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Ein Winter in Deutschland, der zweite Tag Hanukka

Es ist der zweite Tag Hanukka.

Ich sitze nur beim Schein der Kerzen. Diese kurze Pause an den Tagen von Hanukka an denen die Kerzen brennen, diese Stunde, mehr ist es nicht. Eine Stunde scheint die Welt still zu stehen.

Für mich war es immer Ruhe, dieses Jahr besonders. Dieses Leuchten im Fenster, manchmal ein Flackern. Ruhe und irgendwie auch ein kleines Stück Gewissheit, dass wir das jetzt hier auch überstehen.
Das hier heißt AfD, heißt Pegida, heißt wie auch immer. Eines hat dieses „das hier“ gemein: es ist widerwärtig und macht Angst. Andere Angst als im Sommer. Es macht Angst, weil es so sehr zeigt, wie wenig die Menschen selbst denken. Es zeigt so sehr, wie schnell sie sich beeinflussen lassen durch dumme Reden, einfache Antworten die keine sind, sich mit YouTube Videos ohne Reflektion berieseln lassen und zu allem eine Meinung haben, wenn auch wenig Ahnung. Irgendwie erinnert mich das an die Rekrutierung der selbsternannte Gotteskrieger? Parallelen, Parallelen.

Und immer mehr und immer radikaler höre ich in den letzten Wochen und Monaten, dass Religion an all dem Schuld sei. Und frage jedes Mal, ob man es sich da nicht zu einfach macht. Aber einfache Antworten sind dieser Tage ja beliebt. Bilder würden über Text siegen, sie sind leichter konsumierbar, hieß es jüngst in einer Studie. In Berlin Brandenburg wird der Geschichtsunterricht abgeschafft und zusammen mit Erdkunde und Sozialkunde zu „Gesellschaftskunde“ vermengt, die Geschichtslehrer laufen Sturm und später wird man sich an den weiterbildenden Institutionen wieder wundern, warum niemand mehr etwas weiß, von Geschichte, wird sich wundern, warum nicht mehr gelesen wird, warum dieses und jenes…
Hauptsache, die Videos laufen noch, in denen einem erklärt wird, dass der Nachbar aus Timbuktu einem nach dem Leben trachte. Die Medien, allen voran die Öffentlich Rechtlichen hingegen, werden als Gehirnwäscher verunglimpft und man kann nur noch fragen, was hier eigentlich los ist.

Und dann sitze ich hier, im Schein der Kerzen und versuche etwas Abstand vor der Dummheit zu gewinnen. Versuche an diesen kleinen Sieg, die Rückeroberung des Tempels, die unsägliche Geschichte vom Ölwunder (ja auch wir haben seltsame Geschichten) zu denken. So viele Siege hatten Juden nicht man muss sie feiern. Auch das werden wir jetzt hier überstehen. Nicht nur wir Juden, alle Menschen. Menschen, die nicht stumm mitlaufen, sondern sagen, dass hier etwas ganz gewaltig schief läuft. Die aufstehen und HALT rufen. Wir werden auch das überstehen, wie wir alles überstanden haben. Nur könnte das Leben schöner sein, für alle, wenn wir uns einfach mehr umeinander kümmerten. Wenn es endlich keine Rolle mehr spielt, woher man kommt, ob man Akzent oder Dialekt spricht. Wenn wir uns endlich nehmen als das, was wir sind: Menschen. Warum müssen wir unsere Leben zerstören? Warum darf man das Leben nicht einfach gut und schön machen, für jeden?

Und so sitze ich bei meinen Kerzen. Ruhe legt sich über mich und ich empfinde so etwas wie Glück. Es wird vorüber gehen. Aber wir müssen etwas dafür tun. Wir dürfen Dinge nicht wiederholen lassen und wir dürfen vor allem endlich mal aufhören, überrascht zu sein, dass es nicht nur die am unteren Ende der Einkommenskala sind, die da auf die Straße gehen. Nehmt Eure Scheuklappen ab und seht dem Irrsinn endlich ins Gesicht. Er ist hier – mitten in der Gesellschaft und er schaukelt sich immer mehr hoch. Schneidet die Seile durch und lasst die Schaukel abstürzen. So ein Fall hat schon so manchen zur Besinnung gebracht.

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