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„Und plötzlich bist Du dann Muslima.“

„Und plötzlich bist Du dann Muslima!“ – Dieser Satz Dilek Güvens ist mir von der Sommeruni „Antisemitismus und Erinnerungskulturen“ am meisten im Gedächtnis geblieben. Daher hier meine Gedanken dazu. 

Dilek Güven, Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung gab im Rahmen der Sommeruni einen Workshop zum Thema „Erinnerungsarbeit in der Türkei“. Sie ging dabei auf verschiedene Ereignisse in der Geschichte des Landes ein und wie sie heute bearbeitet werden. Nicht nur der Genozid an den Armeniern, das Pogrom von Istanbul 1955 und die endgültige Vertreibung der Griechen 1964. Dass diese Dinge im öffentlichen staatlichen Gedenken (noch) keinen Platz haben, brauchen wir gesondert anzumerken. Dass aber ein vitale Erinnerungskultur durch Privatinitiativen organisiert wird, kommt in unseren Breiten wenig an, auch die Zunahme von Forschungen dazu (nicht an staatlichen Universitäten) und Podien (nicht im staatlichen Fernsehen), kommt hier wenig an.

Dilek Güven lebte für zehn Jahre in Istanbul und kehrte vor ca. 2 Jahren zurück. Die entscheidendste Änderung, die sie anmerkte war: 
Ich war keine Deutsch-Türkin mehr, als die dich aufwuchs, ich wurde nur noch als Muslima gesehen.

Wir sprachen über dieses Thema. Über den Sprachwandel der stattfand in den vergangenen Jahren und dessen man sich bewusst sein sollte. Denn Sprache verändert so viel. Ist sie falsch eingesetzt, so kann sie irreparable Schäden anrichten. So frage ich mich, wann haben wir in der Tat das letzte Mal in den Medien etwas von Deutsch-Türken gehört? Wird nicht tatsächlich in der letzten Zeit immer mehr etwas oktroyiert, was gar nicht zutreffen muss: die Reduzierung auf eine Religion? Eine Religion, die womöglich irgendwo auf dem Papier steht, aber vielleicht ja nie ausgeübt wurde, weil sie keine Rolle spielte. Und erreicht man dadurch nicht auch, einen Rückzug eben dorthin und im schlimmsten Fall eine Radikalisierung? „Wenn Ihr mich nur darauf reduziert, dann sollt Ihr es auch bekommen?“. Mir macht es Sorge. Und ich denke, wir sollten Worte weiser wählen. Menschen werden ausgeschlossen, die Teil unserer Gesellschaft sind, seit Generationen. 
Eine der Szenen, die Güven schilderte, ließ mich trotz ihrer Dramatik schmunzeln – und ich denke, jeder von uns, der irgendwie irgendwo zu einer Minderheit gehört, kennt Ähnliches. Sie beschrieb, dass sie bei einer Freundin zu Besuch war, deren Telefon klingelte. Sie beantwortete das Gespräch mit dem Kommentar, dass sie jetzt keine Zeit habe, ihre türkische Freundin sei da, und Güven wunderte sich, wieso sie plötzlich zur türkischen Freundin wurde, war sie doch eben noch eine Freundin. Der Kommentar der Freudin war unbedacht und mit Sicherheit ohne schlechte Hintergedanken, hinterlässt aber bei „uns“ einen merkwürdigen Beigeschmack. Will man sich damit als besonders toleranter Mensch hervortun, überhaupt als besonderer Mensch mit immerhin auch türkischen Freunden? Mein Schmunzeln kam übrigens durch die Erinnerung an eine ähnliche Szene: Eine Kollegin wollte sich privat mit mir treffen. Sie begründete es mit dem Kommentar: „Ich wollte schon immer eine Jüdin als Freundin haben.“. Das Treffen fand nicht statt. 
So oder so ähnliche Anekdoten finden wir täglich. Manchmal kann man sie mit einem Schmunzeln abtun, man sucht dann aber Distanz und die Nähe zu Menschen, denen es egal ist, woher die Eltern kommen, welche Religion irgendwo steht oder auch, woran ich glaube. Man sucht sich die netten normalen Menschen, und davon gibt es genug. 
Wir alle sollten sensibler mit Sprache umgehen und vielleicht in Zukunft besser überlegen, was mit jenen passiert, die wir auch Nebeneigenschaften reduzieren wollen. Es kann nach hinten los gehen. 
Integration fängt bei der Gesellschaft selbst an und wie sie die neuen Menschen sieht und aufnimmt. 

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