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Bizim Bakkal darf bleiben – #BizimKiez ist überall

Heute war wieder Mittwoch. Mittwoch ist der Tag, in dem sich die Menschen Abends vorm Gemüseladen der Familie Çalışkan versammeln, um gegen deren Kündigung nach über 28 Jahren durch den neuen Hauseigentümer zu protestieren. Das sechste Mal fand diese Demonstration, die doch eigentlich schon Straßenfest ist, statt. 

Immer mehr meldeten sich zu Wort, dass auch ihnen die Geschäfte gekündigt wurden. Wohnt man in dieser Ecke, sieht man die noch schleichende Verdrängung schon länger. Glattgebügelte Cafés eröffneten, wo vorher individuelle Geschäfte waren.

Heute nun findet in diesen Minuten eine Lesung mehrerer Berliner Autoren statt, die sich sofort einverstanden erklärten an einer Solilesung teilzunehmen. Inzwischen aber ist klar, dass es hier nicht nur um die Wrangelstraße und deren Umgebung geht. In ganz Berlin finden massive Verdrängungen statt, so wird aus Rixdorf von einer Räumungswelle berichtet. Ein ehemaliger Jobcentermitarbeiter berichtete davon, dass sie nicht wirklich beraten durften, wo man Hilfe bekommen hätte. Er selbst ist inzwischen auch Opfer der Gentrifizierung geworden. 
Viel passierte hier wegen eines kleinen Gemüseladens. Doch es geht nicht nur darum. „Mediaspree versenken“ zog resigniert Bilanz, dass man zumindest die Spree verloren hätte. Bis heute habe ich nicht wahrgenommen, dass sich wirklich laut und deutlich ein Berliner Politiker, geschweige denn die Bezirkspolitik, die primär von den Grünen gestellt wird, irgendwie gemeldet hätte. Es sind die Berliner, die hier kämpfen, nicht nur die Nachbarn und Kunden. 

Kritik

Die gute Nachricht kam über Twitter: Die Kündigung sei zurückgenommen worden. Ich fragte eine der Veranstalter, noch glücklich über die Neuigkeit, ob man das nicht verkünden wolle. Ihre Antwort war, dass man es schon gewusst habe, es aber nicht habe sagen wollen, weil sonst alle gehen würden. Außerdem wisse man ja nicht, ob nicht in zwei Wochen wieder eine Kündigung käme. 
Meine Kritik: Traut man den Berlinern tatsächlich so wenig Engagement zu? Glaubt man tatsächlich, dass es inzwischen wirklich nur um diesen kleinen Laden ginge, dass es nicht schon längst weiter reichte, dass Bizim Bakkal nicht längst ein Symbol wurde und es auch bleiben wird? Ich kann mit dem Gefühl nicht umgehen, dass hier absichtlich etwas verschwiegen wurde. Noch dazu vorerst gute Nachrichten für meinen Lieblingsgemüsemann und seine Familie. Ich verließ die Straße heute nicht mit dem Glücksgefühl, dass ich die anderen Male hatte, mit dem Gefühl, wieder an die Berliner glauben zu können. Ich verließ sie mit einem bitteren Beigeschmack, nicht ernst genommen zu werden. 
Dennoch: Bizim Kiez ist nicht nur der Wrangelkiez. Es ist Berlin, in denen Nachbarschaften zerstört werden, die ein Traum jeder Stadtsoziologen wären. Funktionierende Multiethnische Nachbarschaften über alle Altersgrenzen hinweg. Hier funktioniert Stadt noch. Allerdings hat die Politik daran kein Interesse – auch nicht in Kreuzberg. 

3 Kommentare

  1. Magnus Hengge Magnus Hengge

    Ich versteh, dass dich dieses Erlebnis „man will etwas nicht sagen“ irritiert hat. Allerdings ist die Aussage „man hätte es schon gewusst“ einfach nicht richtig. Wer immer dir da geantwortet hatte, es war einfach dessen private Meinung – mehr nicht. Ich war in der gesamten Vorbereitung und bei der Versammlung selbst in alles eingeweiht.
    Wir haben um 17:00 Uhr eine Vorbereitungstreffen gehabt und da hörten wir, dass am Nachmittag ein Gespräch zwischen Ahmet Çalışkan und der Hausverwaltung stattgefunden hat, das ergebnislos beendet wurde. Da gab es
    noch keine Pressemitteilung der Medienanwälte der Hausverwaltung, denn diese haben die Rücknahme der Kündigung erst nach dem Gespräch der Beteiligten am Nachmittag, also ohne Absprache mit dem Mieter, und erst kurz vor unserer Versammlung um 19:00 Uhr veröffentlicht (per E-Mail an einzelne Redaktionen). Als unsere Veranstaltung begann wusste also niemand davon. Erst als es über rbb Abdendschau getwittert wurde, sprach es sich langsam rum. Da wir wissen wie die Gegenseite drauf ist, waren wir erst einmal skeptisch und wir haben versucht die Information so schnell wie möglich zu prüfen. Trotzdem haben wir die „Rücknahme der Kündigung“ im Original um ungefähr 20:50 Uhr verlesen (kurz vor Beendigung der Lesung).
    Heute morgen haben wir dann alle Einzelheiten recherchiert und können nun sagen: Nichts ist gewonnen! Die Situation ist völlig ungesichert. Das Haus soll nach wie vor komplett umgewandelt werden. Die Aussagen der Medienanwälte wurde bewusst als Halbwahrheiten veröffentlicht, um die Solidarität zu zersetzen und die Mieter zu schwächen.
    Wir haben das alles haarklein dargelegt. Nachzulesen hier: http://www.bizim-kiez.de/bl
    Vielleicht überdenkst du deine Kritik nochmals, denn Vorsicht ist in jedem Fall geboten.

    Liebe Grüße
    Magnus

  2. Steff Stefanidad Steff Stefanidad

    und es gibt gar keine »Veranstalter/innen« es ist immer wieder neu und anders und hängt von jedem einzelnen ab, der sich einbringt…

  3. Steff Stefanidad Steff Stefanidad

    und wir müssen berücksichtigen, dass es auch Leute gibt, die ein Interesse haben Verwirrungsstrategien zu platzieren… Mein Tipp: etwas ruhiger agieren, Leute fragen, die du kennst oder von weiteren Personen, die mit der anderen nix zu tun hat abgleichen…

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