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#10 Gedenkstättenansichten

Da sitze ich nun am Workshoptag der Tagung „Erinnern Kontrovers“ umweht von kalter Stadtluft zwischen Palmen in Kübeln – allein. Ich habe meinen Workshop verlassen. Ich hielt es nicht mehr aus. 

Bewusst entschied ich mich für die Tagung in der Hoffnung, neue Impulse zu gewinnen. Bewusst habe ich nicht den Workshop zur digitalen Erinnerung gewählt. Bewusst wollte ich die Ansätze zur Zeitzeugenarbeit hören, bewusst hoffte ich auf Neues und bewusst bin ich gegangen – denn all das fand ich nicht. Gerade spielt man Zeitzeugeninterviews nach, um Authentizität spüren zu können. Vermutlich bin ich zu empfindsam, vermutlich habe ich nicht genug Distanz. Was ich zumindest im ersten Teil spürte, war genau das: Distanz. Es geht mir nicht darum, wie man die Arbeit in Gedenkstätten etc. aushalten kann – man kann es sehr gut, ich werde es ein anderes Mal erläutern. Ich höre Sätze wie: Wir wollen keine Emotionalisierung. Was aber bitte sind nach Szenische Darstellungen zum Todesmarsch sonst? Was will man damit erreichen? 
Einen guten Ansatz finde ich die Einbindung der nächsten Generationen, dies ist allerdings im konkreten Fall auf die Initiative der Angehörigen selbst entstanden und wird nun, so mein Empfinden, genutzt, vielleicht auch benutzt, um das Fehlen der ersten Generation auszugleichen. Man wundert sich nun, dass diese Menschen nicht nur das Erlebte ihrer Eltern und Großeltern referieren, sondern u.U. auch mitteilen wollen, was mit ihnen selbst geschah, wie es ist, mit all dem aufzuwachsen. Ich sehe erstaunte Augen, dass das eben nicht immer konfliktfrei ist. Ich sehe erstaunte Gesichter, dass die Ansichten anders sind. Ich sehe Theoretiker, ich höre Theoretiker und mir dünkt, dass nur wenige einen wirklichen Umgang haben mit jenen, ÜBER die sie da sprechen. Dass ihre Geschichten, Prägungen eben doch nicht wirklich interessieren. Dass sie nicht das Grauen erzählen können, dass manch einer so herbeisehnt.

Mir kommen Gedanken an Stolpersteininitiativen, denen es vielmehr um die hohe Zahl der verlegten Steine, als um die Menschen hinter den Namen geht. Mir kommen Gedanken daran, dass zweite, dritte, vierte Generationen nicht in ihrer eigenen Zeugenschaft, nicht mit ihren eigenen Narben gesehen werden – und auch nicht als andere Art von Opfer. Es wird ihnen abgesprochen. Es fiel der Satz, dass man bei diesen Begegnungen natürlich keine psychologische Betreuung bieten könne. Die braucht es meiner Ansicht nach auch nicht, denn der Wunsch dieser Nachfahren, jener, die es selbst für sich wählten, sich mit den anderen auseinanderzusetzen, auszutauschen ist bereits die psychologische Betreuung. Es ist leichter mit Menschen zu sprechen, die meine Sprache verstehen – und ich meine hier nicht Sprachen im eigentlichen Sinne. Es ist leichter, nicht immer erklären zu müssen, warum Dinge anders waren als woanders. Man sollte hier viel mehr zuhören.

In Deutschland beobachte ich mehr und mehr ein Hinwenden zu den deutschen Opfergeschichten. Ich denke hier nur an die Bombardierungsgedenken der verschiedenen Städte, die aber oft genug ein Gedenken an das andere, an das, von dem man ja nichts wusste, auslassen. Das sollen die Gedenkstätten übernehmen. Man hält seine Rede, wie jedes Jahr, isst seine Bratwurst und geht wieder.

Man will Empathie vermitteln und hat gleichzeitig eine unendliche Distanz, eine unendliche Angst und doch wieder ein ewiges Selbstvertrauen als die Weltmeister des Erinnerns. Aber was ist das, Erinnerung?

Erinnern Kontrovers heißt diese Tagung. Ich finde wenig Kontroversen. Es ist gut, manchmal Mäuschen zu spielen, gut, Dinge mal von der anderen Seite zu sehen – und es ist erschreckend. Zum Glück aber kenne ich genügend Menschen der jüngeren Generationen der Gedenkstättenarbeit, die Dinge anders machen werden – so sie endlich dürfen. Hier wird man keine Selbstgerechtigkeit, keine Berufsbetroffenheit und keine Distanz finden, sondern ehrliches Interesse.

Und so sitze ich hier. Gleichzeitig dritte und zweite Generation nach Diktaturen und ich merke wieder eines:

Es wird gerne ÜBER gesprochen – nicht MIT. 

Dieser Beitrag wurde in der NaBloPoMo-Reihe geschrieben, jeden Tag im Juli ein Post bloggen. Mehr dazu gibt es hier zulesen.

2 Comments

  1. Hoffmann Hoffmann

    Was soll das? Ist ein Opfer besser als das andere? Warum nicht an alle gedenken? Warum Opfer ausschliessen?
    Vieles ist spät aufgearbeitet worden oder hat es noch vor sich.
    https://de.wikipedia.org/wi…ärjustiz
    Was die Stolpersteine betrifft regen gerade sie zum Nachdenken an. Wenn man davor steht und liest denkt man sicher nicht daran wieviele davon verlegt wurden sondern fragt sich was diese Menschen erlebt haben und wieviele andere Menschen mit diesem Schicksal es noch gibt.

  2. Susanna Susanna

    Ich lese Deinen Text mit großer Neugierde, da ich gerade vor einer Woche eine Hausarbeit zum Thema Erinnerungskultur und „Erziehung nach Auschwitz“ abgegeben habe. (Mir fällt kein besserer Ausdruck als „Erziehung nach Auschwitz“ ein, obgleich mein Eindruck ist, dass nur wenige, die dieses Schlagwort benutzen, den Text von Adorno in voller Länge gelesen haben, sonst würden sie nicht meinen, dass Partizipation an der sogenannten Erinnerungskultur irgendetwas mit dem zu tun hat, was Adorno sagen wollte.)

    Als ich zur Schule gegangen bin, wurden noch nicht alle Schulklassen mit Zeitzeugen konfrontiert und in Gedenkstätten gefahren. Erst als Erwachsene habe ich einen Zugang zum Thema gefunden, und zwar indem ich Berichte von Überlebenden gelesen habe: Primo Levi, Jorge Semprun, Imre Kertesz, Ruth Klüger und die Berichte von einigen nicht so bekannten Überlebenden. Aus jenem Grund stehe ich der Debatte um Zeitzeugen und das Aussterben derselben etwas erstaunt gegenüber: Es gibt doch ganz starke Bücher, von denen man sehr vieles erfahren kann. Und gerade weil sie künstlerisch gestaltet sind, kommen auch die Emotionen an. Vor allem wurden diese Texte nicht für Deutsche geschrieben und können nicht instrumentalisiert werden.

    Aus meiner Beschäftigung mit dem Erinnerungs- und Erziehung-nach-Auschwitz-Diskurs habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich die Erinnerungskultur immer noch sehr stark um die Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Schuld beziehungsweise Verantwortung dreht. Man versucht, mit der Schuld fertig zu werden und eine positive nationale Identität zu gewinnen, indem man sich zum Erinnerungsweltmeister erklärt und das Gedenken an den Holocaust zu einer Art Nationalkultur erklärt (in die Eingewanderte und ihre Nachfahren dann mühsam eingeführt werden müssen.) So lange man in erster Linie mit sich selbst beschäftigt ist, wird man den Überlebenden und ihren Nachfahren nicht zuhören können, ohne sie zu instrumentalisieren. Echtes Zuhören würde bedeuten, dass man eine Weile lang das Leiden am Deutsch-sein beiseite stellt und sich ganz auf die andere Person einstellt. (Und ich bin davon auch nicht frei – auch für mich ist die Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung immer noch wichtig.)

    Wenn es bei Veranstaltungen mit Zeitzeugen in erster Linie um die Jugendlichen und nicht um die Zeitzeugen geht – oder eben auch um ihre Nachfahren – also, wenn die Zeitzeugen nicht über das sprechen, was ihnen wichtig ist, sondern alles pädagogisch wertvoll sein soll, mit genau dem richtigen Level an Emotionalität, damit die Jugendlichen etwas lernen, aber nicht überfordert sind, dann läuft doch etwas schief.

    Und wenn man den Zeitzeugen der zweiten oder dritten Generation nun Vorgaben macht, worüber sie sprechen sollen – nur über die Vergangenheit ihrer Familie, nicht über ihre Gegenwart in Deutschland, dann läuft doch auch etwas schief. Dann werden Shoah und Antisemitismus zu Themen der Vergangenheit erklärt, so dass man sich beim Erinnern als Erinnerungsweltmeister fühlen kann, anstatt sich mit Problemen der Gegenwart auseinanderzusetzen.

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