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#JesuisCharlie – Gedanken zum Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris

Ein paar Stunden ist es nun her, dass ich die Nachrichten aus Paris über Twitter bekam. Ein paar Stunden der Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit. Im Büro saß ich, weiß wie Kalk. Erzählte davon. Niemand hörte es, erst vorsichtig sackerte es in das Bewusstsein der Kollegen. Auch hier, Fassungslosigkeit. Mit Charlie Hebdo sind auch wir in gewisser Weise verbunden…doch das spielte bei dieser Tat keine Rolle.

Jetzt, vor allem nach dem Lesen des Artikels von Alexander Kissler im Cicero, beginne ich, meine Worte wiederzufinden, versuche sie zu ordnen und niederzuschreiben.

Was ist es, was mich so gelähmt hat, nach den Nachrichten vom Anschlag? War es die Nachricht, dass wieder ein Anschlag in Europa gelungen ist? Dass es mich nur deshalb so bewegt? Spätestens morgen früh werden die ersten Nachrichten dazu kommen, dass „Europa nur deshalb geschockt sei, weil es in den eigenen Reihen passierte“. Ist es das wirklich? Ich kann für mich sagen: nein. Das ist es nicht. Ich bin kein Käufer von Satiremagazinen. Ich amüsiere mich herrlich über Die Partei, liebe den Postillion und mache ganz jüdisch reichlich Witze über meine eigene Religion und bin auch nicht beleidigt, wenn es andere tun. Ich kann über mich selbst lachen. Ich weiß woran ich glaube, und woran nicht. Ich bin nicht in Freiheit aufgewachsen und weiß sie daher um so viel mehr zu schätzen. Ich weiß, was Pressefreiheit bedeutet, was sie wert ist. Mit Sorge sehe ich die Entwicklungen der letzten Zeit, die immer mehr zunehmenden Drohungen gegen Journalisten, aber auch die Einsparungen, so dass kaum mehr wirkliche Recherche möglich ist.

Meine Kindheit war eine zwischen den Zeilen. Hätte es den Humor, die Satire nicht gegeben, wenn auch unter der Hand, wären wir verrückt geworden. Sie gaben dem Ausdruck, was nicht gesagt werden durfte. In der Welt, in der ich nun über zwei Drittel meines Lebens lebe, war es immer möglich, alles zu sagen, was man dachte – und war es noch so dumm. Nie hat ein noch dümmerer Funktionär darüber entschieden, ob etwas veröffentlicht werden durfte im Namen des Staates oder nicht.

Heute nun, an diesem grauen Tag, stürmten Männer das Büro der Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und erschossen 12 Menschen, fünf verletzten sie schwer. Alles im Namen Allahs, wie sie meinen. Menschenleben, Kreativität, Talent, Geist und Witz wurden getötet und damit den Rechten noch mehr Futter für ihren irrsinnigen Hass auf Moslems gegeben.

Ich kann und will nicht in einer Welt leben, in der Religion genutzt wird, um Mord zu rechtfertigen. Religion ist dazu da, Mord und Unrecht zu verhindern, Menschen Ziele und Regeln zu geben für ein friedliches Miteinander. Ja, ich glaube daran. Ja, ich mag naiv sein. So aber bin ich aufgewachsen. Es ist mir egal, was mein Gegenüber glaubt, es ist mir egal, woher er kommt, es ist mir egal, wie sie aussieht. Alles, was für mich zählt ist, dass er/sie/es ein guter Mensch ist. Doch immer mehr fühle ich mich nicht mehr im Fortschritt, in einer Weiterentwicklung der Gesellschaft, sondern mehr und mehr im Rückschritt. Erst heute morgen, noch bevor das alles passierte, sprach ich darüber, was los ist mit dieser Welt, was hier gerade passiert, dass unsere Freiheit immer mehr eingeschränkt ist, dass wir mehr und mehr in einer Gesellschaft der Angst leben, vor der ich doch eigentlich mit meinem Rückzug aus den USA nach Europa floh. Wo ist das Miteinander geblieben? Die Akzeptanz? Toleranz? Man muss nicht immer einer Meinung sein. Mich persönlich nervt auch vieles, was in puncto Juden verfasst wird. Aber so what?

Habe ich Angst? Nein. Alles, was das heute auslöste war ein „Jetzt erst recht“. Ich werde meine Freiheit nicht hergeben. Mich widert auch der (deutsche?) vorauseilende Gehorsam an. Ich wuchs in einem Staat der Unfreiheit aufgewachsen. Ich will nie wieder in einem leben. Ich lasse es nicht zu, in wessen Namen auch immer.

12 Leben wurden ausgelöscht. Wofür? Für nichts. Für Schmerz und noch mehr Hass. Auch das lasse ich nicht zu. Man wird mich nie dazu bekommen, eine Religion an sich zu hassen. Man wird mich nie dazu bekommen, mich Vorurteilen anzuschließen. Ich, der gegenüber so oft so viele Vorurteile geäußert werden, werde mich nicht auf diese Ebene begeben. Die Menschen, die diese Morde heute verübten aber – sie hasse ich. Ich hasse sie dafür, dass sie Leid über Menschen, über eine Stadt, ein Land, Europa und die Welt brachten. Dafür hasse ich sie – und von einem bin ich überzeugt, G’tt sieht das ähnlich – so er noch zusieht.

1 kommentar

  1. Alwin Müller Alwin Müller

    Danke Juna, das beinahe unbeschreibliche gut beschrieben.
    Engstirnige Fanatiker wollten der Rest der Welt vorschreiben, wie man zu denken habe.

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