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Das Zwangsarbeiterlager am Wegesrand

Fährt man durch Brandenburg, so sieht man oft am Wegesrand Denkmale. Nicht jene zur Erinnerung an die Weltkriege, oft genug russische Denkmale, Erinnerungsstellen an die Todesmärsche…man fährt vorrüber. Die gehören zum Bild der Gegend. Manchmal aber leuchtet ein Denkmal und man sieht aus dem Augenwinkeln die Worte „Leben, Frauen, Mädchen“ – und man dreht um, will mehr wissen. 

Kurz vorher an Wohnhäusern mitten im Wald, abseits von allem vorbeigefahren. Kommentiert, dass man ja gern mal wissen würde, was dahinter läge. Man erfuhr es. Ich erfuhr es. Hier direkt an der Straße im so idyllisch klingenden „Genthin Wald“ fand sich alles, was der Nationalsozialismus an Grauen im Namen des „Arbeitskräftemangels“ zu bieten hatte: Zwangsarbeiterinnenlager, KZ-Außenlager, Arbeitserziehungslager. Sie alle mussten für die Silva Metallwerke GmbH (Mutitionsherstellung) und die allseits bekannten Henkel Werke (die heute noch vor Ort sind) arbeiten. Man liest von einem Aufstand von polnischen Zwangsarbeiterinnen, die erschossen wurden. Man liest von grauenhaften Arbeitsbedingungen für die Kinder der Frauen, die ebenso zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Wenig liest man vor Ort selbst. Das Denkmal, das leuchtende ist aus der Not entstanden. Die einst vorhandene Frauenskulptur wurde gestohlen. Man machte, wie ich finde das beste daraus. 
An der Straße ein Hinweisschild, ein Lageplan und eine kurze Geschichte des Ortes. 

Die Wegweiser machen neugierig. Hinter diesen merkwürdigen Häusern im Wald steckte wirklich etwas, viel mehr, als erwartet. Es ist noch Licht im Sommer, als wir den Wegweisern folgen, zunächst nach links: nichts. Dann nach rechts, wo doch soviel Geschichte sei: nichts. In den Wald: nichts. Man läuft an Ferienwohnungen vorbei, Waldidyll neben gesperrten Waldgebiet. Der Verstand sagt: noch munitionsbelastet. Die Recherche zuhause bestätigt es.
Dem abfotografierten Wegweisers durch den Wald folgend: nichts. Man findet rein gar nichts. Kein Hinweis, keine Erklärung für die Geschichte des Geländes. Man wundert sich über doch sehr unterschiedliche Bewuchsformen….ich erkenne Zeichen, mit den Jahren lernt man. Doch hier? Wieso erst der Anfang mit all den Wegweisern und dann nichts? Meine Vermutung, dass hier eine Initiative am Werk war, die nicht mehr durfte, konnte scheint sich zu bestätigen. Ich lese von ehemaligen Zwangsarbeiterinnen, die noch einmal zu Besuch kommen wollten, die Stadt lehnte es ab…
Es ist kein Einzelfall und auch keine Eigenheit kleiner Städte. Auch Berlin hatte zwar sein großes Emigrantenprogramm, zu dem es ehemalige Berliner einlud. Geld aber, ehemalige Zwangsarbeiter nach Berlin einzuladen, hat auch Berlin nicht. 
Hier in Genthin am Wald haben wir einen Anfang, geschaffen durch private Initiative. Die Stadt sollte sich überlegen, den Anfang fortzuführen. Die Silva Werke gibt es nicht mehr, Henkel sehr wohl schon – auch, wenn man jetzt am Ort zu Hansa gehöre. 
Hier, wo das erste Persil Waschmittel vom Band lief, findet man keine Hinweise auf die Zwangsarbeiter, keine Hinweise auf die Geschichte des Werkes im Nationalsozialismus. Hier am Ort des Lagers im Wald wäre auch ein Ort, an dem sich Henkel seiner Geschichte stellen könnte und mit ihm das heutige Waschmittelwerk Genthin.

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