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Aura – Warten auf den Schmerz

Sie kommt plötzlich. Bricht in den Tag ein und hat die Kraft, alles zu ändern. Man kann sich auf sie nicht vorbereiten. Sie ist da. Sie ist selbst Vorbereitung in sich.
Wenn es gut geht, ist man irgendwo in Sicherheit, zuhause, in geschützter Umgebung. Zu oft schleicht sie sich an, wenn man sie am wenigstens erwarten, sie noch viel weniger brauchen kann. Im Meeting, im Verkehr, beim Essen, in der Prüfung.
Sie nimmt das Licht, tut, als hätte man zu lang ins Licht gesehen und geht nicht. Wird stärker, bleibt bei geschlossenen Augen, ist immer da. Blitzt, drückt, greift über. Blindheit komplett mitunter, eingefroren am Ort des Seins. Warten. Warten auf ihr vorübergehen. Warten auf das Danach. Angst. Was wird sein. Wie lange bleibt sie? Wer kommt danach. Unsicherheiten. Die Zeit verloren, die Zeilen, die Welt verschwommen. Der Weg nach Hause in den Minuten der Fähigkeiten. Das Warten, das Warten. Das Augen schließen. Reizlosen Schutz hinter den Lidern suchen, nicht finden. Sich selbst nicht mehr wahrnehmen. Nur noch die helle Dunkelheit. Das Warten.

Das Warten auf den Schmerz. Die Minuten wenn sie geht. Manchmal nur Sekunden, der Freiheit. Sie geht ab von der Bühne des Gehirns. Die Synapsen erholen sich, man hofft. Hofft, davonzukommen. Hofft, nur mit dieser Schwächung in den Tag zurückzukehren, in die Nacht. Ein Schnitt im Tag. Erschöpfungen durch Blindheit. Die Plötzlichkeit, die niemand sieht. Die man nicht erklären kann. Die nicht verstanden wird und die lähmende Angst.

Tage, an denen er nicht kommt, der Schmerz sind selten. Doch es sind die Tage, auf die man hofft. Tage, die nur Ruhe für das Hirn suchen. Tage aber, in denen sie nur der Anfang war, die Aura. Anfang der Hölle, die kommen wird. Sie die Vorbotin. Aura, die doch sonst als Licht und Glück auf Gemälden gebracht wird. Aura heißt für uns, die sie sich auserwählt, den Hades. Das Ende. Es gibt keine Flucht. Man muss die Reise antreten, die Reise in den Schmerz, der so überwältigend ist, dass man tot sein will. Trotz allem Wissens, dass es vorübergehen wird. Schmerzen ohne Gnade, ohne Hilfe, ohne Grund.

Der Schmerz, er kommt. Er ist da. Er macht nicht die Angst, die die Aura macht. Die hinterhältige, bösartige Schlampe. Der Schmerz, er ist da, er ist brutal, er ist ehrlich. Er macht nichts vor, spielt keine Spiele, lässt nicht in Unsicherheit,  er quält in allem, was er aufbringt. Er ist greifbar, unerbärmlich, er schreit Dich an und erniedrigt Dich. Prügelt auf Dich ein, zwängt Dich, drückt Dich fest zu Boden, schwere Nägel in der grauen Masse, immer und immer wieder. Nimmt Dir Luft und weckt Dich, wenn Du zu erschöpft bist, um wach zu sein. Schüttet Dir den kalten Eimer Schmerz ins Gesicht, um weiterzumachen. Immer weiter, immer wieder. Und irgendwann hat er genug, die Lust an der Qual verborgen und gibt neues Leben. Eine Wiedergeburt jedes Mal….

2 Kommentare

  1. Frank Schütze Frank Schütze

    Es ist sehr schön geschrieben und macht mir doch Angst! Irgendwie Angst um Dich. Mir fehlen auch irgendwie die Worte, Juna.

  2. Sturmfrau Sturmfrau

    Oh, wie gut ich das kenne, und wie treffend Sie es beschrieben haben.

    Vor allem auch die Nichterklärbarkeit. Wie macht man es Außenstehenden deutlich, dass man plötzlich blind wird, sich das Gesichtsfeld immer enger zieht, zuerst nicht mehr sehen, dann nicht mehr denken kann und dann nicht mehr sagen kann, was man denkt? Das Versagen der eigenen Hände, das Kribbeln in Nasenspitze und Zunge. Nur einem selbst ist klar, dass man für den Rest des Tages unfähig sein wird, irgend etwas zu machen. Von außen sieht man das nicht.

    Ich bekomme schon Panik, wenn ich zu lang in Scheinwerfer sehe oder in die Sonne. Beinahe bekam ich auch Panik, als ich Ihr aura-retuschiertes Konterfei bei der Featurette sah – ich dachte wirklich, ich kriege Migräne. Was mich dann veranlasste, weiterzulesen.

    Danke für diesen Text. Er öffnet vielleicht ein Fenster auf das Chaos, das hinter unserer Stirn vorgeht und das niemand begreifen kann, der es nicht selbst erlebt.

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