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Erinnerungen an Bonhoeffer – oder warum er bis heute mein Leben bestimmt

Der Torso an der Westseite der Zionskirche zur Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer. Foto: SPKrautkrämer

Seit dem 9. April, dem 70. Todestags Bonhoeffers gehen mir viele Gedanken durch den Kopf, daher möchte ich wieder auf ihn zurück kommen. Ich schrieb schon in „Was Kirche für mich heißt“ über mein Bild von Kirche und warum es ein anderes ist, als das, was wir heute da draußen sehen. Dennoch, dieser Mann ist mehr als das Denkmal, das sich durch meine Kindheit zieht. Er ist doch mehr als die Geschichten, die mir meine Mutter über ihn erzählte, als sein Name fast vergessen war – er bedeutet Kirche für mich.

In den letzten Tagen wurde viel über ihn geschrieben. Doch keiner hat mich mehr zum Nachdenken über mich selbst und mein Erleben, mein Lernen gebracht als jener in der ARD: „Wie ein Licht in Finsternis„. So wird erinnert sich sein Freund Gaetano Latmiral, in der Gefangenschaft  in Tegel kennengelernt, besonders an dessen Ruhe, sein Gottvertrauen, seine Offenheit. Seine Neugier, mit der er Fremden begegnete, Weltoffenheit und Gelassenheit. Das waren die Grundwerte – trotz allem – die mir beigebracht wurden und die ich versuche bis heute zu halten.

Im ZEIT-Artikel ist zu lesen: Wer fromm ist, muss auch politisch sein.
Ist das Kirche heute? Nein, ist sie nicht und ebenso richtig wie treffend wir ebenda gesagt:

Unsere gegenwärtige Kirche, die in der Gefahr steht, sich bürgerlich einzurichten, braucht solche Impulse. Radikalität und Realismus werden heute in der Regel als Widerspruch gesehen. Bei Bonhoeffer finden sie zusammen.

Wenn ich all das lese, erkenne ich, dass ich mit einem Bonnhoefferschen Bild von Kirche aufwuchs. Dass ich aufwuchs damit, dass man aussprechen muss, was Recht und Unrecht ist – auch, wenn es unbequem ist. Vor allem aber wuchs ich auf mit dem Bild, dass es Menschen wie ihn gab, die Aufstanden und Halt riefen. Die schon früh gegen Judenverfolgung sprachen. Die nicht still waren und sich auch in den letzten Minuten den Glauben an eine bessere Welt nicht nehmen ließen. Ich weiß und durfte selbst erleben, dass sich Menschen für andere in Gefahr brachten, dass sie nicht mehr still hielten

Vielleicht ist es eben das, was mich gelassen sein lässt. Neben all der Aufregung. Vielleicht ist es das, dass ich doch immer einen Funken Glauben behalte, Glaube an das Gute. Vielleicht ist es auch das, weshalb mir bis heute die anderen wichtiger erscheinen als ich selbst.

Ich bin überzeugt, dass sich heute und hier viel mehr eingemischt werden muss, um zu zeigen, dass Religion eben nicht das ist, was immer mehr gedacht wird. Selbstgefälliges, egozentrischen Spiel von Wenigen, sondern zentrale Grundlage des gemeinschaftlichen Lebens. Ob man nun einer Gruppe angehört oder nicht – und ich meine hier nicht nur die christlichen Kirchen, nein, ich meine auch sehr wohl die jüdischen und muslimischen Gemeinden und allen anderen. Es ist zu still geworden. Ich möchte von allen deutlich mehr sehen und hören als das allgemeine Aufschreien, wenn wieder etwas passiert ist. Zeigt, dass da mehr ist, und da ist viel mehr.

Lasst das Aufschreien vor allem eines sein: Selbstlos! Es geht nie darum, wer besser ist. Wer mehr hat oder sonst irgendwas. Letztlich geht es immer nur um eines: diese Welt zu einem guten Ort machen. Wir sind, wie mir scheint, weiter entfernt als je zuvor. Und deshalb muss jeder „dem Rad in die Speichen fallen“ – denn so kann es nicht mehr weiter gehen. Mitgefühl ist kein christlicher Wert, ein menschlicher, der in allen von uns steckt.

Vielleicht braucht es Erinnerungen wie diese an Bonhoeffer, um uns daran zu erinnern. Es geht im Leben um viel mehr als um uns selbst. Ich vermisse die Kirche, so wie ich sie kannte. Ich weiß aber auch, wozu sie fähig sein konnte – manchmal.

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