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Und dann: Frühling

Und alles scheint wunderschön. Und Du spürst die Sonne auf Deinem Gesicht, kannst die Jacke beiseite legen, kannst innehalten und nur fühlen, hören, riechen. Frühling. Als hätte man die Menschen wieder angeschaltet, hätte man die Stromversorgung wieder hoch gedreht. Es sind diese frühen Frühlingstage, in denen Du das Glück in den Gesichtern der Menschen siehst. Nur ein paar wenige Tage sind es im Jahr und selten siehst Du die Gesichter in diesen Tagen. Die Augen sind weit für das helle Grün, für die Krokusse, Zaubernüsse und die Vögel, die plötzlich in aller Eile zu Baumeistern werden.

Und dann stehst Du am Fenster am offenen. Endlich. Du siehst draußen den Schwan vom Kanal her zur Spree rüber fliegen. Der Mond scheint schon am noch hellblauen Himmel. Und Du siehst die ersten Familienpicknicks drüben im Park und alles scheint voll Glück. Alles scheint zu gelingen. Alles ist so wunderbar. Und diese graue Stadt erwacht und räkelt und streckt sich und Du möchtest platzen vor Freude, dass das Leben wieder beginnt….und unten an den Häusern schleicht ein Obdachloser entlang. Auf der Suche nach Essbarem in den Tonnen des hippen Restaurants, auf der Suche nach ein paar Pfandflaschen, liegen geblieben im Rausch der letzten Nacht. Es sind mehr geworden, diese Obdachlosen. Mehr Gesichter, denen Du begegnest ohne Hoffnung. Aufgegeben. Du kannst sie nicht rütteln und rufen: „Schau doch, der Frühling“. Ihr Frühling ist vorbei. Lange schon. Sie suchen ihren Weg, gehen weiter. Und Du hörst von den Freunden, denen diese Stadt kein Glück brachte, wie sie überhaupt so selten Glück bringt. Der Ausweg ist, die Stadt zu verlassen. Ist es ein Ausweg? Vielleicht. Traurig bist Du über diese Gedanken. Traurig, dass die Besten gehen, dass sie die Stadt nicht zu überleben scheinen. Und all das, was hier groß wird, was andernorts nicht so laut und falsch tönen konnte, das bleibt und auch das macht Dich traurig.

Und dann aber der Frühling. Und Dein Leben. Die Sonne und das Leben und die Hoffnung, die Du jedem geben willst. Es ist Frühling in dieser Stadt, die so hart geworden ist.

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