Zurück zum Content

#4 38°C

Es ist Sommer, ein Sommer, wie ich ihn mir vorstelle. Es ist acht Uhr abends, noch immer 37°C. Ich genieße jede Sekunde, in der ich nicht gezwungen bin, Kleidung anzuziehen. Ich hasse Kälte, ich genieße es, ohne Kleidung herumzulaufen, auch, wenn die Nachbarn mich vom Hausflur aus sehen können. Ich will frei sein. Vielleicht ist es die Freiheit der Kindheit am Ahrenshooper Strand, die ich vermisse.


Ich erinnere mich nur an Ahrenshoop in meiner Kindheit vor der Schule. Die einzigen Erinnerungen an Berlin sind die Abschiede im Kindergarten im Frühling. Ahrenshoop ist meine Kindheit. Hier konnte ich am Bodden entlang toben, habe Moos zwischen den kleinen Bogenfenstern meines winzigen Zimmers beim Wachsen beobachtet, hatte abends die Schmetterlinge verirrt in meinem Zimmer, sah ihnen hilflos zu und hoffte, dass sie bald wieder in die Freiheit könnten. Freiheit, wie ich sie kannte. Freiheit im Sand, in den Wellen. Hier musste ich keinen Mittagsschlaf halten, den ich nie halten konnte auf diesen harten Pritschen nur bespannt mit einem Laken, keine Matratze. Ich hasste sie, diese überflüssigen, vergeudeten Stunden, in denen man still zu sein hatte. Was hätte man alles lesen können, auseinander bauen und wieder zusammensetzen. Stattdessen: still liegen. Bis heute kann ich tagsüber nicht schlafen, verweigere den Schlaf bei Licht. Man muss die Zeit nutzen, es sind so wenige Stunden in unseren Breiten.
Ich habe die Zeit genutzt heute, gelesen. Gelesen wie eine Besessene. Latein gepaukt. Ich will diesen Schein, den ich an der Schule nicht machen konnte. Den Grund, der verhinderte, dass ich Geschichte studierte. Heute hole ich all das nach. Will endlich alte Geschichte studieren können, irgendwann. Es gibt für mich keine Zeit des Lernens und keine Zeit des Lebens. Man lernt immer. Ich wandere durch den Circus Maximus, ich lese Keith Lowes „Der Wilde Kontinent“, auch das gehört heute zu meinem Leben. Ich bin eine Reisende zwischen den Zeiten, will die Welt verstehen, die mir so unverständlich ist. An Tagen wie diesen blühe ich auf. An Tagen mit Hitze, mit Sonnenschein. Dann glaube ich, alles schaffen zu können. Endlich das ewig vom System eingehämmerte „Du kannst das sowieso nicht, Du wirst nie studieren dürfen“ loswerden zu können. Endlich das Geschrei der Kinder, nachdem sie mich verprügelten, loszuwerden, endlich an mich glauben zu können. Endlich denken, dass es einen Sinn hat. Ich meine Träume erfüllen kann. Das war nicht immer so. 
Meine Kindheit endete mit der Schule. Die Unbefangenheit war vorbei. Das System, das der DDR, hatte mich im Griff, da es meine Mutter im Griff hat. Aus dem selbstbewussten, neugierigen Mädchen, das am Ostseestrand zuhause war, hatten sie ein verängstigtes Häuflein gemacht, das bald wirklich glaubte, dass sie nicht gut genug war für diese Welt. Den Bruch habe ich nicht überstanden. IAuch nicht, als die Mauer fiel. Die Lehrer blieben dieselben.
Alles änderte sich erst in meinen letzten 2 1/2 Schuljahren. Nur kann man in dieser Zeit nicht ausgleichen, was in den vorangegangenen 10 1/2 schief ging. Ich habe Jahre gebraucht all die Demütigungen und Schläge zu überwinden. Ich überwinde sie noch heute. Und jedes Mal, wenn mir dieses System in seiner selbstbewussten Feistigkeit der heutigen sogenannten demokratischen Partei entgegentritt, bin ich fassungslos. Ich bin fassungslos, wenn all das in lustig bunten Bildern als skurrile, ulkige Welt dargestellt wird, in der das Leid nur eine Randerscheinung war – wenn überhaupt.
An diesen heißen Sommertagen wie heute aber kommt das kleine Mädchen wieder, unbefangen und wild, bereit, es mit der Welt aufzunehmen. Das Mädchen, dem niemand sagt, es würde etwas nicht schaffen. Das alles schaffen kann. Das sich ihre Träume erkämpft. Schritt für Schritt. Das wieder am Strand tobt, in Büchern liest, die andere erst Jahre später lesen werden, allein weil sie es schon kann, das Lesen. Das eintaucht in alte Welten, das die noch nicht so lang vergangenen verstehen will. 
Ich habe keine Angst mehr. Vor niemandem. Und ich beobachte ständig Angst. Angst vor dem Vorgesetzten, Angst vor den Behörden, Angst davor, Entscheidungen zu treffen. Die wohl schlimmste Angst. Diese Gesellschaft der Angst, ihre Pfründe zu verlieren – und gleichzeitig nichts verlieren zu können als das Gesicht, das Gewissen. Doch gibt es das noch? Gewissen? Ich kann diese Ängste nicht verstehen. Werde und will sie nicht verstehen. Und bin doch jeden Tag mit ihnen konfrontiert. Gewöhne mich nicht an sie und leide darunter.
Aus dem Mädchen, das aus Angst vor der Demütigung und den Prügeln nicht in die Schule gehen wollte, ist etwas anderes geworden. Aber sie sieht die Schläger noch immer, ist desillusioniert ob der fehlenden Konsequenzen für Täter, die in der Schule und die im System. 
Irgendwann entschied ich mich, nicht mehr Opfer zu sein. Weiß aber  um der vielen Menschen, die die Entscheidung nicht treffen konnten, die zu tief versunken waren, zu viel von sich verloren haben. 
An diesen heißen Sommertagen bin ich frei und glücklich und ich spüre alle Kraft, die ich habe. An diesen heißen Tagen, wenn andere nur stöhnen und jammern.
Dieser Beitrag wurde in der NaBloPoMo-Reihe geschrieben, jeden Tag im Juli ein Post bloggen. Mehr dazu gibt es hier zulesen.

1 kommentar

  1. Makellosmag Makellosmag

    Während du dies schriebst, sass ich in der Ahrenshooper Zeile & der Regen kühlte meine Schultern in diesem wunderbaren Sommer. Es gibt vieles, in dem Text, was mir nahe geht, weil es nah bei mir ist. Weil ich aber noch kämpfe & übe mit dem unmittelbaren Persönlichen nur so viel. Ich kann mich noch gut an das Latinum erinnern, was ich im Studium nachholen musste. Insofern wünsche ich dir viel Durchhaltevermögen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

9 − zwei =