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Mord und Sippenhaft

Menschen werden beim Beten getötet. Sie werden nicht aus der Distanz mit Bomben oder Gewehrsalven getötet, sie werden direkt, Auge in Auge ermordet. Sie werden beim Beten getötet. Ein Tabubruch, ein schrecklicher. Spätestens hier, dürfte auch dem letzten klar sein, dass wir beim grausamsten aller Kriegsthemen ankommen: Religion. Irrational und nie mit Lösung. Ich sitze da und bin fassungslos, im wahrsten Sinne.

Hilflosigkeit macht sich breit. Denn, wenn man nicht einmal mehr im Ort des Gebets, Frieden finden kann, wo dann? Ich habe ein leises Gefühl der Gefühle von Menschen in Jerusalem, in Israel. Ich kann es nie vollends verstehen und maße es mir nicht an. Ich fühle Schockstarre.

Und dennoch musste man suchen, um zur Nachricht zu gelangen, dass Abbas dieses Anschlag verurteilte, aufs Schärfste. Und dennoch werden die Rufe nach Vergeltung laut. Vergeltung – ich verstehe das nicht. Ist es nicht Vergeltung genug, dass die Attentäter erschossen wurden, während ihrer Tat?

Ich verstehe nicht, dass das Zerstören der Häuser der Familien irgendetwas dazu beitragen könnte, dass es keine Anschläge mehr gäbe, dass es Menschen sagen ließe: „Oh, ja, klar, die haben das Haus meiner Familie zerstört, die haben ja recht, der/die/das hatte mit seinem Anschlag unrecht, wir leben jetzt auf der Straße und haben Verständnis…“. Ja, ich weiß, das ist jetzt sehr polemisch. Aber dennoch: würde ich anders denken? Würde nicht jeder Gedanke der Wut und der Verzweiflung, über die Tat eines Familienangehörigen nicht im Keime erstickt werden? Kehrt die Heimlosigkeit nicht alle klaren Gedanken in das Gegenteil? Zeigt es den Kindern nicht, dass der Attentäter in der Familie recht hatte? Dass man auch so werden soll und muss? Dass man auch losziehen muss, den nächsten Israeli töten?

Eine sich immer höher schraubende Spirale in dem niemand mehr klare Gedanken zu fassen scheint – bis dahin, dass man Menschen im Gebet tötet.

Ja, ich mag naiv sein. Ja, ich meine, Sippenhaft ist kein Mittel. Ich meine, Frieden und Handreichung erfordert mehr als menschlich meist möglich ist. Aber immer wieder – Sippenhaft ist kein Mittel, nie. 

5 Comments

  1. Noa Noa

    Juna, es ist nicht als „Vergeltung“ oder „Strafe“ gedacht, sondern soll als Abschreckung gelten. VErmutlich werden sich Attentaeter, die ihren Tod sowieso mit einkalkulieren und sich vor diesem auch nicht fuerchten, ein paar mal mehr ueberlegen, ob sie ihrer Familie das antun wollen, dass nach ihrem Tod 10-12 Geschwister, sowie Eltern heimatlos sind. Das ist der Sinn. Es gibt KEINE andere Abschreckung, der Tod, oder das Einplanen, dass man erschossen wird, waehrend des Anschlages hindert sie nicht. Sie sterben – im Gegenteil dann sogar als Maertyrer, Shahidim… Freiheitskaempfer und werden vom ganzen Dorf gefeiert, einschliesslich Eltern, die stolz auf den Sohn sind, dass er etwas fuer die „gute Sache“ getan hat. … Ja, Juna, Schockstarre fuehlen hier auch sehr viele.. und die Angst geht um, jeden Tag…

  2. Juna Juna

    Noa, genau das ist der Punkt. Es ist KEINE Abschreckung. Es ist ihnen offensichtlich egal, was mit ihren Familien geschieht. Ich wage zu bezweifeln, dass alle Eltern wirklich stolz auf ihren Sohn sind, so wie ich es bezweifle, dass alle israelischen Eltern keine Angst um ihre Kinder in der Armee hätten.

  3. Noa Noa

    Keine angst um die kinder in der army? Da kenne ich aber NUR familien die angst um die kinder i. D army haben. Wer hat dir das erzaehlt dass man.keine angst um d kinder hat?mit recht zweifelst du daran .die andere tatsache weiss ich nicht. (Stolz auf den shahit… wir sehen.im tv nur muetter die stolz aeussern

  4. Chajm Chajm

    Ich denke, das ist der springende Punkt. Ich habe wenig (israelische) Menschen getroffen, die sich keine Sorgen um ihre Angehörigen in der Armee machen. Auf der anderen Seite haben wir Menschen, die den Tod ihrer Angehörigen heroisieren und sie zu Märtyrern machen und den Tod für eine gute Sache halten (»Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod«). Das ist für »uns« rational nicht nachvollziehbar und deshalb legen wir unsere Maßstäbe darauf an.

  5. Juna Juna

    Ich rede von „meiner“ Familie. Ich rede nicht vom jetzt, vom Krieg. Natürlich hat jeder Angst, wenn das Kind in den Krieg ziehen muss. Als aber Frieden herrschte, war es anders. Die Mütter erzählten heimlich, dass sie Angst haben, dass sie nicht wollen, dass ihre Kinder zur Armee gehen, denn es könnte ja immer wieder etwas losgehen. Sie erzählten davon, wie tabuisiert es ist, dass man Zweifel daran hat. Davon spreche ich. Von nichts anderem.
    Und ich habe, ja auch Familien gesehen, die an dem Zweifeln was ihre Kinder als vermeintliche Märtyrer taten. Die geächtet worden wären, wenn sie nach außen anderes als Stolz gezeigt hätten, die keine Chance haben, dort hinauszukommen.
    Und gleichzeitig kenne ich junge Israelis, deren Eltern sich abwandten, weil sie andere Wege gehen wollen. Weil sie an Frieden ohne Waffen glauben, weil sie genau das anzweifeln, was ich hier anzweifel. Die Zerstörung der Häuser hat noch nie jemanden abgeschreckt. Es mag vielmehr „Legitimation“ sein, weiterzumachen. Dafür habe ich nun Freunde, die keine Familie mehr haben, weil sie auch das gesagt haben. Deren Eltern ihnen sagten, dass sie nicht mehr ihre Kinder sind – weil sie andere Gedanken als die „öffentliche“ Meinung hatten. Auch das gibt es.

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