Zum Inhalt springen

Wohin, Europa? Weiter Richtung Freiheit

Heute, am 11. Januar lief ein Marsch von Millionen durch Paris, in vielen Städten Frankreichs und Europa sammelten sich die Menschen, um der Toten zu gedenken. Nicht nur jenen vier Karikaturisten, sondern alles 17 Menschen, die in so kurzer Zeit ihr Leben lassen mussten. Noch immer scheint die Welt im Schock – und doch erwacht nach und nach das, was zu befürchten stand.

Nur wenige Stunden nach den Anschlägen fand man die ersten Verschwörungstheorien in den sozialen Netzen. Man schien sich einig: der Mossad war es. Es ist nichts Neues. Ich fühlte mich, wie in vielem dieser Tage, an New York erinnert. Und hoffe doch so sehr, dass es keine Wiederholung geben wird.

Relativ kurz nach den Anschlägen zog ich nach New York. Die Stadt hatte ihren Rhythmus allmählich wiedergefunden. Die Menschen hetzten die Straßen entlang. Am Ground Zero noch die Lücke und neben dem Haus, in dem ich lebte, kleiner werdende Blumenberge für die umgekommenden Feuerwehrleute der dortigen Station. New York und die USA erlebten in den Tagen und Wochen nach den Anschlägen ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie sie es womöglich nie für möglich gehalten hätten. Ressentiments spielten keine Rolle mehr. Es war egal, ob schwarz, weiß, Chinese, Jude…man war New Yorker, Amerikaner. Man war eins. Und zunächst auch, in den ersten Tagen wurden die Moslem noch verschont von Vorurteilen. Man war eins. Nicht lang.

Daran muss ich denken, wenn ich Europa jetzt beobachte. Ich muss daran denken, wie Politiker und jene, die es gern wären all das missbrauchen werden, um für sich zu argumentieren. Ich muss daran denken, dass es möglich ist, dass wir alle uns in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten, Jahren mit mehr Misstrauen betrachten – so, wie es in New York passierte, in den USA. Angst und immer wieder Angst.

Genau das darf nicht passieren. Genau dagegen müssen wir uns wehren und wir müssen – jetzt erst recht – ein Zeichen dagegen setzen. Nein, es ist nicht einfach. Und nein, mir fällt es auch nicht immer leicht. Dennoch wehre ich mich dagegen, Vorurteile aus Angst zu haben, die ich bisher nicht hatte. Ich lasse mir keine Angst vorschreiben.

Als deutscher Jude immer wieder zur Politik Israels befragt zu werden ist absurd. Genauso absurd aber ist es, als deutscher Moslem zu den Attentätern von Paris befragt zu werden. Was soll man denn antworten? Hat man mit ihnen in etwa genauso viel zu tun, wie mein Bürokollege mit dem Papst. All das impliziert, dass Islamismus gleich Islam sei. Ist je irgendein Christ in Deutschland zu Breivik befragt worden?

Kann man überhaupt Antworten für Wahnsinnstaten finden? Mir erscheint es eher als Zeichen der Hilflosigkeit. Man versucht Antworten zu finden….irgendwie, irgendwo und von irgendwem.

Bei allem, was wir Menschen tun, ob wir Religionen haben oder nicht, WIR allein treffen die Entscheidung über das, was wir tun. Mein Lehrer sagte damals, „G’tt hat uns ein Gehirn gegeben, ein Wunderwerk und er darf erwarten, dass wir es nutzen – zum Guten. Das allein erwartet er.“ Dieser Satz begleitet mich seit dem. Er begleitet mich, wenn ich an der Welt zweifle, an den Menschen, an mir. Wir allein sind die Entscheider, was wir aus der Welt machen. Wollen wir Frieden, so müssen wir im Kleinen anfangen und uns selbst hinterfragen, unsere Schubladen, die wir doch zum Wegsortieren der Welt so gern nutzen.

Es steht eine schwere Zeit an, in der Europa entscheiden muss, wohin es geht. Mit noch mehr Gesetzen, noch mehr Verboten in die Zukunft oder mit der Botschaft, Europa ist Freiheit und Europa lässt sich nicht bedrohen. Europa heißt auch Dinge ertragen müssen, die mir nicht gefallen aber auch das Recht zu haben, gegen sie auf die Straße zu gehen, Klagen bei Gericht einzureichen. Wir haben hier rechtliche Wege. Europa heißt aber nie, Menschen zu töten, weil sie nicht das tun, was mir gefällt. Wir dürfen es nicht zulassen, unser Misstrauen wachsen zu lassen. Gerade jetzt müssen wir das Gegenteil tun, um zu zeigen, dass sie, die Mörder unrecht hatten. Wir sind Menschen – alle. Und so wenig wir selbst in Schubladen gesteckt werden wollen, so dürfen wir es auch nicht im Kleinen tun.

Ich habe Angst vor den nächsten Wochen, aber auch ein wenig Hoffnung und möchte mit einem Satz eines Berliner Taxifahrers, mit dem ich das Vergnügen hatte, am Freitag ein paar Kilometer fahren zu dürfen, schließen: „Es kommt immer auf die Menschen an, nicht auf Religionen und Nationen. Menschen machen diese Welt.“

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

fünfzehn − 7 =