Zurück zum Content

Der gescheiterte Traum vom Lernen aus der Geschichte

Als Charlotte Knobloch vor Jahren einmal meinen Arbeitsplatz besuchte, sagte sie irgendwann, ganz still und bedacht, sie fände gut, was wir dort machten, nur glaube sie, es sei verlorene Liebesmüh. Ich muss oft daran denken. Glaube damals, dass sie zuviel schlechtes sehen musste und den Glauben an die Menschen verloren hatte. 
Dieser Tage gehen mir ihre Worte oft durch den Kopf. Ich werde oft gefragt, ob denn auch „recht viele junge Leute kämen, denn das sei ja wichtig“. An allen Orten, an denen ich arbeitete ergänze ich meine Antwort damit, dass ich denke, dass „die Jugend“ nicht das Problem ist, vielmehr sind es jene, die meinen nichts lernen zu müssen, die meinen, alles zu wissen. Jene, die die Erkenntnis besitzen und über alles erhaben seien. Meine Antwort wird nicht gern gehört. Vielleicht aber, wenn man in den nun zurückliegenden Monaten hinaus schaute, begreift man, was ich meine: nichts wurde gelernt, nichts. Das Gefühl der Resignation sucht sich Platz in mir, will mich verdrängen, will, dass ich kapituliere. Ich wäre nicht meiner Vorfahren Kind, würde ich es zulassen. Nur schwer ist es, so schwer, noch daran zu glauben, was ich tue, wofür ich arbeite, worin ich den Sinn meiner Arbeit sah und weiter suche zu sehen. 
Nein, ich glaube nicht mehr daran, dass gelernt wurde. Ich hingegen habe lernen müssen, dass es nicht so ist und ich wurde der Illusion beraubt, dass all das eine Frage des Unwissens ist. Das ist auch so und wir können versuchen, dagegen anzugehen, mit Fakten gegen die Bilderflut von Verschwörungsglauben, falschen Zitaten, erfundenen Geschichten der Geschichte in den sozialen Medien, die heute als zuverlässige Quelle gelten als alles sonst. Wir können und müssen weiter dagegen ankämpfen, in der Hoffnung, dass doch der eine oder andere ins Nachdenken gerät. Dass sie aufwachen aus ihrem Wahn.
Aber was ist mit jenen, die nicht so gern genommene Bild des ungebildeten Bürgers erfüllen? Was ist mit jenen, die es doch so sehr besser wissen müssten? Jenen, deren Beruf die Geschichte ist und die sich heute nicht entblöden, ihre kruden Weltvorstellungen zu postulieren? Die lehren dürfen, ohne Hindernis. Die analysieren, interpretieren, verstehen und erklären sollen, mit wissenschaftlicher Distanz, natürlich. Soviel Professionalität muss sein. Die aber unfähig sind, all das ins Heute zu übersetzen. Ich sehe es immer mehr: Distanz. Und ich frage mich, warum arbeiten Leute zu Themen, brisanter als je zuvor, wenn sie sie nicht anwenden? Was suchen sie auf Stellen, die geschaffen wurden, Wissen zu vermitteln, damit Fehler nicht wieder begangen werden, Katastrophen sich nicht wiederholen? 
Meine Illusion ist vorbei. Meine heile Welt, in der ich glaubte von manchem verschont zu bleiben. Nein, aus der Geschichte wurde nicht gelernt, wenn selbst die, die sie aufs genaueste kennen, sich äußern wie jene, die Weltenbrände verursachten. Wenn Menschen, die die größten Fluchten des letzten Jahrhunderts betrachteten, deuteten, die wissen, warum und wieso Menschen fliehen, welche Traumata es hinterlässt, wenn die von sich geben, dass man die Grenzen schließen soll. Wie soll man diesen noch Worte aus ihrem Mund glauben, darüber, dass all das nie wieder geschehen dürfe, all das Leid, von dem Mittel- und Westeuropa so lang nun schon verschont war und das jetzt als Menschen zu uns kommt, Schutz suchend. Wenn das „Nie wieder“ eben nicht für heute gelten soll?
Auch an die Nonne, die nicht daran glaubte, dass heute noch geholfen werden würde, wie es die „Stillen Helden“ taten muss ich oft denken. An Chajm mit seinem Hawaiibild von Deutschland. Der Vulkan raucht nicht nur, Chajm, es gibt Risse in der Kruste, Lava, laut und wütend glühend. 
Ich tauche immer tiefer in die Alte Geschichte, um nicht immer die Parallelen sehen zu müssen im Heute zu jener, in der ich arbeite, um nicht zu verzweifeln im Angesicht dessen, was da draußen passiert. Aber auch da. Nein, die Menschen lernen nicht. Es ist vergeblich. 
Und morgen? Morgen werde ich aufstehen, zur Arbeit gehen und meinen Teil dazu beitragen, dass doch ein paar lernen werden, sie zumindest die Chance bekommen, Wissensdurst stillen…Antworten auf Fragen finden, Fragen finden. Und weitermachen, einfach weitermachen. Vielleicht kommt die Hoffnung wieder – irgendwann. Ich bin das Kind meiner Vorfahren.

photo credit: Statements of incomplete knowledge via photopin (license)

Gib als erster einen Kommentar ab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zehn + zwölf =