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Eine Frage der Identität – oder nicht.

Gestern Abend präsentierte die Amadeu Antonio Stiftung das Buch von Yasha Mounk: „Echt, Du bist Jude?“. Erst gestern erfuhr ich, dass es da bereits Wirbel Yasha gab und aus diesem Wirbel ist wohl auch das Buch entstanden.

Ich habe es nicht gelesen, ich überlege noch, ob ich es tun sollte. Mein noch zu lesender Buchstapel ist höher als der Turm zu Babel es vermutlich je war. Es kamen andere Fragen und Gedanken im Laufe des Abends auf, die ich hier gern schildern würde. Gedanken und Fragen, an denen ich noch sortiere und die nicht zuende gedacht sind – es vermutlich nie sein werden.

Bereits am Abend zuvor bekam ich vom +Sebastian Brux eine Passage des Buches zugetwittert, die Mounk auch beispielhaft für seine Kindheit vorlas:

Mir ist diese Frage immer erspart geblieben, wie auch viele andere Erlebnisse dergleichen, die ich von Freunden, die in „West-Berlin“ aufwuchsen, erfuhr. Nein, es war ganz und gar nicht egal, ob man irgendwie religiös war in der DDR. Die Schule wusste es, so oder so, wie sie auch viele andere Dinge über das Privatleben wusste. Diskriminierungen gab es aus diesem Grund. Nur spielte es keine Rolle, ob man katholisch, jüdisch, evangelisch oder sonst was war. Man war nicht auf Linie, das reichte.
Ich glaube, es prägt die Menschen, die Jugendlichen, wenn sie Fragen dieser Art gestellt bekommen, sie sich vor allen „outen“ müssen. Religion sei doch Privatsache heißt es immer, Herkunft sowieso. Ist es nicht. Es lässt Menschen zurückziehen, es lässt sie fühlen, dass sie anders sind, nicht jeder erlebt es als Vorteil, nicht jeder will in dieser Art „privilegiert“ sein. Manchmal will man doch einfach nur ganz normal, unauffällig, einer von vielen sein. Vielleicht ist es heute noch unverständlicher in einer Welt, in der es nur noch darum zu gehen scheint, wer am lautesten schreit, wer die buntesten Bilder hat, sich am besten verkaufen kann – eben was einen zu etwas Besonderem macht. Wie eine Besucherin, die in der Fragerunde offen zugab, dass es ihr schon gefallen hat „die Jüdin“ da im niederbayerischem Nest zu sein. Gleichzeitig sprach sie Mounk ab, dass er eben jenes Gefühl nicht mag, dass er sich durch die äußerliche Behandlung, wenn es doch einmal herauskam, dass er Jude sei, ausgesondert fühlte, mit einem – unfreiwilligen – Sonderstatus versehen. Ich kann das gut nachvollziehen, sehr gut. Auch, wenn ich hier und inzwischen sehr öffentlich als Jüdin auftrete, so sage ich es privat nicht. Es spielt keine Rolle. Auch ich habe meine Erfahrungen gemacht, von wohlwollendem Philosemitismus, über Ablehnung, bis zum Antisemitismus. Alles dabi. Hier liegt, so meine ach ich, das Dilemma unserer Gesellschaft: dass wir überhaupt überlegen müssen, ob wir es sagen, dass wir Konsequenzen und Reaktionen abwägen (müssen) ist falsch und sollte so nicht sein.

Ich stimme Mounk ebenso zu, dass man es „intellektuell“ verstehen kann, wenn ein Gegenüber nervös wird angesichts des vermutlich ersten lebenden Judens seines Lebens. Zu wenige gibt es von uns, zu viele Fragen, die Gestellt werden wollen und auch sollen. Das Gefühl aber, auf der anderen, nervös machenden Seite zu stehen, ist kein Gutes. Und man (also ich) will auch nicht noch nervöser machen, also spielt man darüber hinweg. Ich versuche zu beruhigen, zu entspannen…es ist anstrengend. Daher: gar nicht sagen.

Gleichzeitig aber freue ich mich, wie neulich in Schöneberg, wo ich Gast in einem Kreis junger Christen sein durfte, für eben jene Fragen zur Verfügung zu stehen. Dann aber bewusst entschieden. Ich mache es gern, es ist mir ein Herzensanliegen und ich beantworte gern all die Fragen, ich zeige vor allem gern, dass wir nicht anders sind, ganz normale Menschen. Und freue mich um so mehr, wenn ich sie beantworten konnte, wenn sich Knoten lösten, die vorher vielleicht im Umgang mit Juden vorhanden waren. Das ist auch einer der Gründe, warum ich hier schreibe, was mich antreibt.

Ich glaube es war Volker Beck, Moderator des Abends, der sagte aus eigener Minderheitenerfahrung, dass es natürlich immer nur die die Reaktion einzelner ist, wenn man aber das Einzelne über hundert Mal erlebte, ist es doch etwas anderes. Er widersprach Mounk aber, dass es noch immer so sei, dass er das Gefühl habe, dass die jüngeren Generationen entspannter mit z.B. Schwul- oder Jüdischsein umgängen, dem weniger Bedeutung beimessen. Und ich denke darüber nach. Ich habe das Glück, in einer Welt zu leben, in der das Jüdischsein einfach nur ein Nebenaspekt ist. Menschen, die normal damit umgehen, die sagen (und hoffentlich auch denken): das ist deine Geschichte, meine ist so. Ich lebe in einer bunten Welt. Vielleicht glaube ich auch, wie Beck ein klein wenig daran, dass es mit den neuen Generationen besser wird. Vielleicht will ich es auch einfach nur glauben, da ich hier lebe.

Und vielleicht, so gebe ich beiden Herren recht, braucht es auch mehr positiv besetzte jüdische Prominente. Ilja Richter, Michael Degen und Hans Rosenthal reichen vielleicht nicht aus. Schauen wir über den großen Teich, ist es anders.

Mounk definiert in seinen Überlegungen vier verschiedenen Arten des Jüdischseins, wie er sie sieht:
1. als Ethnie
2. religiös
3. kulturell
4. als Sonderstatus

Er selbst ordnete sich beim vierten Punkt ein. Er sei nicht religiös, die Religion hat in seiner Familie über drei Generationen keine Rolle gespielt. Auch ordnet er „kulturelle Juden“ als Menschen ein, die sich intensiv mit jüdischer Literatur, Kunst, Geschichte etc. beschäftigen – was er nicht macht. Über Ethnie brauchen wir nicht sprechen…, das macht man in Russland – und in jüdischen Kreisen. Wie auch gestern Abend. Er selbst meint, dass er letztlich zum Juden wurde, weil eben dieser Sonderstatus, diese Reaktionen sein Leben prägten und er sich mit der Zeit in Deutschland immer jüdischer als Deutsch fühlte. Eine normale Reaktion wie ich finde und auch in anderen Kreisen zu beobachten….vielleicht auch eine Basis der Radikalisierung? Wir sollten darüber nachdenken.

Seine Aussage, wenn in einer Kultur der Einzelne die Entscheidung träfe außerhalb dieser zu leben, dann gibt es diese eben nicht mehr, und es wäre in Ordnung, wurde vom offensichtlich mehrheitlich jüdischen Publikum nicht so sehr gut aufgenommen und führte zu feindlichen Reaktionen von mir so kommentiert:

In diesem Moment fühlte ich mich an die Anfänge dieser Seiten hier zurückversetzt. Wie oft habe ich gehört, dass ich nicht richtig jüdisch sei, da ich nicht den G*ttesdienst in der Joachimsthaler Straße besuchte, sondern eben diese sehr seltsame Synagoge in der Oranienburger Straße, damals noch ohne Rabbinerin aber Skandal: mit Kantorin. Diskussionen, die noch nicht so lange her sind. Diskussionen, die ich doch vermutlich wieder führen könnte, hätte ich mich nicht auch auch solchen Gründen zurück gezogen.

Ganz passend twitterte der +Caspar Clemens Mierau als Antwort dazu:

Irgendwann wurden die Vorwürfe absurd bis unverständlich. „Juden sähen sich nur noch als weiße“…welchen Zusammenhang es mit dem Buch geben sollte, ist mir jetzt immer noch nicht klar geworden. Beide Podienteilnehmer brachen es irgendwann ab, weil auch sie Verständnisprobleme hatten. Die niederbayerische Begleitung der Fragenden, bzw. sich äußernden sprang zur Seite und erklärte wie oben schon erwähnt, ihr Unverständnis dafür, dass man die Sonderstellung nicht möge…

Ich erinnerte mich an meine Zeit im Jüdischen Museum. An Treffen mit Menschen, die mir erklärten, ich müsse sie dort auftreten lassen, da „Wir“ ja schließlich zusammenhalten müssen. Wenn ich das mangels Qualität des Angebots ablehnte, hatte auch ich irgendeine Störung in ihren Augen – und war, na? Nicht jüdisch genug. Vielleicht liegt es aber auch einfach an meiner Erziehung, dass mir solcherlei Verfahren zuwider ist, vielleicht liegt es auch einfach an meinem Menschenverstand, mich nicht auf solche Dinge einzulassen.

Warum Menschen überhaupt sagen, dass sie Jude, Christ, Muslim usw. seien, wenn sie doch nicht religiös seien, war für Volker Beck unverständlich. Und wenn wir das Judentum als reine Religion betrachten, stimme ich ihm absolut zu. Das Vertrackte aber ist, dass es eben doch mehr ist. Vielleicht ist es auch das innerjüdische Dilemma, dass wir dieses Jüdisch sein nicht wirklich definieren können. Das muss jeder für sich machen, so meine Überzeugung und darf es anderen nicht absprechen. Jeder macht es anders. Ich beschrieb es Ilja Richter als zuhause sein, er erzählte von seinem Konzept des „fünf-Minuten-Juden“ (ab Minute 17:30), das mir gestern immer wieder durch den Kopf ging und doch das passendste Bild ist, das ich kenne. lebt man nicht wirklich religiös, irgendwas ist da aber:

Es gibt Momente, das kann fünf Minuten lang sein, in diesem fünf Minuten weiß ich ganz genau: jetzt bin ich ein Jude.

Ich habe während dieses Abends mehr über das unterschiedliche Leben als Jude/Jüdin in Deutschland und den USA nachgedacht. Andere Besucher meldeten sich zu Wort, die ähnliche Erfahrungen hatten. Und ja, ich kann in vielem zustimmen für die Frage des Lebens in den USA: Judentum ist weniger zentral für die Identität. Man ist nichts Besonderes, so auch in Israel. Das war einer der Gründe, warum mein jüdisches Ich sich in den USA am wohlsten fühlte. Es war einfach so herrlich normal und ich vermisse es. Allerdings muss ich auch in einigen Dingen widersprechen. Mounk lebt in NYC. Das ist nicht die USA. Ich habe auch andere Erfahrungen gemacht, von selbst gewählter Ausgrenzung bis zum ausgegrenzt werden. Ich weiß, dass man in bestimmten Clubs bzw. Vereinen keinen Zugang als Jude hat, auch heute. Dafür gibt es genügend Alternativen, nicht nur rein jüdische. Alles in allem aber ist der Umgang unverkrampfter. Und dennoch habe ich mich entschieden, wieder nach Deutschland zu kommen – allerdings aus anderen Gründen. Rassismus allerdings war einer, nicht mir, sondern anderen gegenüber.

Yasha Mounk wird nie wieder über Juden oder das Jüdischsein schreiben. Es ist für ihn nicht mehr wichtig, das Thema für ihn abgeschlossen. Und wir hier? Ist es mir wichtig? Ist es mir wichtig, weil ich quasi hinein gedrängt würde? Nein. Ich lebe in meiner Blase. Ich habe mich aus den wertenden Kreisen, die ich gestern wieder einmal erleben durfte, zurück gezogen. Ich weiß jetzt wieder, warum. Ich verstehe diese Menschen nicht. Wenn jemand sein Lebensmittelpunkt in der Frage findet, ob er zu eine parven Suppe, am nächsten Tag noch Fleisch hinzufügen darf und ob er dazu die Suppe aus dem eigentlich milchigen Topf in den fleischigen umfüllen darf, bitte. Wenn die wichtigste Frage ist, ob man Probleme ist, wenn die Haare einer verheirateten Frau bei der Gartenarbeit aus dem Tuch raus rutschen, das sie doch bedecken soll, bitte. Aber lasst andere damit in Ruhe. Kontrolliert und wertet nicht die Anderen, sondern nur Euch selbst….und findet Euren Frieden in Euch. Und vielleicht, wie ich eben auch im Judentum. Denn das ist das, was mir Ruhe gibt.

photo credit: Who am I? via photopin (license)

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