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Wenn 400 Zeichen zu wenig sind: Juden in Deutschland

Als Patrick Gensing mich gestern bat, die Frage, ob Juden in Deutschland sicher seien, zu kommentieren, hätte ich soviel sagen wollen und können. Es sprudelte aus mir in Gedanken, seit Sommer 2014, dem Wendepunkt in diesem meinem Heimatland für mich. 400 Zeichen ca. hatte Patrick dafür. Viel sagen kann man damit nicht. Also hier nun eine ausführlichere Version, die schon länger in meinem Kopf schwirrt. Ein Versuch des Sortierens.
Ich beobachte vor allem die Wortwahl und frage mich, ob man hier nicht schon ansetzen könnte.

Von Verpflichtungen

Ich lese und höre von „Verpflichtung dem jüdischen Volk gegenüber. Deutschland hätte die Pflicht. Die Deutschen seien auf immer verpflichtet, den Juden und Israel zur Seite zu stehen…“
Für mich persönlich hat das einen Beigeschmack, der mir nicht gefällt. Pflicht birgt Zwang in sich. Zwang ruft nicht selten Abwehr hervor. Warum spricht man eigentlich nicht davon, dass es ihm ein Anliegen sei, dass Juden (Flüchtlinge, Sinti, Roma, etc.) wieder gern in Deutschland leben, sich hier sicher und willkommen fühlen. Ich mag sie nicht, diese Pflicht, diese durch das offizielle Deutschland ausgerufene Pflicht, die doch oft genug den Juden selbst vorgeworfen wird. „Wir“ würden das verlangen, „wir“ würden die „Deutschen“ nicht in Ruhe leben lassen, weil wir sonst Ärger machten. Nur verlangen nicht. Ich plädiere für einen Wortwechsel, auch innerlich. Worte können soviel ändern. 

Dankbarkeit 

Jeder Jude wird es mindestens einmal erlebt haben: den wohlwollend meinenden Schulmeister, der belehren will. Der nicht merkt, wie tief in ihm die Vorurteile sitzen, der es natürlich immer weit von sich weisen wird. Er meint es ja nur gut mit dem bockigen Juden. Seit Luther geht das so. „Der Jude“ soll dankbar sein, ist er es nicht, entspricht er nicht dem Bild, das man sich von ihm machte, wird es problematisch. Dass ich Philosemiten in der Tat oft problematischer finde, als Antisemiten, wird selten verstanden. So erinnere ich mich z.B. an Zuschriften ans Jüdische Museum, in denen sich Besucher über Kleinigkeiten beschwerten. An sich kein Problem, nur beendeten sie gern ihre Zuschriften in der Art: „Wir schreiben Ihnen das nur, weil Sie, so Sie das nicht beheben, sich nicht wundern sollten, wenn Juden (nicht das Museum oder die Mitarbeiter) so gehasst werden.“ Warum jetzt alle Juden dafür haften sollen, dass jemand seine regennasse Jacke an der kostenlosen Garderobe abgeben soll, erschließt sich mir nicht. Außer, dass hier jemand mit zweierlei Maß misst. Juden im Ganzen sollen dankbar sein, dafür, dass man sie über ihre Fehler belehrt. Leider kein Einzelfall…sondern Alltag, diese Belehrungen zu unserem vermeintlich Besten. 

Das Innen und das Außen

Im vergangenen Jahr hatte ich die Chance bei einer Bloggerkonferenz gegen Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung teilnehmen zu dürfen. Es sollte konkret um Möglichkeiten gehen, die man im Netz nutzen kann. Leider entwickelte sich die Konferenz etwas anders als ich (und ich glaube auch die Veranstalter) es sich erhofften. Die Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland. Zum Teil spürten sie Antisemitische Äußerungen auf Facebook auf, zeigten diese an, Veröffentlichten in der Presse Artikel über antisemitische Übergriffe… Mit Anzeigenzahlen im mehrtausender Bereich rühmte man sich. Menschen, die wie es den Anschein machte, ihre eigene Sicherheit aufs Spiel setzten, um gegen den Hass anzukämpfen. Zwei Juden waren wir unter den Teilnehmern, die beide, was mich sehr freute, der Ansicht waren und sind, dass man viel mit Humor und mit tatsächlicher Präsenz ändern kann. Ich weiß, dass das für Leser, die erst seit den letzten Monaten hier lesen nicht den Anschein macht, zuviel Schmerz steckt in meinen Texten. Im Grunde bin ich humorvoll. Vielleicht kann man auch nicht anders, ist man im Alltag mit Hass konfrontiert. Das betrifft übrigens auch z.B. Gedenkstättenmitarbeiter. Man entwickelt einen eigenen Humor. Nun, wir zwei dort schienen die einzigen zu sein. Ich glaube, man verstand uns nicht.
Was wirklich schade war an dieser Konferenz: es fanden keine wirklichen Gespräche statt. Niemand fragte, wie es sich anfühlt, wenn Dir jemand ins Gesicht sagt, Du sollst in Deine Heimat (wo auch immer das sein soll) verschwinden, wenn Dir jemand sagt, dass das Werk Hitlers demnächst vollendet wird und Du dann endlich in Rauch aufgehen würdest. Niemand fragte nach dem „Innen“. Zuviel Zeit wurde aufgewandt einen kurzzeitig durch die Stiftung initiierte Antisemitismusbot auf Twitter auseinander zu nehmen. Zeit für Gespräche: Fehlanzeige.
Ich hatte den Eindruck, dass das Thema des Kampfes für die Aktivisten austauschbar wäre. Es ging nicht wirklich um „die Sache“ an sich, es ging nicht um die Menschen hinter dem Wort Jude. Es ging darum, dass man einen Kampf führt. Möglichst gefährlich (wehe ein Foto würde gemacht)…nur wir, die wir genau genommen wirklich gefährdet wären, wir versteckten uns nicht. Es waren Tage, die mich nachdenklich stimmten.
Später dann, als ich Gast in einer Gemeinde in Schöneberg war und etwas von meinem Leben, Gedanken und auch Sorgen erzählte, ging ich mit einer Teilnehmerin im Anschluss noch ein Stück zu Fuß. Wir verabschiedeten und herzlich. Sie sagte mir, dass sie eine neue Perspektive gewonnen habe. Sie hätte bis dahin nie an das Innen gedacht, z.B. wie es sich leben lässt, wenn man sich darüber Gedanken macht, wohin man fliehen könnte. 
Erlebnisse wie diese zeigen mir, dass wir eben doch nicht gesehen werden, dass wir mehr von uns und was uns bewegt erzählen sollten, darüber schreiben, reden, mit unseren Freunden und Kollegen. Vieles ist einfach nicht gewahr. 


Empathie

Was ich vermisse dieser Tage, Wochen, Monate ist Empathie. Ich frage mich, was ist los mit diesem Land, dass das Einfühlen in andere Menschen so schwierig geworden ist. Was ist daran so schwer, zu verstehen, wie dramatisch eine Flucht ist, was man aufgeben muss. Kann man es sich tatsächlich nicht vorstellen, wie es wäre, hier alles stehen und liegen zu lassen, die Familie, Freunde zu verlassen und ins Ungewisse zu gehen? Ist es denn wirklich so schwer zu verstehen, dass man einfach auch nur ein normaler Mensch sein will, dass man nicht durch Stufen an seiner Fortbewegung gehindert werden sollte? Dass man keine seltsamen Reaktionen und diese unerträgliche Stille in der man das gedankliche Arbeiten hinter der Stirn des Gegenübers erleben will, wenn man sagt, dass man eben z.B. Weihnachten nicht feiert? Begeben Sie sich doch einmal in Gedanken in eine andere Position, wechseln Sie die Sichtweise. Es kann helfen. Und so schwer ist es nicht. Und lassen Sie uns bitte endlich lauter sein als diese Menschen voller Hass. Lassen Sie uns zeigen, dass dieses Deutschland ein Land ist, auf dessen Menschen man stolz sein kann. Es liegt allein an uns. 2006 hat es doch auch geklappt. Wir müssen diese Welt zu einem Paradies machen, die sie doch sein könnte. So schwer ist es nicht. Fangen wir im Kleinen an. 
Danke an Patrick, dass er fragte. Auch, wenn ich gern eine andere Antwort gegeben hätte. Vielleicht schaffen wir es ja, dass mein Optimismus, dass das nur eine Phase ist, Recht hat.

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