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Wir müssen reden, nicht nur über die sächsische Gedenkstättenstiftung

Es war ein hektischer Tag im Büro. Der Twitterticker lief nebenher. Plötzlich tauchte der linksstehende Tweet auf. Ich las ein Mal, zwei Mal – und ahnte noch nicht, welche Konsequenzen das haben würde – oder eben nicht. Es ist also Zeit zu reden, grundsätzlich. 

Das war kein Ausrutscher des stellvertretenden geschäftsführenden Direktors Bert Pampel. Es war kein Vertauschen von Accounts. Es war ernst gemeint und es war nicht das erste Mal, dass sich der stellvertretende Geschäftsführer der Stiftung Gedenkstätten Sachsen in dieser Richtung äußerte, auch sein Vorgesetzer Siegfried Reiprich glänzt nicht mit weißer Weste. Es war daher zu erwarten, dass nichts geschehen würde, was man erwarten sollte. Lediglich den Twitteraccount darf Herr Pampel nicht mehr bedienen. Autsch. Schwerwiegende Konsequenz. Das wird sicher sehr weh tun.
Jedem potentiellen Arbeitnehmer wird empfohlen, er möge darauf achten, was er auf seinem Privataccount twittert oder in Facebook stellt. Es könne Konsequenzen haben – auch beruflich. Wir erinnern uns an einige Personen, die auf Grund ihrer rassistischen Hetze im Netz ihren Ausbildungsplatz und ihre Stellen verloren. Ein Zeichen dafür, dass es doch geht. In Sachsen aber ist es anders – wie alles anders zu sein scheint. Nur überrascht hat in der „Szene“ dieser Tweet eigentlich niemanden. Und das wiederum ist überraschend. 
Die Stiftung Gedenkstätten Sachsen, die wie jene in Sachsen-Anhalt an beide letzten deutschen Diktaturen erinnern soll hat bereits einen Ruf. Keinen guten, man spricht höflich von „leicht braun“, Mitarbeiter hören auf, dort zu arbeiten, weil die Athmosphäre vergiftet sei. Weil sie nicht die Arbeit ausführen können, für die sie eingestellt wurden. Oder hat man schon mal davon gehört, dass der Mitarbeiter für Pressearbeit auflegen musste, wenn die Presse anruft und wenn das nicht gelang, sich keinesfalls zu äußern? Es ist bedenklich – sehr bedenklich. Und irgendwie hofft man doch, dass sich etwas tut, in Sachsen und in der Stiftung. Eine interessante Zusammenfassung findet man hier beim mdr. Es werden auch andere vorangegangene Vorfälle erwähnt. Unten noch eine kleine Sammlung der offziellen Äußerungen der Gedenkstättenstiftung. Jeder professionelle Social Media Manager in diesem Bereich schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Interessant auch die Spurensuche von Soeren Kohlhuber zum Thema.
Und wir müssen weiter reden. Über die Besetzungspolitik von (Leitungs-)Stellen in Gedenkstätten. Reicht es allein aus, Geschichte studiert zu haben? Es gibt in diesem Land ja auch Geschichtslehrer, die sich nun öffentlich am rechtesten Rand der Gesellschaft positionieren und taschentuchgroße Deutschlandflaggen ins Fernsehen tragen. Ist es auch richtig, dass noch Leiter im Amt sind, die einst in den letzten Jahren der DDR von der Parteischule in ihre Funktion kamen und an deren Stuhl nie auch nur gerückelt wurde?
Und wohin führt es, dass die „ganz unten“ in der Hierarchie, keine Sicherheit in ihrer Arbeit haben, kein Auskommen und somit auch keine Planungssicherheiten, keine Zukunft. Hingegen Leitungen offiziell auf Konferenzen verkünden dürfen, dass sie keine Lust mehr auf innovative Konzepte haben.

Wir müssen auch reden über ein Dilemma, in dem Gedenkstättenmitarbeiter mitunter stecken. Ihre Aufgabe ist es zu lehren, dass Widerstand möglich ist. Ihre Aufgabe ist es vor allem jungen Menschen beizubringen, zu widersprechen. Offen zu sein, wertzuschätzen. Sie hören von Gesetzen, die ausgeführt wurden, von Menschen, die „nur Gesetze befolgt“ haben und daher nich schuld sein können. Sie bringen bei, nachzudenken, zu hinterfragen, in Zweifel zu ziehen und vor allem: zu denken. So sollte es sein, so ist ihr Auftrag und so fangen viele engagierte Mitarbeiter an. Voller Ideen und Tatendrang, im Glauben an die Sache, an den Sinn und die Wichtigkeit der Arbeit, die sie ausführen dürfen. 

Die Realität hingegen erstickt all den Elan oft genug viel zu schnell. Wie überall hat die Verwaltung die Oberhand, werden Entscheidungen nicht von den Fachleuten, sondern von Verwaltern getroffen udn wie überall, wird gern erwähnt, dass es genügend Menschen suchend auf dem Arbeitsmarkt gibt, wenn man sich kritisch äußert. Es ist wie überall. Es ist nichts besonderes in diesem Land, dass nicht auf Augenhöhe gearbeitet wird. Doch es ist eben doch etwas besonderes, wenn ich etwas anderes lehren muss, als ich zu leben gezwungen bin. Und natürlich liegt die Schuld auch an den Mitarbeitern selbst. Sie sind voller Ideale, voller Liebe zu ihrer Arbeit, die doch eine andere ist, dass sie Angst haben, sie zu verlieren, das, woran ihr Herzblut hängt. Man sollte meinen und wünschen, dass gerade diese Orte voran gehen und zeigen, dass es anders geht. Gemeinsam, auf Augenhöhe, wertschätzend. Nur so kommt man weiter, bleibt gesund und voller Energie und Ideen und nur so kann man glaubwürdig bleiben. 
Wir müssen reden.

Und als eine Person, deren Angehörige auch durch die sächsische Gedenkstättenstiftung für beide Diktaturen vertreten werden sollte sei an die Herren Geschäftsführer gerichtet: Leute wie Sie, beschmutzen das Andenken der Opfer. Schämen Sie sich und suchen Sie sich einen anderen Job!

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