damals, hätte es sicher eine Rolle gespielt. Heute, für meinen persönlichen Traum von Zion spielt es keine Rolle. Wie es auch sonst keine Rolle für mich spielt, woher Menschen kommen, und an was sie glauben.
Ich erinnere mich an Gespräche mit Exilanten, die diesen Traum lebten, später auch gezwungenermaßen. Ich erinnere mich an jene, die widerwillig die Felder beackerten, von Sonnenbränden und Mücken geplagt, von Heimweh gepackt und die weiter machten, weiter machen mussten, da es irgendwann kein zurück mehr gab. Sie versuchten, es aufzubauen, das bessere Leben, ein besseres Land als all die anderen da draußen, die Länder aus denen sie kamen, aus denen sie fliehen mussten. Die Enkel und Urenkel heute sehen vieles kritisch und ich frage mich, ob sie ihn noch verstehen können, den Traum der Großeltern.
Schauen wir heute hinaus in dieses Leben, das wir führen, gibt es scheinbar wenige Gründe zu gehen. Und doch werden es täglich mehr. Die Frage, will ich in einem Land leben, in dem (wieder) Häuser brennen, in dem die Fackel Hass ungestraft getragen wird, in dem Politiker macht- und mitunter willenlos sind? Will ich in einem Land leben, in dem Menschen nach ihrem subjektiven Wert betrachtet und behandelt werden? Will ich all das? Oder will ich versuchen eine neue Gesellschaft aufzubauen und sei sie noch so klein mit Gleichgesinnten?
Diese Träume hatten viele, haben sie noch. Manche gründeten Staaten, aus einigen wurden Diktatoren, andere Gurus, Sektenführer. Ich selbst komme aus solch einem Land, das einst gegründet wurden, im Glauben daran, ein besseres zu sein. Für mich war es nur eines: Trauma meiner Kindheit. Die Wunden mögen heute vernarbt sein, reißen immer wieder auf, wenn jemand sagt, so schlimm sei es gar nicht gewesen und wenn Menschen heute sagen, die Revolution sei nur geschehen, weil man Bananen wollte und Westgeld.
Der Traum vom besseren Leben, als Gleicher unter Gleichen. Mein Traum von Zion. Ich glaube nicht an die Hierarchien, wie wir sie immer harscher leben, ich glaube nicht an Unterschiede der Geschlechter, wie sie immer mehr propagiert werden. Ich glaube nicht an Titel, and Kontostände und Besitz. Ich glaube, irgendwo tief drin, noch immer an das Gute im Menschen. Ich glaube, dass es so einfach sein könnte, wenn man sich annimmt und den anderen sein lässt und respektiert, neugierig ist auf andere Sichten und etwas für sich herausnehmen kann, lernen kann, und keine Angst hat vor diesem Neuen.
Die praktische Umsetzung von Utopien, das lehrt die Geschichte zur Genüge, scheitert an einzig einer Sache, wie so alles daran zu scheitern scheint: dem Menschen. Und daher glaube ich doch nicht blauäugig an ein Gelingen. Aber ich träume weiter. Doch es wird ein Traum bleiben, mein Traum von Zion. Ich wünschte, ich könnte weiter träumen, wie damals vor 80, 90 Jahren. Mein Traum von Zion ist daher ein kleiner Traum, gelebt von mir. Denn nur wir können die Dinge ändern, bei uns zu allererst.

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