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Widersprüche

Geht man in Deutschland zur Schule, so wird man um ein paar Namen nicht herum kommen: die Geschwister Scholl und Anne Frank. Hat man Glück und Lehrer, die auch über die Lehrpläne schauen, tauchen ein paar mehr Geschichten auf. Wir lernen in der Schule von jungen Menschen, die sich nicht verbiegen ließen. Pädagogisch korrekt will man gerade „unter“ Gleichaltrigen vermitteln, dass man aufstehen muss gegen Unrecht, gegen alle Widerstände.

Ich mache mir wenig Sorgen um diese „jungen Menschen“, diese „Jugendlichen“, von denen doch jeder immer sagt, sie müssen „ganz dringend in Gedenkstätten gehen, um alles zu lernen“. Wir haben kein Problem mit jungen Menschen. Sie empören sich von allein ohne Lehrer, ohne Vorgaben über das, was passiert(e). Sie können nicht (mehr) verstehen, dass man verhaftet werden konnte, weil man homosexuell war, weil man auf der Straße lebte, weil man eine andere Religion hatte. Sie empören sich von sich aus. Hier muss nichts gebogen und korrigiert werden. Es muss unterstützt werden, es darf nicht verdorben werden durch unsägliche Aussagen der „Erwachsenen“, durch ihr Stammtischgewäsch, das doch schon so lang Alltag geworden ist und nicht mehr nur an Stammtischen stattfindet. Wir können es hören, überall, wir müssen nur zuhören…und bemerken, dass niemand etwas sagt.
Es hat sich nichts geändert an der Aussage: „Wenn man still ist, passiert einem nichts.“ Unsägliches Geschwurbel. Es hat noch nie gestimmt und wird es auch nicht. Diese unfassbare dumme Einstellung, dass das Opfer von jedweder Gewalt, sei es nun physisch oder auf anderen Wegen, selbst verantwortlich sei. Ich kann es nicht mehr hören und ich will nicht mehr.
Er reiht sich ein in „vergewaltigte Frauen sind wegen ihrer Kleidung selbst schuld“ bis zu „Juden, die als Juden erkennbar sind, brauchen sich auch nicht wundern, angegriffen zu werden“. So erst jüngst bei den Maccabi Games in Berlin passiert, bei denen den Sportlern empfohlen wurde, nicht erkennbar zu sein als Juden. Wie soll man denn so allgemein als Jude erkennbar sein? Die Rassenbilder der Nationalsozialisten funktionieren irgendwie nicht – auch, wenn sich manch einer das bis heute wünschen möge.
Wir lernen also in den Schulen Vorbilder wie die Scholls zu finden, wir lernen, aufzustehen gegen Ungerechtigkeiten, den Mund aufzumachen. Wir gehen mit den (mehr oder weniger engagierten Lehrern) laut Lehrplan in Gedenkstätten jeder Art, wir lernen, dass Widerstand möglich war und ist und werden dann ins Leben entlassen, um immer wieder zu hören, dass wir besser still sind. Nichts gefährden sollen. Nicht unsere Karrieren, nicht unsere Familien, am wenigsten uns selbst. Dann wäre ja alles gut. So hat man seine Ruhe und sein stilles deutsches Leben, in dem einen ja nichts passiert. Außer, dass man womöglich mal die Vorhänge zuziehen sollte, während draußen auf der Straße jemand zusammengeschlagen wird, weil er anders aussieht. Außer, dass man in den öffentlichen Verkehrsmitteln lieber stumm auf sein Handy starrt, während jemand gedemütigt und beschimpft wird, statt wenigstens die Polizei damit zu rufen. Da wollen Parteien patriotischer werden, alles rückt immer weiter nach rechts, aus Angst um seine Pfründe, und fürchtet die Dinge beim Namen zu nennen: Rassismus, Terrorismus und Hass, immer wieder dieser Hass. Und immer schön abwenden, immer schön dahin schieben, wo ich nicht bin. Da nach Dresden, in den Osten überhaupt und so tun, als wäre es kein gesamtdeutsches, deutsches Problem, keine deutsche Katastrophe, wenn da im ganzen Land jene angegriffen werden, die wir schützen sollten.
Nein, wir haben kein Problem mit jungen Menschen und ihren Einstellungen. Die sind gut und gesund und voller Energie. Wir rauben diese Energie damit, dass es immer wieder heißt: sei still, sag nichts, misch Dich nicht ein. Sie werden genau so werden, und es wird kommen, wie es in den deutschen Diktaturen immer kam. 
Und am Ende wird man wieder sagen: wir konnten ja nichts tun.

6 Comments

  1. hoffmann hoffmann

    Widerstand war schon möglich…doch gabs damals auch noch die Sippenhaft. Stauffenberg, dessen nationale Meinung ich dennoch nicht teile, hat spät Widerstand betrieben. Doch verhaftet und ins KZ kamen nicht nur seine Familie sondern auch entfernte Verwandte. Mit dem Tod wurde man damals auch für das Verstecken von verfolgten Minderheiten bestraft oder auch nur für das Verweigern des Kriegsdienstes (33000 Todesurteile während der NS Zeit und 80-100.000 Soldaten in Strafkompanien mit geringer Überlebensquote machen das deutlich). Sich all dem auszusetzen waren eben die wenigsten bereit.
    Die Ursache aber warum die Nazis überhaupt erst an die Macht kamen lag nicht an der Untätigkeit/Wehrlosigkeit der Bevölkerung sondern an gierigen Unternehmern die ihre Gewinne mit Aufrüstung steigern wollten und sich dazu Hitler aussuchten. Diese Finanziers Hitlers werden in einigen Büchern genannt, zB W. Zdral http://sauber.50webs.com/ka

  2. Glick Glick

    Nicht nur die Unternehmen waren gierig, sondern auch die bevölkerung, die die Arbeitsplätze, Wohnungen, Besitztümer die den diskriminierten Minderheiten weggenommen wurden, gerne übernahmen, indem sie nun Arbeit hatten, indem sie eine neue Wohnung bekamen, indem sie billig bei Auktionen Sachen kauften, die Emigranten, Verhafteten, getöteten gehörten oder indem sie weniger Steuern zahlten bzw. mehr staatliche Gelder bekamen.

    Deutschland propagiert bis heute die Idee, dass die Nazis irgend ein böser Geist waren, der auftauchte, das arme Deutschland vergewaltigte, und dann wieder verschwand. Die Nazis waren die Deutschen selber, der Deutsche Staat beging all diese Verbrechen, und die Mehrheit der deutschen Bevölkerung profitierte davon. Hätten 1937, 38, 39 Wahlen stattgefunden, hätten die Nazis locker mit einer absoluten Mehrheit rechnen können. DAS VOLK WAR BEGEISTERT.

  3. Hoffmann Hoffmann

    Die Bevölkerung hätte erst gar nicht das Geld gehabt den kompletten Apparat der NSDAP mit Spenden zu finanzieren, schon gar nicht während der Inflationszeit. Besser Sie lesen erst mal meinen link!
    Die Profiteure der Vermögen vertriebener und umgebrachter Bürger waren hauptsächlich hohe Parteimitglieder. Es sind bis zu 20 Mrd Reichsmark durch Enteignungen in die Kriegskasse geflossen und die Profiteure waren sicher nicht die einfache Bevölkerung deren Einkommen während der Nazizeit schon vor dem Krieg sank. Auch wenn nach der Bombardierung von Städten die Bevölkerung von den Nazis mit dem Versteigern von Raubgut für ihren Verlust von Leben und Eigentum durch die Bombardierungen etwas entschädigt wurden so kann man dies doch kaum als Bereicherung anrechnen. Die Bevölkerung hätte vom Frieden mehr profitiert.
    Die letzten freien Wahlen im Nov 1932 waren eine Enttäuschung für die NSDAP, 33,1%. Nachdem im Jan 33 Hitler überraschend als Kanzler eingesetzt wurde wurden Wahlen manipuliert, eingeschüchtert, Wahlkämpfer anderer Parteien verhaftet. Reichspräsident Hindenburg der Hitler als Kanzler einsetzte war übrigens bei der Wahl April 1932 die einzige Alternative zu Hitler, Thälmann und einem Stahlhelmler.
    Wie „begeistert“ das Volk von Hitler war zeigt sich besonders hier https://de.wikipedia.org/wi
    https://de.wikipedia.org/wi
    Dazu gabs noch sog. Bewährungsbataillone, ugs. Strafbataillone mit 80-100.000 Soldaten und 2% Überlebensquote.
    Der Widerstandskämpfer und beste Kanzler aller Zeiten, Willi Brandt, schreibt in seinen Memoiren auch dass sich ca 1 Mio Deutsche wirklich schuldig gemacht hat. Und eben nicht 80 Mio!

  4. Georg Sieper Georg Sieper

    Dein Blog wirkt auf mich irgendwie zunehmend angespannt. Mach mal

    Urlaub, Juna. Eine handvoll Wochen Licht, Wärme, Wasser, Palmen

    am Stück und die Welt sieht wieder ganz anders aus.

    Erzkonservativ gehöre ich zweifelsfrei zu den Rechten, die keine

    Braunen sind, sich aber zunehmend weniger durch die CDU

    repräsentiert sahen. Anstelle aufkommender „deutscher
    Diktaturen“ droht (Dir) von unserer Seite allenfalls eine unserem
    Wesen gemässe, gemächliche Bewegung hin zur Basisdemokratie.

    Auch angesprochene Teile bestehender Migrationspolitik wünscht

    man orientiert an eigenen Interessen. Nicht am Gutmenschentum.

    Das angesichts derzeitiger Wellen traumatisierten Elends hierzulande

    eine im internationalen Vergleich herausragende Zahl von Flüchtlingen

    Aufnahme fand, ist nachvollziehbar. Ebenso wie die Notwendigkeit einer
    Begrenzung dieser Zahlen.

    Auf die Makkabiade 2015 bin ich stolz. Du aber scheinst auch diese allein
    auf die beiden antisemtischen Vorfälle zu reduzieren. Im Nachhinein ist man

    immer klüger. Vermutlich besser wäre es gewesen, diese Tage zu einer Art

    fiktivem, allgemeinem Berlin-Purim zu erklären. Wo alle und jeder unter der
    Kippa einen Davidstern um den Hals tragen. Offensiver und ein weiteres Fest.

    Das nächste Mal.

    Anstelle irgendwie depressiv wirkende Tendenzen zu entwickeln, weiterer

    unangenehm wirkender Beschäftigung mit Auswanderungsgedanken, würde

    ich mir für Dich einen längeren, entspannenden Urlaub wünschen und

    resultierende Gesundheit und Gelassenheit. Alles wird gut. Auch ohne Helden

    auf dem Schafott. Mach mal Urlaub, Juna!

  5. Hoffmann Hoffmann

    Jemand der das Wort „Gutmenschentum“ in seinem Text gebraucht ist sowieso nicht ernst zu nehmen.

  6. Susanna Susanna

    „Wir haben kein Problem mit jungen Menschen. Sie empören sich von allein
    ohne Lehrer, ohne Vorgaben über das, was passiert(e). Sie können nicht
    (mehr) verstehen, dass man verhaftet werden konnte, weil man homosexuell
    war, weil man auf der Straße lebte, weil man eine andere Religion
    hatte.“

    Danke. Ich beschäftige mich ja immer noch studiumsmäßig mit der Erinnerungskultur und wundere mich zur Zeit, dass Geschichtslehrer es als Erfolg ansehen, wenn ihre Schüler und Schülerinnen den Holocaust am Ende des Geschichtsunterrichts zum Thema moralisch verurteilen. Ich meine, dazu sollte doch eigentlich kein Geschichtsunterricht nötig sein .- und du sagst jetzt, dass dies auch nicht nötig ist.

    Ich fürchte leider, dass die meisten Erwachsenen meistens nach dem Motto „lieber still sein!“ leben und das dann an die Jugendlichen weitergeben.

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