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Gedanken zu Flüchtlingen und Flucht.

Eine der häufigsten Fragen, die ich damals im Jüdischen Museum gefragt wurde war, warum denn die Juden nicht einfach geflohen seien. Hmm, einfach? Nein, es ist nicht einfach, es war nicht einfach und ist es bis heute nicht. Damals wie heute sind die Voraussetzungen so hoch, dass man es sich (damals) nur leisten konnte, wenn man Vermögen besaß, Verwandte, die für einen bürgten, man keine Krankheiten hatte, nur bestimmte Berufe ausübte…und immer wieder wieder: Geld!

Und heute? Wir leben in einem Land, dass damals die, die nicht mehr fliehen konnte umbrachte. Wir leben in einem Land, dass seine Landsleute, als sie zu Flüchtlingen wurden verabscheute, diskriminierte – heute würde man vom Mobben sprechen. Wir leben in einem Land, in dem Flucht und Vertreibung keine Unbekannte ist. Ein Land, das es selbst auslöste. Ein Land, das sogar ein Museum dazu errichtet – haben wir gelernt? Wenn ich die Diskussionen verfolge: NEIN. Wir haben nichts gelernt. Absolut nichts. Es gibt weiter keine Empathie. Hauptsache das eigene kleine Wasauchimmer ist sicher. Fremde könnten es ja schädigen. Haben sie das je? Leben wir nicht auch in einem Land, einer Region, die nur durch die Wanderungen Europas existierte? Haben wir auch die wirtschaftlichen Wanderungen vergessen? Es wäre eine Chance, all das Unrecht wenigstens heute gut zu machen. Nicht nur in Deutschland.

Ich weiß nicht, woher das Bild kommt, dass man sich so einfach dazu aufrafft, seine Heimat zu verlassen. Wer, um Himmels willen kommt auf solche Ideen? Kennen wir nicht auch aus der eigenen Geschichte die Berichte von Menschen, die ausharrten und dann zu spät waren. Die Liebe zur Heimat zum Zuhause mit dem Leben zahlten. Oder schauen wir doch einfach heute, nur in diesem Land. Menschen nehmen Arbeitslosigkeit und Armut eher in Kauf, als in ein anderes Bundesland zu gehen, um dort Arbeit zu finden. Hier geht es nicht darum, in eine andere Welt, ein anderes Land zu gehen, es geht um eine Reise über ein paar Kilometer. Kein Vergleich zu dem, was Flüchtlinge aus Syrien oder Afrika auf sich nehmen. Sie reisen nicht komfortabel mit Auto oder Bahn. Sie nehme unglaubliche Odysseen auf sich, riskieren ihr Leben, um ihr Leben zu retten. Um irgendwo leben zu dürfen, einfach nur leben und nicht sterben.
Sie verlassen ihre Heimat, ihre Familie, ihr Leben. Ihre Berufe, ohne Chancen im Exil zu haben. Es geht um das nackte Überleben. Dass das hier in Abrede gestellt wird, beschämt mich. Ja, wir müssen alle anpacken. Es geht nicht nur darum irgendwelche ideologischen Dinge zu verkünden. Menschenwürdige Unterbringung ist nur ein Anfang. Wir müssen fördern, den Kindern ein Leben geben. Kindergarten, Schule, Sprache für die die Familien, damit sie hier etwas heimisch werden können. Man weiß nicht, ob sie zurück gehen können. Die meisten aber, so bin ich mir sicher, würden alles tun, um wieder in die Heimat zu kommen, wenn es dort ein Leben gäbe. Vielleicht lohnt es doch, einen einfachen Klassiker der Literatur zu lesen, um ein Gefühl für das „Exil“, was immer so positiv, luxuriös gesehen wird, zu bekommen. Ich empfehle immer wieder gern Lion Feuchtwangers „Exil“.

Und persönlich? Hätte sich meine Großmutter nicht geweigert, zu fliehen als sie noch konnte, hätte sie nicht darauf bestanden bei den Eltern zu bleiben, wir lebten heute nicht hier. Ob es mich gegeben hätte? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es ihr besser gegangen wäre. Sie hatte Glück, sie überlebte. Es hätte auch anders kommen können. 

Uns geht es gut in Deutschland. Wir können und konnten nur eines nie: Teilen. Es wird Zeit, das zu ändern und Zeichen zu setzen. Niemand flüchtet je, ohne Grund. Niemand bricht sein Leben ab, ohne Grund. Niemand riskiert aus Abenteuerlust sein Leben, um in ein anderes Land zu kommen. Nur scheinen das noch zu viele Menschen in diesem Land zu denken. 

4 Comments

  1. Interessante Frage Interessante Frage

    Die Wahrheit ist, dass aus Deutschland und Österreich eigentlich relativ viele Juden geflüchtet sind, und deshalb auch proportional mehr Juden überlebt haben als aus anderen Ländern.

    Als aber mit der Eroberung Polens, dann der Balten, der Ukraine, Weissrusslands etc. die „Endlösung“ begann, hatten die Juden in diesen Gebieten, keine Zeit zu flüchten. Die wurden einfach von der deutschen Armee überrollt, und wenn sie es nicht schafften, hinter der Front zu bleiben (was nicht einfach war, da ja die Angriffe auf Polen und dann auch auf die Udssr überraschend kamen), dann sassen sie in der Falle, und es konnte passieren, dass sie innerhalb von 2 Wochen tot waren (siehe Babi Jar, Ponar, etc.).

    Für Ungarn und Rumänien galt, dass man vielleicht „präventiv“ hätte flüchten können, bevor dort die Deutschen Truppen einzogen, aber es war nicht leicht einzuschätzen, dass die Deutschen auch diese Länder besetzen würden…

    Für die flüchtlinge von 1933-1939 kam hinzu, dass viele von ihnen von den Nazis eingeholt wurden. Sie flüchteten z.B. nach Frankreich, und ein paar Jahre später waren die Deutschen dort und haben sie von dort abgeholt (siehe Anne Frank…)

  2. Juna Juna

    Ich bin vom Fach. Ich weiß, wie viele in etwa fliehen konnten und wie viele nicht. Dennoch, jeder, der nicht fliehen konnte ist einer zu wenig. Ab einem bestimmten Punkt war Flucht nicht mehr möglich. Hatte man nicht die entsprechenden Mittel, Kontake oder Bürgen war es vorbei. Wolfgang Benz schätzt 275.000 deutsche Juden, die fliehen konnten – allerdings heißt das nicht, dass sie auch überlebten. Ihre Geschichten enden zumeist mit dem Verlassen des Landes. Eine knappe Einführung zu den Bevölkerungszahlen deutscher Juden in den Jahren 33-45 findet man auch im Vorwort des Gedenkbuches.

    Dennoch, es ist nicht mein Punkt gewesen aufzuzählen, ob viele deutsche Juden auswandern konnten – sondern die Bedinungen dazu. Länder die Einwanderungsstops verhängten, die nur bestimmte Kontingente aufnahmen, nur bestimmte Berufe und das alles im Angesicht von Mord. Es hat sich nicht viel geändert. Anstatt wir Menschen retten, lassen wir sie an den Türen kratzen und sterben. Darum ging es mir. Es wird eine ähnliche Diskussion wie damals gewesen sein. Menschen wie Paul Grüninger, der sie nicht wieder zurück in den Tod nach Deutschland schickte – wie so viele an der Schweizer Grenze erhalten erst jetzt den Respekt, den sie verdienen. Es gibt zuwenige Retter, viel zuwenig Empathie und zuviel Vergessen, dass in diesem Land genügend Menschen selbst von Flüchtlingen abstammen. Das war mein Punkt.

  3. interessante frage interessante frage

    Wenn diese Frage gestellt wird „warum sind nicht mehr geflüchtet“ scheint es mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Hypothese, die hinter der Frage steht, sehr undifferenziert ist und nicht unbedingt den Tatsachen entspricht. Gerade wenn man vom Fach ist sollte man sein Publikum darauf hinweisen, dass die Situation je nach Land und Zeitpunkt ganz verschieden war, sonst setzen sich zu viele falsche Vorstellungen in den Köpfen fest.

  4. Juna Juna

    Nochmals,

    1. dies hier ist kein wissenschaftlicher, sondern ein persönlicher und bisweilen durchaus emotionaler Blog,

    2. ich habe keineswegs undifferenziert geschrieben, denn auch Exil hieß nicht notwendigerweise überleben, denn mit dem Verlassen des Landes hörten wie gesagt die Geschichten auf. Nicht jeder kam in „sichere Häfen“. Darüber gibt es kaum Zahlen.

    3. Sind bis dato die Auswanderungszahlen und vor allem die Zahlen zu den in Deutschland lebenden Juden nicht verifiziert.

    4. JEDER, absolut jeder, der nicht überlebt hat ist einer zuviel, geschätzte 160.000 ermordete „deutsche Juden“ sind 160.000 zuviel.

    5. betrachte ich das Ganze nicht in den Grenzen von heute.
    6. Ich mache in diesem Fall keinen Unterschied zwischen Menschen, denen die Pässe weggenommen wurden und aus Deutschland Richtung Osten ausgewiesen wurden und jenen, die bleiben durften. Was waren deutsche Juden? Für mich auch all jene, die lange vorher einwanderten und eine Existenz hatten. Sie fallen aus der Statistik.

    7. Weiß ich, dass die Aussage, dass „relativ viele“ fliehen konnten das Bild viel mehr verzerrt. Denn so heißt es dann, dass ja alles nicht so schlimm gewesen wäre. Ich habe genug davon, das zu hören und ich habe es reichlich gehört.

    8. habe ich auch über die deutschen Flüchtlinge aus den „Ostgebieten“ geschrieben. Ich beziehe mich in diesem Artikel nicht nur auf Juden, sondern auf ALLE Flüchtlinge.
    9. habe ich über die verschiedenen Voraussetzungen und Schwierigkeiten erwähnt, die nötig waren, um sein Leben zunächst zu retten, Voraussetzungen, die nur wenige erfüllen konnten um sich dann oft genug in Sackgassen zu retten oder, so sie die Flucht überlebten keine glücklichen Leben mehr führen konnten. Etwa, weil sie in ihren Aufnahmeländern als Flüchtlinge diskriminiert wurden – ihr Leben lang. Und das, genau das ist es was heute hier in Europa passiert. Die Menschen wollen ihr Leben retten, schaffen es und müssen dann nicht nur unter dem Verlust ihrer Heimat, Familie und Beruf(ung) leiden, sondern werden behandelt, als wären sie Verbrecher. DAS WAR MEIN PUNKT:

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