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Jugendhaus Frohe Zukunft Halle – eine Rückkehr nach 36 Jahren

Halle spielte bis vor Jahren keine Rolle in meinem Leben. Bis ein Mensch in mein Leben trat, den Halle prägte. Nicht die Stadt, sondern das Jugendhaus Halle mit dem etwas zynisch anmutendem Zusatz „Frohe Zukunft“, was allerdings nur das Viertel benennt. 
Halle. Ich hörte Geschichten von Prügel. Von sadistischen Wärtern, von Selbstkontrolle der Häftlinge untereinander. Von blutigen Waschräumen, vom Fußbodenschrubben mit Nagelbürsten, vom Marschieren, von Schreien, vom Brutalität, von Einzelhaft ohne Tagesrhythmus, von nicht zu erreichenden Akkorden, davon, nur zu zweit als „Politischer“ unter brutalsten Straftätern zu sein. Ich hörte von „Chefs“, hörte von Nato, dem brutalstem Wärter. Ich hörte von den Fenstern mit Betongittern, von stetigem Hundebellen, Schlüsselrasseln und immer wieder Prügeln. Und alles nur, weil man eine Meinung hatte, mit 16, weil man weg wollte aus diesem Land, das einen doch auch nicht wollte. Ein Jahr Gefängnisse in der DDR, davon acht Monate Halle. Acht Monate, die prägten, aber nie brachen. Die Geschichte hatte ein gutes Ende, wenn man so will. Das Ende hieß Freikauf und dann ein neues Leben. Er hat es geschafft. Lebte alles, was man leben konnte in West-Berlin. War Hausbesetzer, Partyorganisator, begrünte die Kreuzberger Hinterhöfe mit den Bewohnern als Urban Gardening noch kein Wort war und alles andere als hip. Er kämpft seine Kämpfe gegen die Berliner Verwaltungen, seine Kämpfe für einen Traum, seinem Traum mit dem Wissen, dass sie ihn nicht gebrochen haben, dort in Halle. Doch Halle war immer da. 
Heute nun war der Tag der Rückkehr. Alles ging so einfach. Das ehemalige Jugendhaus Halle ist noch heute Gefängnis. Eine Email, eine freundliche Antwort. Alles kein Problem. Wir können kommen. Wir kamen. Das Gelände hatten wir vor Jahren per Luftbild gefunden, wussten, dass Vieles noch steht. Was kam, damit hatten wir nicht gerechnet. Der Block, der bewusste stand da, unsaniert. Original.
Wir konnten hinein. Konnten rein in ein heruntergekommenes Haus, in dem die Türen an anderen Orten lagen. In dem er aber nun die Türen anfassen durfte, die Gitter zur Etage selbst aufstoßen, herumlaufen. Der Fußboden war ein anderer. Wie oft musste er geschrubbt und gebohnert werden. Die Fenster mit den Betongittern. Dunkel war es darin. Alte Türen standen überall herum. Gezielter Gang nach links. Hier war es. Zehn Jungs pro Zimmer. Doppelstockbetten. Keine persönlichen Gegenstände. 
Wir liefen über das Gelände, liefen die Wege von damals. Die Hundegänge gibt es nicht mehr. Die Mauer gibt es noch. Die Wachtürme gibt es noch. Sie sind leer. Die Baracke, in denen man sich Zigaretten und Zahnpasta kaufen konnte wurde inzwischen abgerissen, die Kantine ist noch immer was sie war, so vieles war noch so. Nur eine Werkhalle war inzwischen Turnhalle geworden. Stolz der Bediensteten dort heute. Inzwischen wird hier nicht mehr für IKEA produziert. Paletten sind es. Akkordarbeit wurde abgeschafft, die Verletzungsgefahr war zu groß. Wir laufen über das Gelände. Die Gespräche bewegen sich zwischen Erinnerungen, Suche und der Frage, was ist heute? Wir erfahren, dass wir die ersten sind, die zurück kommen. Dies ist nicht der Rote Ochse. Hier waren nur wenige Politische, zum Ende der DDR wurden es mehr. In den 70ern aber waren sie nur vereinzelt hier. Die Mitarbeiter sind zurückhaltend. Sie fragen mich, nicht ihn. Er erzählt zwischendrin, ich erläutere später. Die Stimmung bewegt sich zwischen Neugier, Respekt und auch ein Stück Dankbarkeit. Es fällt der Satz, dass es etwas ganz anderes ist, wenn jemand erzählt, der hier war, der kein „Erzieher“, wie die Schließer dort zynisch hießen. Wer sollte hier erzogen werden? In diesem Umfeld? Ein besserer Mensch werden, indem man sie brach, die Kinder? 
Man hat ihn nicht gebrochen. Vielleicht, mit der Rückkehr ist etwas passiert. Wir reden und reden. Plötzlich durfte er sich frei bewegen, dort auf dem Gelände und nun? Plötzlich sogar sagen, wo lang man gehen konnte. Der Weg, von dem man nie abweichen durfte, wollte man keine Prügel riskieren. Plötzlich Freiheit – und man war doch hinter Gittern. Wir finden Spuren der Absperrungen. Wir gehen wieder zurück zum Exerzierplatz. 
Platz nehmen auf einer der Bänke am Platz. Der Sieg über Jugendhaus Halle.

Nachtrag: Die Geschichte ist inzwischen ein Buch geworden, eine Biografie:

Der Wassermann
Ralf Steeg und sein Kampf für den sauberen Fluss
von Sandra Prechtel und Ralf Steeg

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