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Gedenken abseits des Offiziellen – die Fahnen der Erinnerung

Eine lange Fahne mit den Namen der KZ Außenlager Mittelbau-Doras vor einem Fundament

70 Jahre. 70 Jahre Kriegsende. Nach all den Jubiläen, scheint es so nur noch bedingt Aufmerksamkeit zu geben. Zwar gibt es einige Projekte man denke an das Twitterprojekt „Heute vor 70 Jahren“ oder das Berliner Regionalprojekt zum Kriegsende im Bezirk Treptow-Köpenick . Aber sonst?
Sonst lese ich in den Medien täglich Nachrichten zu den Bombardierungen vor 70 Jahren und ich kann es nicht mehr sehen, denn selten, nur selten wird von Befreiung gesprochen, wird davon gesprochen, dass es tatsächlich auch Menschen gab, die jeden Bomber begrüßten, da er nahende Freiheit bedeutete. Und ich spreche hier nicht ausschließlich von Häftlingen in den KZs, von den Millionen Zwangsarbeitern und allen, die irgendwie in der Diktatur versuchten zu überleben, in Verstecken, mit falschen Identitäten. Ich habe vielleicht zu viele Briefe gelesen von Menschen, die Hoffnung fanden in jedem Alliierten Angriff und ja, ich habe auch die Briefe von jenen gelesen, die um ihr Leben fürchteten. Und doch, dürfen wir vergessen, wer das alles vom Zaun brach? Dürfen wir vergessen, was im Namen des 1000jährigen Reiches zerstört und getötet wurde?

Es geht soweit, dass in der thüringischen Stadt Nordhausen, die Synonym für das KZ Mittelbau-Dora ist, dem Bombardierunggedenken mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als der Befreiung des KZs und seiner Außenlager. Es geht gar soweit, dass man jetzt dort eine Ausstellung initiiert, in der die Kuratorin sagt:

„Nicht Fakten, sondern ­Erinnerungen stehen im Mittelpunkt unserer Ausstellung.“

Man muss kein Historiker sein, um sich bei diesem Satz die Haare zu raufen. Ja, man kann die Emotionen, die Ängste der Nordhäuser Bevölkerung schildern, ABER, man muss auch die Fakten erzählen. Jeder Professor reißt seinen Studenten den Kopf ab, wenn er so arbeiten würde. Aber in Nordhausen ist wohl alles möglich. Es lohnt sich übrigens auch, den Kommentar unter jenem Zeitungsartikel zu lesen, in dem die Ausstellung angekündigt wird.

Zurück zum Thema. Lese ich von Gedenkveranstaltungen der anderen Art, so sind es oft die Erinnungsspaziergänge, sind es Kranzniederlegungen an diversen Denkmalen, die schon seit Jahren errichtet und zu den entsprechenden Terminen pflichtschuldigst von der örtlichen Entourage besucht, Blume hinlegen, Kopf runter, weitermachen. Was dann aber oft genug nicht nur an den Stammtischen geredet wird, habe ich zu oft mitbekommen.

Ein Fünkchen Hoffnung im Gedenken aber scheint mir ein Projekt zu geben. Es wird morgen starten, in Thüringen, abseits der Politik und doch aber – bis auf eine Ausnahme mit der erfreulichen Unterstützung der betreffenden Gemeinden. Der Verein Jugend für Dora e.V. hat sich andere Gedanken gemacht. Diese Gedanken wird man ab morgen in 31 Gemeinden der Region in Form von großen Fahnen und Bodenaufklebern mitten in den Orten, z.T. auf den Marktplätzen sehen können. Die Fahnen fragen: Was bleibt? Und ja, was bleibt? Muss es immer das Monument sein, das das Jahr über vergessen wird und dann pünktlich zum nächsten Jahrestag, wenn die alten Blumen weggeräumt und neue niedergelegt wurden, bedacht wird? Was bleibt von all den Außenlagern? Von den Menschen, den Geschichten? Es ist ein anderer Weg, ein temporärer Weg, denn die Fahnen werden wieder verschwinden. Die Bodenaufkleber verwittern. Aber sie waren da, sie werden Aufmerksamkeit erringen und sie werden vielleicht denken lassen – mehr, als es in Stein gemeißeltes je kann.

Und diese eine Gemeinde, die nicht mitmachen wollte. Selbst dort hat sich eine Lösung gefunden. Denn nur, weil der Bürgermeister nicht will, heißt es nicht, dass die Bürger nicht wollen. Sie wird in einem Vorgarten stehen und erinnern, an das was einst zu diesem Ort gehörte. Und auch das ist ein Fünkchen Hoffnung nach all den Nachrichten gerade aus Sachsen-Anhalt.

Mehr Informationen um Updates zum Projekt „Fahnen der Erinnerung“ findet man auf dem Blog sowie auf Facebook. Ein Faltblatt informiert über die Orte und das Projekt, die Termine findet man hier.

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