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Museumsmenschen, geht ins Museum!

Museumsbesucherin vor Gemälde in der Alten Nationalgalerie Berlin. Foto: Juna Grossmann
Im Digitalen Salon sagte Katja Weber, dass ich eine exzessive Museumsbesucherin sei und das wohl, weil ich selbst im Museum arbeite. Ich verneinte das. Da wir es nicht schafften, darüber zu sprechen, hier an dieser Stelle ein Plädoyer für mehr Museumsbesuche von Museumsmenschen. 

Es ist nicht so, dass Museumsmenschen nicht ins Museum gehen würden. Sie gehen zu Eröffnungen. Sehen und gesehen werden. Wichtig sein. Kontakte knüpfen. Man kennt sich. Man kommt zur Gala, zur Konferenz, weil man kommt, kommen sollte, kommen muss. Aber ganz normal ins Museum. Als ganz normaler Besucher ohne Privilegien? Eher selten – bis gar nicht. Das ist das Problem.

Die unpassendste Gelegenheit, eine Ausstellung zu besuchen, sie wirklich zu sehen, ist die Eröffnung.  Es ist voll,  eng, man wird angesprochen, betreibt Konversation. Eines tut man gewöhnlich nicht: die Ausstellung sehen. 
Ich persönlich mag keine Eröffnungen – genau aus diesen Gründen und weil ich zu viele selbst gemacht habe. Ich freue mich darüber, dass Kollegen es wieder geschafft haben. Ein Projekt abgeschlossen. Das muss gefeiert werden, darum mag ich Eröffnungen dann doch wieder. Irgendwann aber, muss es auch angesehen werden. 
Warum also gehe ich gern ins Museum? Nun, ich habe das Glück, dass Museen für mich Kindheit waren – und geblieben sind. Ich wurde nie gezwungen, Stunden vor Bildern zu verbringen. Ich durfte mir wünschen, welches Museum besucht wird, ich durfte mir so viele Male, die immer gleichen Papyri ansehen, die kleinen Götterstatuen, die riesigen Gemälde. Für mich war Museum immer Freude – und ist es bis heute. Ich bin noch immer neugierig auf das, was ich sehe. Gespannt auf das, was ich entdecke, erlebe, erkenne. Und ich bin auch natürlich interessiert daran, wie andere etwas machen. Wie die Beleuchtung gelöst ist, Texte, Design, Gestaltung, Sicherheit, Vitrinen…all das berufliche, dass ich aber nicht nach Fehlern untersuche, sondern Ideen speichere. Denn wie sonst kann man einen größeren Fundus speichern, als viele Häuser unterschiedlichster Art zu sehen. Wie sonst soll man es schaffen, Dinge anders zu machen, als das immer gleiche Grau in manchen Einrichtungen, die sich seit den 80er Jahren scheinbar nicht bewegten. Und vor allem: wie soll man sonst lernen, Besucher zu sein – auch im eigenen Haus? Wir sehen so wenig dort, alles ist gewohnt und doch müssen wir Besucher bleiben, müssen reflektieren, was überholt sein mag, was wir besser machen können, wie wir Besucher anregen, Fragen beantworten können, Dinge verbessern. Das geht nicht ohne kritische Reflektionen und wird leider zu wenig gemacht, zu wenig gedacht. Zu oft werden Schemata wiederholt, keine Mühe mehr gemacht, Neues zu entdecken. Das Eigene war ja schon immer gut, also bleiben wir dabei, 30, 20, zehn Jahren…immer gleich, immer träge. Und sich wundern, warum der Besucher, also auch wir, keine Begeisterung mehr empfinden, warum wir vorbei gehen, abhaken, nicht im Gedächtnis behalten. Ich beobachte sie jeden Tag, die Museumsmenschen, die schon lange keine Museumsbesucher sind – es vermutlich nie waren. 
Es ist eine schwierige Aufgabe, wenn große Häuser z.B. alle fünf Jahre zum vermeintlich immer gleichen Thema ausstellen müssen. Es ist eine Herausforderung – aber sie ist machbar und sie kann gut sein. Hingegen höre ich Mitarbeiter, die darüber nachdenken, doch wieder die alten Ausstellungen vom letzten Mal zu zeigen und frage mich: wie soll ein Besucher daran Interesse haben, was ist mit dem Forschungsstand, der meist viel weiter gediehen ist, als der Kurator auf die Idee kommen mag. Es liegt etwas im Argen und es schaudert mich. 
Das Museumsleben ist nicht fröhlich leicht, es ist ein harter Job. Alles sieht friedlich und entspannt aus. So soll es sein, so soll es scheinen. Und dann: immer weniger Zeit für immer neue Projekte auf immer wiederkehrenden Befristungen der Kuratoren – und gleichzeitig dann wiederum Leitungen, die seit Jahrzehnten auf der gleichen Stelle hocken, uninspiriert, unglücklich und ohne Ideen. Wenn der Direktor davon spricht, dass er keine Lust mehr auf Innovationen hat, dann stimmt etwas nicht. Überhaupt stimmt etwas nicht. Das normale Museumsleben sind oft Kuratoren, die wenig Zeit haben, ihre Arbeit zu erledigen und nicht wissen, ob sie wieder einen neuen Job bekommen werden – Befristung, Befristung, Befristung. Und doch sind sie so voller Leidenschaft und vollbringen oft genug kleine Wunder in den Umständen, in denen sie leben und arbeiten müssen. Und dann Verwaltungen, die ohne Ideen sind, denen die Arbeit, die Fähigkeiten der Mitarbeiter egal ist, die nur die Pflicht- nicht die Kann-Bestimmungen verwalten, die hochqualifizierte Mitarbeiter immer wieder auf Anfängerlevel einstufen. Weil man es eben kann und weil die Gesetze es hergeben. Es ist eine Crux und ein Frustpotential, das manchen motivierten Mitarbeiter wieder gehen lässt, dorthin, wo die Umstände besser sind.

Und, um zum Thema zurück zu kehren: wir müssen Besucher im Museum sein. Ganz normale Menschen. Wir können nicht nur Geschichten entdecken, lernen von neuen Welten, neuen Künstlern, alten Werken. Wir können empfinden, was Begeisterung für eine Arbeit, eine Ausstellung, ein Haus heißt und wir können selbst danach streben. Können weiter versuchen, Besucher zu begeistern, weil wir wissen, welches Gefühl es sein kann, aus einem Museum zu kommen, mit neuem Wissen, Ideen (und neuen Büchern). Weil wir wissen, wie man eintauchen kann in die anderen Welten. Wir müssen es nur einfach tun und wir müssen mutig sein – in allen Häusern, egal bei welchen Themen. Müssen anreizen, anzweifeln, hinterfragen, entführen, Gedanken aufreißen…Wir dürfen uns nicht zufrieden geben, mit dem, was wir vor Jahren machten. 
Also, geht ins Museum. Ohne Eröffnungsfeiern, ohne Kuratorenführungen. Macht auch das, aber geht auch als Besucher, als ganz normaler neugieriger Mensch und lernt etwas dazu. Lasst Euch inspirieren von neuen Welten – als ganz normaler Museumsbesucher.

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