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Nicht wissen, aber urteilen.

Es sind diese Momente des Gesprächs, in denen man erkennt, es zerbricht etwas. Diese Momente, in denen die Unbeschwertheit, das etwas Vertrauen verschwindet wie ein Traum am Morgen. Und es ist die Wut, dass das so ist. Dass man sich verteidigen muss für das, was man erfahren, erleiden musste. Und es ist der Grund, warum Opfer so selten reden, so selten frei sein können, so selten sicher, da es immer jene gibt, die meinen, besser zu wissen.

 

Szene eins: Therapiesitzung. Die Psychologin, zugezogenes Klischee in Prenzlauer Berg berichtet von ihrer politischen Orientierung. Geriet ins Schwärmen über die DDR, die sie nie erlebte. Irritation auf der anderen Seite, Widerworte, Versuche sich zu erklären. Sich schließen. Zumachen. Zur Tür gehen, nicht wieder kommen. 
Szene zwei: Freigekauft. Von der Haft im Jugendhaus erzählen. Von den Narben an Körper und Seele. Der Freund sagt „Beim Bund war’s auch schlimm“. Nie wieder erzählen von dem was war. Es braucht Jahre.
Szene drei: Von den Demütigungen in der Schule berichten, von den Schlägen, von den wegschauenenden Lehrern. Vom fehlenden Vertrauen. Von Angst. Von Schmerzen. Von der anderen Welt, in der man aufwuchs. Von der Schizophrenie einer nie unbeschwerten Kindheit. Das Gegenüber sagt, Du warst zu jung, Du weißt nichts. So kann es nicht gewesen sein.
Szene vier: Der spät bekannte Vater stellt sich als IM heraus. Er suchte es lang zu verheimlichen. Verlor nun daher seinen Job. Verliert sich im Selbstmitleid. Man bricht den gerade zart beginnenden Kontakt ab. Er will nicht darüber reden. Versteht nicht, dass dieses Kind auf der anderen Seite war. Es waren Menschen wie er…er wirft Herzlosigkeit vor. Versteht nichts. 
Es sind Episoden, Anekdoten wie diese, die nicht reden lassen. Die Schweigen herrschen lassen über die Geschichten, über Erfahrungen und Wunden. Wunden die durch Menschen, die sie nicht sehen, belächelt und verleugnet nie heilen können, nie heilen werden. Es sind Opfer, die keine sein wollen, die reden wollen darüber, welches Unrecht geschah, die von jenen, die ohne jegliches Wissen, ohne jeglichen Bezug nicht angehört werde. Die ihr Urteil über den Menschen bilden, der ihnen doch vertraute, dem sie auch helfen sollten. Es sind Episoden, die alle kennen, die Opfer waren. Nicht nur denen der letzten Deutschen Diktatur. Sie passieren überall. Es sind die Wunden, die ich in mir Trage, die von denen ich erzählen kann, wenn ich muss. Den Blick zu öffnen für dieses Andere gelingt so wenigen, zu unvorstellbar sind Grausamkeiten und Hass und zu schwer fällt es, sich das anzusehen, anzuhören und nicht dem Drang nachzugeben, abzumildern. Das eigene Bild zerstören von einer heilen Welt. Zugeben zu müssen, dass trotz allem, dieses hier ein gutes Leben ist. Es wird immer schwerer. Und immer weniger wird zugehört. Man engagiert sich von außen in allen Bereichen, doch spricht selten mit jenen, für die man doch eigentlich eintritt. Empathie? Wirkliches Versuchen zu verstehen? Sie hören nicht zu, die, die alles wissen. Sie wollen es nicht. Es bringt von der Bahn ab, wenn der Mensch, den sie auserkoren, anders ist, anders sein muss. Wenn sie nicht verstehen, was er tut, warum er es tut. Warum er manche Dinge nicht kann. Warum er manchmal so radikal ist, sein muss. Es wird auch nicht gefragt. Man stellt sich darüber. Weiß alles besser und sieht nicht hin. Hört nicht zu. 
Nein, kein Mitleid haben. Das brauchen wir nicht. Unterstützung aber, Ohren, die zuhören, wenn sie hören sollen. Rat und manchmal nur einen warmen Arm, wenn Schutz nötig ist, wenn graue Wolken vertrieben werden müssen. Man muss es nicht verstehen, man kann es nicht verstehen. Aber man sollte Verständnis haben für diese andere Wahrnehmung, deren Gründe man selbst nicht erleben musste. Man kann da sein für die Menschen, sie erinnern, dass sie atmen dürfen. Dass sie, die Zerstörer weg sind, für den Moment. Dass man ihnen nicht wieder begegnen muss, den Menschen, die all das begründeten. Es ist vorbei und es ist nicht vorbei. Wir kennen die Namen, wir wissen oft genug, wer es war und wir wissen auch, dass nicht bestraft wurde. Dass für gute Karrieren gesorgt wurde und sich die Mähr des „es war doch gar nicht so schlimm, da in diesem Land“ so weiter verbreiten konnte. Die Sehnsucht nach diesem Spielzeugland, in der man sich doch „einfach nichts zuschulden kommen lassen musste, dann war alles gut“ Land. In dem man einfach nur den Mund halten musste. Sich brechen musste, um als denkender Mensch existieren zu können. Das Land in dem es keine Träume geben durfte. Kein Wissen für jeden. Und ein Recht das nur auf Seiten jener war, die dieses Recht bewahren sollte, das sie bewahren sollten. 
So Ihr also nicht diese Erfahrungen machen musstet. So Ihr Euch täuschen lasst von bunten Bildern aus der Diktatur. Von lustigen Stoffen und heute so absurd scheinenden Ritualen. Lasst es. Haltet den Mund. Sagt nichts. Hört zu vielleicht. Lest. Sprecht mit denen, die erzählen können. Versucht es wenigenstens. Solange das nicht gelingt, werden wir nicht heilen können. Werden wir nie unbeschwert sein. Denn immer, jeden Tag müssen wir damit rechnen, dass wieder etwas geschieht, etwas dergleichen. Etwas, dass wieder die Wunden aufreißt, das fassungslos macht. Und nicht immer haben wir die Kraft zu widersprechen. Nicht immer die Kraft zu kämpfen, wenn Ihr es nicht macht. Und ja, sagt ruhig, dass Ihr es Euch nicht vorstellen könnt, denn das ist gut. Man kann es sich nicht vorstellen, nie, wenn man es nicht erleben musste. Und das ist gut, so gut.

photo credit: Perranporth, Cornwall 1 bw via photopin (license)

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