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Eine Frage der Grenze

„Grenzen schließen“, „Europa dicht machen“, so schallt es schon seit Wochen auf den Straßen, durch Politik und  Medien. Die schrecklichen Anschläge von Paris befeuern die Rufe, lassen sie lauter und scheinbar berechtigter werden. Und ich sage, wie schon zu den Anschlägen auf Charlie Hebdo: Nein. 
Ich komme aus einem Land, das seine Grenzen schloss. Auch im Land meiner Kindheit glaubte man daran, so den „Feind“ draußen halten zu können bis am Ende das Volk zu ersticken drohte. Es gibt sie noch immer, diese Länder, die nach innen und außen geschlossen sind. Sind es Länder, in denen die Freiheit regiert? Länder, in denen Demokratie herrscht?  Ich will nach allem nicht in einer Welt der Grenzen leben. Glück und das Gefühl von Wunder überkommt mich noch heute nach so vielen Jahren, wenn ich einfach so in andere Staaten fahren kann, Glück auch immer noch täglich, wenn ich diesen Pflastersteinstreifen auf Berliner Straßen übertrete, der die ehemalige Mauer markiert. So oft, so selbstverständlich und doch ist es das nie. Es ist ein Wunder, noch immer, für mich. Die Anmutung von einem geschlossenen Land, dass ich noch mit diesem glücklich roten Pass der EU verlassen und bereisen darf, andere, Schutzsuchende aber nicht und wenn, erst nachdem sie in demütigender Prozedur ihre Menschenwürde ablegen mussten, macht mich beschämt. Beschämt, Europäerin zu sein.  
Und noch etwas erstaunt mich. Als vor Jahren Israel entschied, diese unsägliche Mauer zum Schutz vor Attentätern zu errichten, schrie die Welt auf. Bilder von Berlin gingen um die Welt, Berlin mit seiner Mauer, als abschreckendes Beispiel, als Symbol. Israel wurde verdammt, verurteilt und irgendwann wurde die Mauer von der Welt vergessen….so wie dieser Tage vergessen wird, dass das, was inzwischen auch Europa erreicht, dort fast schon Alltag genannt werden muss. Ich warte auf den Moment, in dem man diese Mauer als wirksames Beispiel zur Terrorabwehr zitiert. Er wird kommen der Moment. Die Welt absurd. 
Und noch etwas wird gern übersehen. Wir sollen die Grenzen schließen, um den Terror auszuschließen. Nur wurden die Anschläge von Europäern durchgeführt, von Franzosen, Belgiern und nicht vergessen, von Norwegern. Der Terror lebt zwischen uns und nur wir können die Lösung finden. Nicht durch Mauern, geschlossene Grenzen, Ausschluss von Flüchtenden, sondern damit, dass wir jetzt erst recht ein Leben der Freiheit leben, dass wir Chancen geben und dass wir vor allem endlich wieder daran denken, dass niemand wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse,
seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner
religiösen oder politischen Anschauungen, Behinderung benachteiligt oder bevorzugt
werden darf. 
Die Grundrechte, die festgeschrieben im Grundgesetz sind, werden vergessen, immer mehr. 
Ich mag naiv sein. Aber ich glaube an die Freiheit und ich glaube daran, dass Hass nichts bewirkt, noch nie bewirkt hat. Er führt zu Leid. Nie zu Glück, zu Frieden. Lediglich dafür, dass wir uns erhalten, was wir haben, dafür plädiere ich. Dass wir zeigen, dass sie nichts erreichen mit ihrem Terror, dass wir uns und unsere Welt nicht ändern werden. Dass nicht Paris Hauptstadt der Abscheulichkeit und der Perversion ist, wie es im Bekennerschreiben hieß. Abscheulichkeit und Perversion ist einzig der Tod von Unschuldigen, der Mord an Menschen überhaupt. Das ist die einzige Perversion die hier zu finden ist.
Du sollst nicht morden. So heißt das sechste Gebot. Hier haben Menschen gemordet, andere Menschen in einem Ausmaß, wie es für Europa fast vergessen war. In anderen Teilen der Welt, ist es Alltag. Wir sehen es nicht mehr. Es ist auch für uns Alltag geworden. Wir sollten nachdenken darüber. Und vielleicht unsere Herzen dahin öffnen. Nicht vergessen. Nicht die Augen schließen.
Und wir sollten leben und lieben. Das vor allem. Wir sollten endlich begreifen, dass all der Ausschluss von Anderen zu nichts führt. Dass es keine bessere Welt geben wird, wenn wir nicht tun dafür, hier und jetzt, auf diesem Planeten. Wir haben nur diese eine Welt. Und wenn wir nach einem Sinn des Lebens suchen, da ist er, vor unseren Augen. Es könnte so einfach sein.

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